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Avocados
aus Jaffa und der kalte Frieden
von Dr. Sonja Hegasy
(Zentrum Moderner Orient, Berlin), taz 20./21.03.1999
Ägypten und Israel
schlossen vor zwanzig Jahren Frieden. Trotzdem sind die Menschen beider
Länder wie ehedem verfeindet. Zwei Drittel der Ägypter kauft
beispielsweise keine israelischen Waren. Eine Initiative von unten aus
Ägyptern und Israelis schickt sich nun an, die Gesellschaften einander
näherzubringen.Hintergründe.
Es ist ein kalter Frieden trotz des Friedensvertrages zwischen
Israel und Ägypten vor nunmehr zwanzig Jahren.
Eine erste Friedensdividende brachte nur der Tourismus. Als Israel 1982
den letzten Rest der Sinaihalbinsel geräumt hatte, fand Ägypten
dort eine moderne touristische Infrastruktur vor. Heute gibt es eine Vielzahl
von Israelis, die entweder auf den Spuren Moses' durch den Sinai reisen
oder zum Tauchen ans Rote Meer fahren. Von Taba bis nach Sharm el-Sheikh
säumt ein Feriendorf nach dem anderen die Küste. Es gibt einzelne
Anlagen, die exklusiv von Israelis genutzt werden, aber in anderen begegnet
sich die Jugend aus beiden Ländern.
Langsam zog auch die Geschäftswelt nach; deren Projekte wurden jedoch
möglichst diskret betrieben, wenn nicht gar geheimgehalten. Dieses
Jahr soll beispielsweise eine Gaspipeline zwischen Israel und Ägypten
eröffnet werden. Man kann zwar israelische Avocados in Ägypten
kaufen, aber wenn man beim Gemüsehändler nachhakt, so versichert
er trotz leuchtend gelben Jaffa-Aufklebers, sie kämen aus dem ägyptischen
El-Arish.
Ebensowenig möchte man Aufsehen erregen mit den ungefähr 30.000
in Israel beschäftigten Ägyptern, die den enormen Bauboom bedienen.
Nach Angaben der ägyptischen Menschenrechtsorganisation EOHR gibt
es auch noch neun ägyptische Kriegsgefangene in Israel. Am 10. Februar
diesen Jahres wurde einer von ihnen, der 74jährige Mahmud al-Sawarka,
nach 21 Jahren Haft freigelassen.
1994 führte das unabhängige Forschungsinstitut al-Mishkat' eine
der wenigen Meinungsumfragen in Ägypten durch. Sie ergab, daß
52 Prozent dagegen waren, daß Israelis ihr Land besuchen; mehr als
zwei Drittel kaufen keine israelischen Waren; drei Viertel kritisieren,
daß Israel Fabriken in Ägypten baut, und 62 Prozent gaben an,
nie nach Israel fahren zu wollen.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben es die beiden Gesellschaften
nicht geschafft, einander näherzukommen. Es gibt keinen Schüleraustausch,
keine Städtepartnerschaften, geschweige denn einen Kulturaustausch.
Im Gegenteil: antiisraelische Filme wie "48 Hours in Israel",
in dem ein ägyptischer Spion vom israelischen Geheimdienst Mossad
von Griechenland nach Israel verschleppt wird (dort "zum Glück"
aber nur 48 Stunden im Koma verbringen muß), sind beliebt.
Die meisten der arabischen Intellektuellen meiden wissenschaftliche Tagungen
in Israel. Im Kampf um die Rechte des palästinensischen Volkes wollen
gerade sie keine bilateralen Lösungen unterstützen, solange
keine allumfassende Friedenslösung gefunden wird. Ägyptens Separatfrieden
von 1979 verurteilen sie scharf.
Vor zwei Jahren scherten einige Intellektuelle erstmalig aus und trafen
sich mit Israelis in Dänemark. Prompt sahen sie sich mit einer haßerfüllten
Kampagne konfrontiert: So bezeichnete die Professorin für englische
Literatur, Radwa Ashour, diese menschliche Annäherung als eine neue
Form "biologischer Kriegsführung".
Was war passiert? In Kopenhagen hatten sich damals Ägypter, Israelis,
Palästinenser, Jordanier und Europäer unter der Schirmherrschaft
der dänischen Regierung getroffen, um analog zu den Regierungsverhandlungen
in Oslo eine Friedensinitiative von unten zu gründen.
Der Friedensprozeß von Camp David über Madrid (1991) bis Oslo
(1995) war in erster Linie ein Regierungsgeschäft gewesen, aber nie
sonderlich populär bei der Bevölkerung. Die Teilnehmer der Allianz
von Kopenhagen wollten nun Kontakte von Bürger zu Bürger knüpfen.
Araber und Israelis sollten erkennen, daß hinter ihren stereotypen
Feindbildern Menschen mit unterschiedlichen Meinungen stecken.
Wer weiß schon in der arabischen Welt, daß ein Großteil
der Israelis für den Rückzug ihrer Militärs aus allen 1967
besetzten Gebieten ist? Es ist ein Novum, wenn Mitglieder der israelischen
Friedensbewegung "Peace Now" bei einem Treffen in Kairo mit
den ägyptischen Teilnehmern der Allianz von einem israelischen Offizier
vertreten werden, der an vier Nahostkriegen teilgenommen hat. Heute treffen
sich Ägypter und Israelis in unregelmäßigen Abständen,
um Aktionen vorzubereiten.
Diese Hinwendung hat auch mit Israels Gesellschaft zu tun, die sich während
der vergangenen zehn Jahre verändert hat. Die Jungen wollen nicht
immer nur von Politik reden und ständig mit einem Attentat rechnen
müssen; die Älteren fürchten eine weitere Brutalisierung
der Gesellschaft. Israel hat seit seiner Gründung in jedem Jahrzehnt
einen Krieg ausgefochten (1948, 1956, 1967, 1973 und 1982).
Diesen Israelis wollen die Initiatoren der Allianz von Kopenhagen signalisieren,
daß sie nicht in einem vollkommen feindlichen Umfeld leben. Die
arabische Seite hofft mit diesem Schritt, die israelische Friedensbewegung
stärken zu können. Denn nur wenn die Israelis erkennen, daß
Verständigung mehr Sicherheit birgt als jede sogenannte "Pufferzone",
wird der Friedensprozeß nicht enden.
Die ägyptischen Teilnehmer der Allianz von Kopenhagen, die sich inzwischen
Kairoer Friedensgruppe nennen, müssen dem Widerstand ihrer Landsleute
trotzen, die meinen, daß die Israelis ein breites Repertoire von
Mitteln anwenden Dialog, Verhandlungen, aber auch Attentate und
Bombenangriffe -, um den Friedensprozeß letztlich zu verhindern.
Als das Treffen von Kopenhagen in der ägyptischen Presse bekannt
wurde, begann eine regelrechte Hexenjagd. Zwar waren die Teilnehmer auf
Kritik vorbereitet, aber die Reaktionen waren überraschend hart.
Die verbale Hetzjagd gegen die Normalisierungsbefürworter wird von
einer seltsamen Allianz aus islamistischen, nationalistischen und linken
Intellektuellen geführt. Lotfy al-Kholy verließ den Vorstand
der sozialistischen Tagammu-Partei, da ihm ein Parteiausschlußverfahren
drohte. Al-Kholy, der 1979 immer die kompromißlose Antinormalisierungspolitik
seiner Partei vertreten hatte, begründete sein Engagement damit,
daß die arabische Öffentlichkeit wissen müsse, daß
es auch Israelis gebe, die Netanyahus Politik verurteilen. Al-Kholy starb
vor wenigen Wochen. In den Nachrufen zeigten sich einige seiner Kritiker
beschämt über die Schmutzkampagne, mit der sie ihn überzogen
hatten.
Tatsächlich ist das Klima, in dem die Initiative von Kopenhagen geboren
wurde, das denkbar schlechteste für einen Dialog. Präsident
Netanjahu hat die Atmosphäre derart vergiftet, daß jegliches
Vertrauen in Zusagen oder Absichten auf der arabischen Seite verlorengegangen
ist. Sie fragen sich ernsthaft, was Verträge in einer Demokratie
noch zählen, wenn sie beim ersten Regierungswechsel null und nichtig
sind. "Die einzige Demokratie im Nahen Osten", wie Israel in
Deutschland gerne genannt wird, zeigte sich als wackliger Kantonist in
Sachen Außenpolitik. Die ägyptische Regierung respektiert die
Aktivitäten der Allianz. Sie hat damit ein weiteres Spielbein für
ihre eigene Außenpolitik gewonnen was nicht zwingend bedeutet,
daß die Allianz am offiziösen Gängelband hängt.
Den israelischen Teilnehmern wurde von ägyptischen Kritikern unterstellt,
daß sie für den Mossad arbeiten. Couragiert konterte der Leiter
der wichtigsten ägyptischen Denkfabrik, "al-Ahram Center for
Political and Strategic Studies", Abdel Moneim Said: "Wir untersuchen
nicht die Biographien der Teilnehmer, um herauszufinden, welcher Sicherheitsdienst
dahintersteckt. Aber wenn ein Mossad-Mann sich für einen palästinensischen
Staat ausspricht, dann ist das genau die Art von Antwort, die wir haben
wollen."
Solche Sätze rühren am Selbstverständnis der arabischen
Gesellschaften. Schließlich ist die politische und Alltagskultur
von einem billigen Antisemitismus geprägt, dessen Niveau kaum zu
unterbieten ist.
Da wird davor gewarnt, das Waschpulver "Ariel" zu kaufen, denn
der Name sei jüdisch und der Waschwirbel in der oberen linken Ecke
der Packung sei der Davidstern. Auch eine ägyptische Imbißkette
wurde beschuldigt, den Davidstern als Emblem zu führen. Steven Spielbergs
Film "Schindlers Liste" wurde nicht für das wichtige internationale
Filmfestival in Kairo nominiert. Über die Verfolgung der jüdischen
Bevölkerung in Europa kann ein arabischer Schüler nichts lernen.
Schmerz und Mitgefühl passen nicht in das Bild, das von den Israelis
gezeichnet wird. Und so war es eine kleine kulturelle Revolution, als
auf einem jüdisch-arabischen Symposium in Beirut im Sommer vorigen
Jahres arabische Intellektuelle über den Holocaust referierten. Schließlich
gibt es noch heute arabische Politiker, die sich nicht scheuen, in internationalen
Zeitungen zu sagen, daß sie nicht an die Existenz der Krematorien
glauben.
Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk beklagte 1996 in einem Essay,
daß angesichts der blutigen Selbstmordattentate in Israel nie auch
nur eine mitmenschliche Regung aus der arabischen Welt gekommen sei. "Die
Generäle schließen Frieden, während die Autoren Krieg
führen. In diesem Paradox sind wir gefangen." Zu den wenigen
arabischen Schriftstellern, die ihr Beileid offen bekundeten, gehörte
der palästinensische Autor Emile Habibi, mit dem Kaniuk bis zu Habibis
Tod 1996 eine tiefe Freundschaft verband.
"Frieden schließt man mit dem Feind", schrieb der ägyptische
Kolumnist Salah Bassiouni in der Zeitung al-Ahram. Ein Ausspruch, der
vom israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin bei den Friedensverhandlungen
in Oslo getan wurde und auf Yoram Kaniuk zurückgeht. 1974 hatte dieser
bemerkt, er würde lieber mit den Dänen Frieden schließen,
"aber man muß nun einmal mit Feinden Frieden schließen".
Es ist ein kleiner Erfolg, daß seit zwei Jahren Treffen zwischen
der Kairoer Friedensgruppe und "Peace Now" stattfinden, unbehelligt
vom endlosen Auf und Ab der offiziellen Verhandlungen. Selbst ägyptische
Kritiker der Friedensinitiative von unten räumen ein, ein positiver
Beitrag der Allianz könne darin liegen, daß sie Klischees aufbrechen
könne. Vielleicht wird man dann einmal ganz normal über Avocados
aus Jaffa sprechen können.
Ägypten, Israel: Junger Frieden zwischen Feinden.
(Facts and Figures)
Am 14. Mai 1948 wird der Staat Israel ausgerufen. Tags darauf wird er
von Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon, Irak und Saudi-Arabien angegriffen.
1956 besetzen israelische Truppen erstmals die Sinaihalbinsel und den
Gaza-Streifen.
Im sogenannten Sechstagekrieg von 1967 greift Israel Ägypten an und
erobert erneut den Gaza-Streifen sowie den Sinai bis zum Suezkanal.
1973 greifen Ägypten und Syrien Israel an.
Am 17. September 1978 Beginn der Friedensverhandlungen zwischen Israel
und Ägypten.
Am 26. März 1979 unterschreiben Ägyptens Präsident Anwar
Sadat und der israelische Premierminister Menachem Begin einen Friedensvertrag.
Ägypten wird daraufhin aus der arabischen Liga ausgeschlossen. Sadat
und Begin erhalten später den Friedensnobelpreis.
Im Februar 1980 Austausch von Botschaftern. Präsident Sadat wird
am 6. Oktober 1981 von der islamistischen Gruppe Jihad erschossen.
1988 gibt Israel den letzten Teil des Sinais an Ägypten zurück.
Am 4. Februar verüben Palästinenser in Ägypten einen Anschlag
auf einen Touristenbus, bei dem zehn Israelis getötet werden.
Am 31. Oktober 1990 wird Kairo wieder Sitz der Arabischen Liga. Nach Ende
des zweiten Golfkrieges treffen sich im Oktober 1991 Delegationen aus
Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten, um Friedensverhandlungen
zu beginnen.
1994 findet eine Wirtschaftskonferenz in Casablanca statt, die Israel
die Integration in den arabischen Markt ermöglichen soll. Im Dezember
kommt der israelische Präsident Chaim Weizmann zu einem Staatsbesuch
nach Ägypten.
Der Großmufti von Saudi-Arabien erklärt, daß Friedensverträge
mit Israel Rechtens sind. Umweltschützer aus Ägypten, Israel,
Palästina und Jordanien gründen im selben Monat das Forum "EcoPeace".
Ägyptens Präsident Husni Mubarak empfängt am 19. März
1995 erstmals eine Delegation des israelischen Parlaments. Am 28. September
wird der Oslo-II-Vertrag der die künftigen friedlichen Beziehungen
zwischen Israel und Palästina regeln soll in Washington in
Anwesenheit des ägyptischen Präsidenten und des Königs
von Jordanien unterzeichnet.
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