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Ägypten
Gesellschaft und Kultur |
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Gesellschaft und Religion
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Im Vergleich zum Irak oder Algerien ist die ägyptische eine relativ homogene Gesellschaft mit klar definierten nationalen Grenzen. Nur mit dem Sudan gibt es einen schwelenden Grenzkonflikt um das Wadi Halfa. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, aber 10% der Ägypter gehören der koptisch-orthodoxen Kirche (entst. 451 nach dem Konzil von Chalkedon). Die übrigen Ägypter sind fast alle Muslime der sunnitischen Glaubenschule. Oberhaupt der koptischen Kirche ist seit 1971 Patriarch Schenuda III. (Fakten und Zahlen zur Kirche in Ägypten). Die Kopten führen die weltberühmten Wüstenkloster im Sinai und in Oberägypten. Die koptische Sprache wird heute nur noch selten in der Liturgie verwandt. Sie ist eine Kombination der pharaonischen Sprache mit griechischer Schrift. Patriarch Schenuda III und Präsident Hosni Mubarak sind sehr um ein gutes Miteinander zwischen Kopten und Muslimen bemüht. Trotzdem gab es in den letzten Jahren immer wieder Übergriffe zwischen beiden Gesellschaftsgruppen Die ägyptische Gesellschaft ist eine sehr junge: über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt. Das U.S. Census Bureau prognostiziert die Alterspyramide bis 2050. Ausführliche Statistiken bietet alljählich der Human Development Report von UNDP. 2006 lag Ägypten auf Platz 111 des Human Development Index und damit weit nach Ländern wie Tunesien, Iran oder sogar Saudi Arabien. Den berühmten Arab Human Development Report 2003 über die menschliche Entwicklung in Ägypten kann man inzwischen kostenlos nur noch über diesen Link (PDF) herunterladen. Die offizielle Arbeitslosenquote wird mit 11,5% angegeben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist jedoch wesentlich höher; insbesondere auch unter den Universitätsabsolventen und birgt großen sozialen Sprengstoff im Land. Jedes Jahr müssen über 600.000 Hochschulabgänger in den Arbeitsmarkt integriert werden. Ägyptens Frauenbewegung hat eine Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Die 1879 in Kairo geborene Hoda Shaarawi ist eine ihrer bekanntesten Vorbilder. Als sie 1923 am Kairoer Bahnhof ihren Schleier ablegt, löste sie einen öffentlichen Skandal aus. Mit "Secularism, Gender and the State in the Middle East: The Egyptian Women's Movement" hat Prof. Nadje al-Ali eines der besten Werke über die Frauenbewegung in Ägypten (RTF-Datei) vorgelegt. Women living under Muslim Law berichtet regelmäßig in sechs Sprachen über neueste Entwicklungen des islamischen Rechts weltweit. Das Familienstandsgesetz bezieht sich ausdrücklich auf die klassischen Quellen der Rechtsprechung (Koran, Vorbild des Propheten, Analogieschluss und Konsens der Gelehrten). In der in Anlehnung an das religiöse Recht kodifizierten Fassung des Familienrechts ist der Ehemann – wie im römischen Recht – pater familias und die Ehefrau ihm untertan. Vor allem das Familienstandsrecht diente dazu, trotz unterschiedlicher ideologischer Ausrichtungen der verschiedenen arabischen Staaten, patriarchale und konservative Kreise zufriedenzustellen. Die Kontinuität patriarchaler Strukturen in der Politik sollte durch patriarchale Strukturen in der Familie gestützt werden. Angefangen mit den sog. "Jihan-Gesetzen" zur Frauenförderung, gibt es bis heute eine Reihe von staatlichen und nicht-staatlichen Ansätzen. Von 1979 bis 1984 gab es auf Initiative von Jihan Sadat eine Quote für Frauen, die ihnen 30 Sitze im Parlament garantierte. Das ägyptische Verfassungsgericht hat diese Praxis jedoch aus formalen Gründen als nicht verfassungskonform gewertet.
Die NDP-Abgeordnete Faida Kamel aus dem Armenviertel al-Khalifa in Kairo © Matthias Könsgen Mit Spannung wurde daher Anfang 2000 die Abstimmung über eine Reform des Familienrechts erwartet. Gegen eine aufgeregte Pressekampagne und wütende Angriff in der Öffentlichkeit, setzte die ägyptische Regierung jedoch wichtige Punkte ihres Gesetzesvorhabens durch: Muslimische Frauen konnten von nun an ohne Angabe von Gründen die Scheidung einreichen, wenn sie auf fast alle finanziellen Ansprüche verzichteten – allerdings nicht auf den Unterhalt für die Kinder sowie ihren Besitz, den sie mit in die Ehe brachten. Koptinnen haben diese Möglichkeit noch nicht. Frauen stehen in Ägypten eine Reihe von wichtigen arbeitsrechtlichen Bestimmungen zur Verfügung, die internationalem Recht entsprechen. Mutterschutz, Erziehungsurlaub und das Recht auf Ausbildung sind sehr gut abgesichert. Arabische Frauen sind im übrigen in einigen Berufen – beispielsweise als Professorinnen – wesentlich besser vertreten als in Deutschland, wo nur 6% aller Professuren von Frauen besetzt sind. Dagegen gibt es in Ägypten bislang keine Richterinnen. Obwohl es keine rechtliche Grundlage dafür gibt, hat sich diese Tradition durchgesetzt. Juristinnen arbeiten daher hauptsächlich als Rechtsanwältinnen. Die bekannte Koran-Übersetzung von Rudi Paret, die Biographie des Propheten Mohammed, gottesdienstliche Handlungen, Gerichtsbarkeit, Verhaltensregeln, die fünf Säulen des Islam u.v.a. mehr finden Sie bei al-Islam.com, der Seite des Ministeriums für Islamische Angelegenheiten Saudi Arabiens. Wer selbst einmal ein islamisches Rechtsgutachten für ein persönliches Problem einholen will, kann dies bei Cyberfatwa tun. |
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Gesundheit und Sozialwesen
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Das Gesundheitssystem ist außer für die oberen Zehntausend (die sogenannten fetten Katzen) sehr unterentwickelt. Nur die Reichen können sich die nötige Versorgung leisten. Für viele wichtige Medikamente gibt es in Ägypten einen Schwarzmarkt. Nachrichten aus der Gewerkschaftsszene bietet LabourStart. Über das ägyptische Gesundheitssystem, die häufigsten Krankheiten sowie die staatliche Gesundheitspolitik informiert WHO-Egypt. Derzeit sollen etwa 12.000 Personen an HIV/AIDS erkrankt sein. Bis 2003 wurden 700 Todesfälle registriert. Anfang 2007 wurde von einflußreichen Rechts- und Religionsgelehrten eine Rechtsmeinung gegen die weibliche Genitalverstümmelung ausgesprochen. NichtregierungsorganisationenDas Ehepaar Mohareb gründete 1997 den Verein "Better Life" der sich um Straßenkinder in Kairo kümmert. Auch Dr. Laila Kamel gehört zu den bekanntesten Aktivisten der NGO Szene, deren Verein für die Müllsammler in Mokattam (Kairo) seit vielen Jahre vorbildliche Arbeit leistet. Unter dem Motto "Electronic shopping for grassroots level" hat dieser Verein als einer der ersten angefangen, seine Produkte (Teppiche, Körbe, handgeschöpftes Papier und Patchworkdecken) über das Internet zu verkaufen. Bis 1999 fielen Nichtregierungsorganisationen unter das Gesetz Nr. 32 aus dem Jahr 1964. Da dieses Gesetz jedoch nicht mehr den Ansprüchen der aufkeimenden Zivilgesellschaft entsprach, forderten die NGO ein neues Gesetz, das 1999 unter Umgehung einer Kammer des Parlaments verabschiedet wurde. Dieser Verstoß gegen die Verfassung führte dazu, dass im Sommer 2002 ein neues, ebenso umstrittenes Gesetz verabschiedet wurde. Die Coptic Evangelical Organisation for Social Services (CEOSS) begann 1950 als Alphabetisierungs-Verein und gehört heute zu den größten nichtsstaatlichen Entwicklungsorganisationen. In der Künstlergruppe Gudran haben sich Künstler zusammengefunden, die in einem kleinen Fischerdorf bei Alexandria Entwicklungsprojekte und Kunst verbinden wollen. Das Andalus Institute for Tolerance and Anti-Violence Studies (AITAS) fördert Dialogprojekte zwischen ägyptischen und europäischen Jugendlichen. Die politischen Einstellungen und die sich wandelnden Lebensweisen junger Erwachsener in der arabischen Welt sind noch immer ein Thema, das kaum Beachtung findet. Das Zentrum Moderner Orient und das Goethe-Institut Kairo haben daher in Zusammenarbeit mit der KAS im Juni 2005 eine Konferenz mit deutschen, marokkanischen, palästinensischen und ägyptischen Soziologen zum Thema "Jugendforschung" durchgeführt und die Ergebnisse im Konferenzbericht zusammengefasst. Junge ägyptische Rückkehrer haben sich in der NGO "Renaissance Ägypten" (Nahdet El Mahrousa) organisiert, um ihr internationales Know-how für Entwicklungsprojekte im Land zur Verfügung zu stellen. Hier finden Sie ein Zentrum mit vielfältigen Dienstleistungen für ägyptische NGOs. |
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Bildung und Wissenschaft |
Es gibt in Ägypten 12 staatliche und sieben private Universitäten. Alexander Haridi und Florian Kohstall berichten über die Hochschulpolitik und -reform (PDF).
(zitiert nach Haridi/Kohstall 2004/05) "Der Oberste Universitätsrat vertritt nicht die Al-Azhar Universität. Anders als die ”säkularen” staatlichen Universitäten untersteht die ebenfalls staatlich finanzierte Al-Azhar nicht dem Hochschulministerium, sondern dem Premierminister und dem Ministerium für Religiöse Angelegenheiten (Wizarat al-Auqaf)." Dabei analysieren sie auch den Einfluss der German University in Cairo (GUC) als Katalysator für die deutsch-ägyptischen Beziehungen.
Azhar Universität © Dr. Albrecht Hofheinz Die Azhar Universität (Einweihung 982) ist die wichtigste Universität der islamischen Welt. "Seek Knowledge as far as China" ist einer der bekanntesten Aussprüche des Propheten Mohammed. Die Amerikanische Universität in Kairo bietet einen online Recherchedienst für ihre gut bestückte Bibliothek an. Die Cairo University ist die größte Universität in Ägypten. Ihre politikwissenschaftliche Fakultät bietet eine Reihe von interessanten Studien an. Auch die weniger bekannte Ain-Shams-Universität in Kairo und die Assiut University in Südägypten haben eine eigene Homepage. Am 5. Oktober 2003 wurde die erste deutsche Universität im Ausland von Bundeskanzler Schröder und Präsident Mubarak in Kairo eröffnet: German University in Cairo (siehe Christiane Buck, Die WELT vom 6. Okt. 2003). Die großartige Architektur der neuen Bibliotheca Alexandrina soll Alexandria wieder in den Mittelpunkt des ägyptischen Geisteslebens führen. Der Lesesaal fasst 2000 Leser und in der Bibliothek sollen vier Millionen Bände untergebracht werden (SZ, 30.04.2002).
Bibliotheca Alexandrina © Matthias Könsgen Weitere, internationale wissenschaftliche Institutionen in Kairo
Das German-Egyptian Year of Science and Technology 2007 ist eine bilaterale Initiative zwischen den deutschen und ägyptischen Ministerien für Bildung und Wissenschaft. |
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Kultur und Dialog
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Der bekannteste ägyptische Regisseur ist Youssef Chahine (* 1926). 2007 war er beim Filmfest Venedig mit dem Film „Chaos“ über die Korruption in der ägyptischen Bürokratie vertreten. Belletristik, Märchen, arabische Literatur auf Deutsch sowie wissenschaftliche Reihen zum Nahen Osten bietet der Hans Schiler Verlag in Berlin online an. Eine Reihe von jungen ägyptischen Autoren schreiben auf Englisch. Insbesondere die Werke von Ahdaf Soueif sind zu empfehlen. Über die Landesgrenzen hinweg wird die Sängerin Umm Kalthum zutiefst verehrt. Im August 2006 starb der berühmte ägyptische Schriftsteller Nagib Machfuz im Alter von 95 Jahren. 1988 zeichnete ihn die Schwedische Akademie mit dem Nobelpreis für Literatur aus. Lesen Sie hierzu einen Beitrag von Christian Meier. Derzeit sind rund 25 Bücher von Nagib Machfus auf Deutsch erhältlich. Der Unionsverlag in Zürich hat die meisten der Übersetzungen verlegt. Zu einem der größten Renner entwickelte sich das Erstlingswerk "Der Jakubijan-Bau" des ägyptischen Zahnarztes Alaa al Aswany. Korruption, Folter durch die Polizei, Günstlingswirtschaft und die Arroganz einer abgedankten Elite kommen in der Geschichte vor. Der Roman wurde mit dem ägyptischen Harald Juhnke, Adel Imam, verfilmt (PDF) und in verschiedene, europäische Sprachen übersetzt (Deutsch). "Hätte ein Ausländer den Jakubijan-Bau geschrieben, die Ägypter hätten sich mehr erregt. Einem Einheimischen aber verzeihen sie, wenn er sich weniger auf das konzentriert, was die Menschen am Nil liebenswert macht, sondern ihre Schwächen betont, schonungslos, aber nicht ohne Humor." (Anne-Béatrice Clasmann 2007) . Zu den renommiertesten Galerien und kulturellen Hotspots von Kairo gehört die Townhouse Gallery. Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) stellt die Galerie vor. The Contemporary Image Collective (CIC) ist eine gemeinnützige Initiative von Künstlern und Fotographen, die 2004 gegründet wurde, um zeitgenössische visuelle Kunst und Kultur in Ägypten zu unterstützen. Die Anna Lindh Euro-Mediterranean Foundation for the Dialogue between Cultures in Alexandria hat inzwischen ihre Arbeit aufgenommen. JugendkulturJugend in der arabischen Welt war bislang ein Thema, mit dem sich überraschenderweise kaum jemand beschäftigt hat, obwohl 2/3 der Bevölkerung mittlerweile unter 30 Jahre sind. Das Goethe-Institut (GI) in Ägypten hat daher die deutsch-arabische Jugendwebseite Lilak ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit dem GI hat das Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin einen Sammelband über Jugendforschung in der arabischen Welt unter dem Titel Changing Values among Youth (PDF, engl./arab.) herausgegeben. Hier wird zum ersten Mal ein Überblick über verschiedene Ansätze quantitativer sowie qualitativer Jugendstudien in Nahost und Nordafrika zusammen mit einer ausführlich recherchierten Bibliographie angeboten. Der Dialogpunkt Deutsch in Assiut wurde 2004 eröffnet. |
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