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Afghanistan


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Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Die afghanische Gesellschaft ist seit jeher von zwei Faktoren geprägt: ethnische Vielfalt und traditionaler Charakter. Seit frühgeschichtlicher Zeit ist Afghanistan ein Durchgangsland par excellence, sowohl für kriegerische Eroberer als auch für Händler und Missionare verschiedenster Religionen. In durch zerklüftetes Relief oder widrige klimatische Bedingungen schwer zugänglichen Gebirgsregionen konnten sich vielerorts kleine Volksgruppen mit altertümlichen Sprachen und Dialekten halten, die anderswo längst von größeren Nachbarvölkern assimiliert worden sind; Beispiele hierfür sind die dardischen, nordwestindischen und nuristanischen Volksgruppen der afghanischen Ostprovinzen, aber auch die Bevölkerung des Pamirgebietes oder die Hazara im zentralen Hochland.

Ethnographische Karte von Afghanistan, englisch (JPG, 168 KB)

Ethnische Gruppen: Paschtunen

Seit der Gründung des Königreiches Afghanistan Mitte des 18. Jahrhunderts stellen die Paschtunen die größte Volksgruppe des Landes dar, gegenwärtig machen sie etwa 40 % der Bevölkerung aus. Mit ganz wenigen Ausnahmen haben immer die Paschtunen die Führungsschicht Afghanistans gestellt, sowohl zur Zeit der Monarchie als auch unter den verschiedenen republikanischen oder islamistischen Regimes seit 1973.

Die Siedlungsgebiete der afghanischen Paschtunen liegen in der Hauptsache in einem etwa halbmondförmigen Gebiet am Südrand des zentralen Hochlandes entlang der Straße Herat-Kandahar-Kabul, ursprünglich bezeichnete "Afghanistan" nur diesen Landstrich. Im Osten greift es über die Ketten des Suleiman-Gebirges nach Pakistan hinein bis zum Indus über.

Darüber hinaus gibt es auch in den Ebenen und Beckenlandschaften Nordafghanistans zahlreiche paschtunische Siedlungsinseln, die in der Hauptsache auf Ansiedlung von Paschtunen zur Befriedung der dortigen turksprachigen Mehrheitsbevölkerung im späten 19. Jahrhundert zurückgehen.

Kennzeichnend für die Paschtunen ist ihre ausgeprägte stammesmäßige Organisation; die einzelnen Stämme, Unterstämme, Clans und Subclans sind in ein kompliziertes, vielstufiges genealogisches System eingordnet, das seinen Ursprung in Qais Abdurrashid Pashtun hat, dem legendären Ahnherren der Paschtunen zur Zeit Muhammads. Ethnologen bezeichnen die insgesamt gut 35 Millionen Paschtunen in Afghanistan und Pakistan als die größte noch bestehende Stammesgesellschaft der Welt.

Für die gesellschaftlich-politische Realität des heutigen Afghanistan und der jüngeren Vergangenheit sind die großen Stammeskonföderationen der Durrani und der Ghilzai bedeutsam; erstere besiedeln hauptsächlich den Westteil des oben skizzierten Gebietes mit Kandahar, der alten Hauptstadt Afghanistans, als Zentrum, letztere konzentrieren sich auf den Landstrich entlang der Straße Kandahar-Kabul und die östlichen Grenzgebirge.

Eine Eigenheit der Paschtunen, die sie von den anderen Völkern Afghanistans unterscheidet, ist das Paschtunwali, ein teilweise schriftlich fixiertes Normenwerk, das man als eine Mischung aus Ehrenkodex, Gewohnreitsrecht und Stammesverfassung betrachten kann. Zentrale, das Alltagsleben in den Paschtunengebieten maßgeblich prägende Begriffe dieses Normenkataloges sind nang/namus (Ehre, sowohl des Einzelnen als auch seiner Familie und übergeordneten Clan- und Stammesgruppe), badal (Vergeltung, was auch Blutrache beinhalten kann) und melmastia (Gastfreundschaft).


Paschtunen beim Attan, dem afghanischen Nationaltanz

Die Mehrheit der Paschtunen lebt als sesshafte Bauern und Viehzüchter in den Gebirgsfuß- und Taloasen Süd- und Ostafghanistans, daneben gibt es jedoch auch Nomaden, die mit ihren (zumeist Schaf-) Herden teilweise ausgedehnte jahreszeitliche Wanderungen unternehmen. Die Sommerweidegebiete liegen zumeist im von den Hazara bewohnten zentralen Hochland in Höhen um
3 000 m, während die Winterquartiere in den klimatisch milderen Steppen- und Halbwüstengebieten des Westens und Südwestens oder sogar jenseits der pakistanischen Grenze in der Indusebene aufgeschlagen werden.

Die Paschtunen in den Städten sind, insbesondere wenn es sich um seßhaft gewordene Nomaden handelt, häufig im Fernhandel und Speditionsgewerbe tätig, auf Grund ihrer stammesmäßigen Verbundenheit mit den herrschenden Familien Afghanistans findet man sie häufig auch in leitenden Positionen in Verwaltung und Armee (inwieweit dies auch für das Nachkriegs-Afghanistan, in dessen Zentralregierung ja die nicht-paschtunisch dominierte Nordallianz entscheidenden Einfluss hat, wieder gelten wird, bleibt abzuwarten).

Die Sprache der Paschtunen, das Paschtu, ist eine ostiranische Sprache mit starkem indischen Einfluss vor allem in der Aussprache; seit den 1930er Jahren ist sie neben dem Persischen eine der beiden gleichberechtigten Amtssprachen Afghanistans. Allerdings sind die meisten Paschtunen in Afghanistan faktisch zweisprachig (Paschtu und Persisch), viele in Kabul ansässige Paschtunen (auch die Familie des letzten Königs, Zahir Schah) haben sogar Paschtu zugunsten des Persischen, der lingua franca Afghanistans, ganz aufgegeben.

Ethnische Gruppen: Tadschiken

Die zweitgrößte (25 %) ethnische Gruppe in Afghanistan stellen die Tadschiken dar. Im Vergleich zu den übrigen Volksgruppen sind die Tadschiken in gewisser Weise nur vage definiert; nach landläufigem afghanischen Verständnis sind "Tadschiken" alle diejenigen, die weder den Paschtunen noch irgendeiner anderen nicht primär persischsprachigen Gruppe angehören.

Tadschiken im engeren Sinne besiedeln ein geschlossenes Gebiet in den nordöstlichen Provinzen (Badakhshan, Takhar, Baghlan, Parwan, Kapisa und Kabul), dieses Siedlungsgebiet leitet nach Norden, jenseits des Amu-Darja, nach Tadschikistan über, wo sie mit knapper Mehrheit das namensgebende Staatsvolk bilden.

Häufig werden auch die persischsprechenden Bewohner Nordwestafghanistans, insbesondere der Flußoase von Herat als Tadschiken bezeichnet, da sich ihre in der Hauptsache städtische Kultur aber deutlich von der Lebensweise der nordostafghanischen tadschikischen Bergbauern abhebt und viele Gemeinsamheiten mit dem angrenzenden nordöstlichen Iran aufweist, ist es durchaus gerechtfertigt, stattdessen die Bezeichnung "Farsiwan" (Persischsprecher) zu verwenden.

Ebenfalls einen Sonderfall stellen die häufig als "Pamir-Tadschiken" bezeichneten Bewohner der höheren Hindukusch-Täler Badakhshans (Wakhi, Ishkashami, Zebaki etc.) dar; sie sprechen im Gegensatz zu den eigentlichen Tadschiken altertümliche nordostiranische Dialekte, die nur weitläufig mit dem Persischen verwandt sind und werden daher in der neueren Literatur als "Pamiri" zusammengefasst.

Außerhalb dieser tadschikischen Kerngebiete in Nordafghanistan siedeln Tadschiken inselhaft in weiten Teilen Afghanistans, namentlich in den größeren Städten, in der Hauptstadt Kabul sind sie knapp in der Mehrheit.

Wie bereits angedeutet, leben die Tadschiken entweder als sesshafte Bauern, im Hochgebirge häufig mit Almwirtschaft und den damit verbundenen saisonalen vertikalen Wanderungen; in den Städten stellen sie das Gros der Handwerker, kleinen und mittleren Händler, darüber hinaus findet man sie häufig in mittleren Positionen der staatlichen Verwaltung, etwa im Bildungswesen.

Als rein sesshaftes Volk kennen die Tadschiken keine Stammesorganisation; sie definieren sich auf lokaler Ebene zumeist nach Dorf- oder Talschaften, wie etwa die Panjsheri, Andarabi etc..

Ethnische Gruppen: Usbeken

Die Usbeken bilden das vorherrschende Bevölkerungselement der nordafghanischen Gebirgsfußoasen (Mazar-e Sharif, Sheberghan, Maimana etc.) und der angrenzenden Hügelländer; auch ihr Verbreitungsgebiet greift nach Norden ins ehemalige Sowjetisch-Turkestan über, wo sie in Gestalt Usbekistans einen eigenen Staat bilden. Anders als Paschtunen und Tadschiken sprechen sie eine dem Türkischen verwandte Sprache, wiewohl auch unter ihnen viele inzwischen das Persische angenommen haben. Sie machen etwa 6 % der afghanischen Gesamtbevölkerung aus.

Hinsichtlich ihrer heutigen Lebensweise unterscheiden sich die Usbeken kaum von den benachbarten Tadschiken; als aus dem nördlich angrenzenden Turkestan eingewanderte ehemalige Nomaden betreiben sie jedoch außerdem häufig Pferdezucht (Qataghan-Rasse), auch das vor allem in den usbekischen Gebieten betriebene berühmt-berüchtige Reiterspiel Buzkashi geht auf alte zentralasiatische Nomadentraditionen zurück.

Ethnische Gruppen: Hazara

Die Hazara (etwa 20 % der afghanischen Bevölkerung) bewohnen das zentrale Hochland Afghanistans mit der Provinz Bamiyan als Zentrum; die Region trägt nach ihnen den Namen Hazarajat. Ihr Siedlungsgebiet reicht als einziges der vier größten Volksgruppen des Landes nicht über die Grenzen Afghanistans hinaus.

Der Name "Hazara" leitet sich vom persischen Zahlwort hazar, "tausend" ab und deutet auf ihren Ursprung als Truppenteil (Tausendschaften) der mongolischen Invasionsheere unter Timur Lenk im 14. Jahrhundert hin. Die Hazara haben bis heute ein ausgesprochen mongolides Aussehen bewahrt, ihr Dialekt des Persischen (Hazaragi) ist mit mongolischen Wörtern durchsetzt.

Das Hochland von Hazarajat, im Mittel knapp 3 000 m hoch gelegen, ist eine der unwirtlichsten Regionen Afghanistans, die Hälfte des Jahres unter oft meterhohen Schneemassen begraben, mit winterlichen Extremtemperaturen nahe -60°C. Folglich konnte die karge Landwirtschaft alleine die Bevölkerung dort nie ernähren, so dass die Hazara seit jeher während der kalten Jahreszeit in die angrenzenden tiefer gelegenen Regionen ziehen, um sich als Saisonarbeiter zu verdingen.

Die Hazara gehören wegen ihrer mongolischen Herkunft und insbesondere ihrer schiitischen Konfession zu den unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen in Afghanistan, was sich z. B. daran zeigt, dass sie in den Städten hauptsächlich mit niederen Arbeiten, etwa als Lastenträger, beschäftigt sind. Unter dem sunnitisch-paschtunisch dominierten Taliban-Regime hatten sie besonders zu leiden, es kam wiederholt zu Massakern, denen Tausende Hazara zum Opfer fielen, auch wurden bei der Eroberung der Zentralprovinzen durch die Taliban zahlreiche Hazara-Frauen verschleppt und mit Talibankämpfern zwangsverheiratet.

Sonstige ethnische Gruppen

Mit diesen vier größten ethnischen Gruppen ist die Völkerkarte Afghanistans aber noch lange nicht vollständig; es existiert daneben ein gleichermaßen verwirrendes wie faszinierendes Kaleidoskop von kleinen und kleinsten Völkern und Stämmen, teilweise gehören sie Sprachfamilien an, die man nicht unbedingt in Afghanistan vermuten würde: etwa die Brahui (Artikel von der Webseite einer evangelikalen Missionsorganisation), drawidische (also Sprachverwandte der Tamilen in Südindien!) Wüstennomaden am unteren Hilmend und in Registan, die im Gegensatz zu den östlich angrenzenden Hazara noch wirklich einen mongolischen Dialekt sprechenden Moghol in der Provinz Herat oder auch Arabisch, das als Überbleibsel der ersten islamischen Eroberung im 8. Jahrhundert bis heute in zwei Dörfern bei Mazar-e Sharif gesprochen wird.

Unter kulturellen Gesichtspunkten interessant sind ferner die eingangs bereits erwähnten Nuristani, ein in physischer Hinsicht fast mitteleuropäisch anmutendes Bergbauern- und Hirtenvolk in den bewaldeten Tälern des ostafghanischen Hindukusch, oder auch die für ihre Teppichknüpferei berühmten Turkmenen in den nordwestlichen Provinzen Badghis und Jozjan, daneben gibt es vor allem in Ostafghanistan zahlreiche kleine Gruppen nordindischer Herkunft (Dschats, Gudschur u. a.), die sich kastenartig auf Wandergewerbe spezialisiert haben.

Zur ethnischen Gliederung der afghanischen Bevölkerung gibt es eine ausführliche Liste in der Ethnologue Database - Afghanistan

Religion

Auf Grund seiner zentralen Lage bot Afghanistan in der Antike und im frühen Mittelalter ein Bild ausgesprochener religiöser Vielfalt; neben den Anhängern Zarathustras (der um 1200 v. Chr. am Südufer des Aralsees, nach anderer Lesart im heutigen Nordafghanistan wirkte und dessen Lehre sich in den folgenden Jahrhunderten über den iranischen Kulturraum verbreitet hatte) waren verschiedene Formen des Hinduismus verbreitet, dazu kam ab dem 1. Jh. vor Christus der Buddhismus, der unter der Kuschan-Dynastie zur beherrschenden Religion wurde und im Tal von Bamiyan großartige, von den Taliban leider 2001 zerstörte Monumente hervorbrachte.

Jüdische Kolonien in den Städten sind seit achämenidischer Zeit (um 500 v. Chr.) nachweisbar, später fanden der Manichäismus und das (nestorianische) Christentum weite Verbreitung, Herat und Kabul waren Bischofssitze.

Mit der ersten islamischen Eroberungswelle im frühen 8. Jh. n. Chr. änderte sich dieses bunte Bild, der Islam verdrängte die älteren Religionen zusehends. Die Osthälfte des heutigen Afghanistan widerstand der Islamisierung zunächst, dort konnten sich bis ins 11. Jahrhundert hinduistische Königreiche halten, die schließlich aber auch durch die türkisch-iranische Dynastie der Ghaznaviden erobert wurden.

Nur im äußersten Osten, in den unzugänglichen Tälern auf der Südseite des Hindukusch-Hauptkammes konnte bis Ende des 19. Jahrhunderts das Volk der Kafiren seinen alten, der altindischen vedischen Religion nahestehenden polytheistischen Glauben bewahren. Erst Emir Abdurrahman Khan konnte dieses Gebiet 1895/96 dem afghanischen Königreich einverleiben und gewaltsam islamisieren; zum Zeichen der Bekehrung der "Heiden" wurde ihr Land in Nuristan ("Land des Lichts") umbenannt.

Im heutigen Afghanistan bekennt sich nahezu die gesamte Bevölkerung (99 %) zum Islam, überwiegend in seiner sunnitischen Form, lediglich die Hazara und die kleine, im 18. Jahrhundert aus Persien eingewanderte Minderheit der Kizilbasch sind mehrheitlich Schiiten. Teile der "tadschikischen" Bevölkerung des Hindukusch- und Pamirgebietes bekennen sich zur schiitischen Ismaili-Sekte mit dem Aga Khan als Oberhaupt.

Die Beschäftigung mit dem Islam ist eine notwendige Voraussetzung für das Verständnis der afghanischen Kultur und Alltagswelt wie auch für jegliche Praxis vor Ort. Als allgemeine Einführung (wenn auch aus der Sicht gläubiger Muslime, nicht "objektiver" Religions- wissenschaftler) empfiehlt sich islam.de; das heilige Buch der Muslime, der Koran, steht in der Intratext-Ausgabe in deutscher Übersetzung mit Konkordanzfunktionen online bereit.

Nicht-islamische religiöse Minderheiten gibt es heute nur noch in den größeren Städten, vor allem in Kandahar und Kabul; dabei handelt es sich nahezu ausschließlich um Hindus und Sikhs, die sich in den vergangenen Jahrhunderten als Kaufleute in Afghanistan niedergelassen haben. Die afghanischen Juden sind in den 1960er Jahren fast vollständig nach Israel ausgewandert.

Der afghanische Islam bot vor dem Krieg ein bei aller Frömmigkeit durchaus tolerantes Bild, was den Umgang mit religiösen Randgruppen angeht; die religiöse Praxis war vielerorts durch verschiedene Strömungen des Sufismus, der islamischen Mystik, geprägt. Die beiden traditionell in Afghanistan einflussreichsten mystischen Orden sind die Naqshbandiyya und die Qadiriyya, während der Zeit der sowjetischen Besatzung spielten die Führer dieser Orden (z. B. Pir Sayyid Gailani von der Qadiriyya) teilweise eine prominente Rolle in der Widerstandsbewegung.

Ein damit nahe verwandtes Phänomen im afghanischen Islam ist die weit verbreitete volkstümliche Verehrung von Sufi-Heiligen, was der strengen orthodox-islamischen Lesart zuwiederläuft, da alleine Gott Anbetung gebührt; außerdem gibt es neben den organisierten Mystikern der großen Orden auch wandernde Derwische (malang, malamati), die einzeln oder in kleinen Gruppen das Land durchstreifen, ähnlich den hinduistischen Wander-Asketen (Sadhus) ihren Unterhalt durch Spenden der Bevölkerung bestreiten und häufig durch provozierendes Erscheinungsbild und unorthodoxe Anschauungen den Unmut des religiösen Establishments erregen.

Mit dem "Dschihad", dem Kampf der Afghanen gegen die "ungläubigen Eroberer" aus dem Norden, nahm jedoch die Tendenz sowohl zur politischen Instrumentalisierung des Islam wie auch zu einem rigiden, gesetzesorientierten Verständnis der religiösen Überlieferung zu, begünstigt durch das Eindringen puritanisch-fundamentalistischer Strömungen aus Saudi-Arabien (Wahhabismus) und dem indopakistanischen Raum (Deobandi-Schule) nach Afghanistan. Höhe- und Endpunkt dieser Entwicklung war das Taliban-Regime mit seiner in der Geschichte des Islam beispiellosen Strenge.

Sowohl für die Vorkriegszeit als auch für die Gegenwart gilt generell, das der Islam in Afghanistan in allen Volksschichten selbstverständlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens ist; zwar sind in westlich beeinflussten städtischen Milieus, vor allem in Kabul und Herat, liberalere Auffassungen z. B. zur Rolle der Frau verbreitet, dezidierte Abkehr vom Islam oder gar Atheismus sind jedoch kaum bekannt, nicht einmal bei den ehemaligen Anhängern des kommunistischen Regimes.

Soziale Strukturen

Wie eingangs bereits erwähnt, ist die afghanische Gesellschaft durchweg traditional geprägt, moderne Strukturen waren auch vor dem Krieg nur in Ansätzen und lediglich in den größten Städten vorhanden. Besatzung, Bürgerkrieg und besonders das Taliban-Regime haben zu einer Re-Traditionalisierung Afghanistans geführt, zumal der größte Teil der "modernen" Elite des Landes ins Exil getrieben oder sogar zu Zehntausenden ermordet wurde.

Der traditionale Charakter der afghanischen Gesellschaft wird zum einen bedingt durch einen geringen Grad der "Durchherrschung" mit staatlichen Strukturen. Außerhalb Kabuls und der Provinzhauptorte tritt staatliche Verwaltung, sei es in Gestalt des Bildungswesens, bei der Aushebung von Rekruten für die Armee oder der Steuereintreibung nur wenig in Erscheinung und wird häufig als feindselig empfunden.

Wichtiger für die soziale Organisation der Landbevölkerung (die etwa 90 % aller Afghanen ausmacht) sind lokale Würdenträger, geistliche Führer, in manchen Landesteilen (etwa den usbekisch dominierten Nordprovinzen) auch Großgrundbesitzer, Dorf- und Clanälteste (rish safed, spingiri, wörtlich "Weißbärte").

Von einer straffen hierarchischen Ordnung kann aber auch auf regionaler und lokaler Ebene nicht die Rede sein, zum einen ist die Macht der örtlichen Honoratioren vergleichsweise begrenzt, zum anderen ist auch der Institutionalisierungsgrad solcher Positionen, insbesondere bei den Paschtunen, recht gering: ein khan oder spingiray verdankt seine Stellung von seinen Dorf- oder Stammesgenossen als vorbildlich (z. B. gemäß des Paschtunwali) angesehenenen Charaktereigenschaften wie Mut, Freigiebigkeit, Weisheit oder Frömmigkeit, die er täglich neu unter Beweis stellen muss, um sich seine Gefolgschaft zu sichern, nicht jedoch seiner Herkunft aus einer privilegierten Familie. Von einer afghanischen Adelsschicht kann daher strenggenommen nicht gesprochen werden, wiewohl sich natürlich khanan, malikan (Ortsvorsteher) etc. in manchen Familien häufen.

Unter den Bedingungen des Krieges verschoben sich allerdings die gesellschaftlichen Machtschwerpunkte auf regionaler und lokaler Ebene zu den Mujahedin-Kommandanten und -Parteiführern (wobei sich letztere allerdings zumeist im pakistanischen oder iranischen Exil aufhielten), neben den traditionellen afghanischen Tugenden wurde jetzt auch militärischer Erfolg und der Zugang zu ausländischer militärischer und finanzieller Unterstützung wichtig.

Diese Veränderungen wirken im Nachkriegs-Afghanistan fort und stellen vielerorts Hindernisse für den Aufbau einer zivil-demokratischen Gesellschaftordnung dar.

Für traditionale Gesellschaften ist es typisch, dass politische und wirtschaftliche Entscheidungen aufgrund des personalen Charakters von Herrschaft eher personen- als sachorientiert getroffen werden. Abstraktes, an räumlich und zeitlich übergeordneten Strukturen orientiertes Denken ist selten; in einem islamischen Land wie Afghanistan ist dies zum Teil durch religiös begründeten Fatalismus bedingt.

In der älteren Literatur über Afghanistan wird die afghanische Gesellschaft gewöhnlich als durch und durch autoritär, konformistisch und in rigiden Hierarchien gebunden beschrieben, als eine Welt, in der jegliche Regungen von Individualismus rigoros unterdrückt werden. Neueren Untersuchungen zufolge scheint dies am ehesten noch auf traditionale städtische Milieus zuzutreffen, in den ländlichen Regionen und vor allem bei den Nomaden ist dieser Autoritarismus weniger ausgeprägt, insbesondere die Paschtunen besitzen in ihrer Stammesverfassung eine Reihe von demokratischen und egalitären Elementen, die durchaus auch dem neuen Afghanistan zugute kommen könnten.

Für die - im Westen viel diskutierte - Rolle der Frau in der afghanischen Gesellschaft müssen ähnliche Klischees ebenfalls relativiert werden. Die totale Abschließung der Frauen (purda) hinter hohe Lehmmauern und in die berüchtigte burkha, die Ganzkörperverhüllung mit Stoffgitter für die Augen, war vor dem Krieg ein Phänomen, das vor allem in konservativen städtischen ("kleinbürgerlichen") Milieus auftrat. Bei der Landbevölkerung war es unbekannt und angesichts der dortigen Lebensumstände (Feldarbeit der Frauen) auch gar nicht praktikabel. Die paschtunischen Nomadinnen lebten von allen traditionell lebenden Frauen in Afghanistan wahrscheinlich am freiesten, mangels fester Häuser ist purda bei den kuchis, den Nomaden, nicht denkbar.

Erst der Krieg und die mit ihm einhergehende weitreichende Unsicherheit der Lebensverhältnisse, im Hinblick auf die Frauen müssen dabei die häufigen Entführungen und Vergewaltigungen durch fremde Kämpfer genannt werden, führten zu einer verstärkten Betonung der traditionellen islamischen Konzeption des Mannes als Beschützer der Frau (die purda ist nicht koranischen Ursprungs, sondern geht auf persische und byzantinische Einflüsse zurück!). Dazu kamen dann vor allem natürlich zur Zeit der Taliban, aber tendenziell auch schon in den verschiedenen Mujahedin-Parteien der 80er und frühen 90er Jahre, rigide Vorstellungen über die Rolle der Frau in einer islamischen Gesellschaft, die vor allem durch aus Saudi-Arabien und Pakistan nach Afghanistan gekommene Kriegsfreiwillige verbreitet wurden.

Das Kulturleben

Afghanistan blickt auf eine lange, turbulente Geschichte zurück und beherbergt dank seiner Rolle als Durchgangsland zwischen Vorder-, Süd- und Zentralasien reiche, vielfältige Traditionen in Musik, Volkskunst, Architektur, Malerei und Literatur, um nur die wichtigsten Bereiche zu nennen.

Eine gute Einführung in die traditionelle und moderne Musik Afghanistans stellt die Musik-Rubrik von afghanaid.de dar.

Tahers "Khorasan"-Seiten enthalten einen Artikel über die Miniaturenmalschule von Herat und ihren bedeutendsten Vertreter, Kamaluddin Behzad (1450-1535), mit Bildbeispielen.

Hafis-Illustration
Illustration zum Diwan des Hafis, Herat 1532
(Quelle: Wikimedia Commons)

Die "Referate"-Subseite des Projektes "Studenten bauen in Kabul" enthält umfangreiches Material (PDF-Dateien, durchweg zwischen 1 und 3 MB groß) zur dörflichen Architektur im heutigen Afghanistan. Einen krassen Gegensatz zur traditionellen afghanischen Architektur stellt der in jüngster Zeit aufgekommene "Zuckerbäckerstil" der Villen von Drogenbaronen und anderer Neureicher dar.

Eine allgemeine Einführung in Entwicklung und regionale Differenzierung der afghanischen Architektur gibt es in Englisch auf den Afghanistan-Seiten von Visiting Arts.

Auf der paschtunischen Website khyber.org findet sich unter "Pashto Literature - A Quest for Identity" eine Abhandlung über die (moderne) paschtu-sprachige Literatur Afghanistans und der paschtunischen Gebiete Pakistans ins Netz gestellt; für die persische Literatur gibt es ebenfalls einen historischen Überblick.

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