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Algerien
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

4.1 Gesellschaft und Religion

Als Schmelztiegel und Schnittstelle der Zivilisationen ist das heutige Algerien von zahlreichen Elementen mediterraner, arabischer und afrikanischer Kultur geprägt. Das beherrschende Element in der Gesellschaft ist jedoch die Religion. Staatsreligion in Algerien ist der Islam sunnitischer Richtung.
Heiligenstätte bei TaghitDie Anhänger des Christentums werden auf weniger als drei Prozent geschätzt. Zu ihnen gehören neben in Algerien lebenden Ausländern und afrikanischen Studenten auch Algerier, die ihre Religion jedoch sehr diskret leben.
Der Islam kam im 7. Jahrhundert mit den arabischen Eroberungszügen nach Nordafrika und prägt seitdem das Leben und den Alltag der Menschen. Die meisten Muslime leben ihren Glauben als eine enge und individuelle Beziehung zu Allah. Moschee in Bechar Der Islam ist eine sehr diesseitige Religion . Aus dem heiligen Buch, dem Koran, werden zuweilen auch im alltäglichen Gespräch nicht nur von Gelehrten Verse rezitiert. Die wichtigste ist die "Al-Fatiha" , die eröffnende Sure. Sie begleitet den Gläubigen bei allen wichtigen Lebensabschnitten und -stationen, wie Geburt, Hochzeit und Beerdigung. Darüber hinaus werden die ersten Zeilen: "Bismi Allah ar-rahman ar-rahim" (deutsch: Im Namen Gottes, des allbarmherzigen Erbarmers) von sehr Frommen auch vor der Einnahme der Mahlzeiten oder beim Einsteigen in ein Fahrzeug gesprochen. Vor allem auf dem Lande und in entlegenen Gegenden vermischt sich Religion mit Tradition und Aberglaube.Grabstätte des Stadtheiligen von TimimounSo gibt es landesweit Pilgerstätten mit Heiligengräbern und Marabuts. Aber auch einige sich modern gebende Städter fürchten den "bösen Blick" ebenso wie sie auf den Schutz der "Hand der Fatima" vertrauen.
Weit verbreitet in der moslemischen Welt und auch in Nordafrika ist der Sufismus der Bruderschaften, der Zaouia .
Eine Besonderheit in Algerien ist die in der Pentapolis Ghardaia lebende Sekte der Mozabiten . Sie interpretieren den Islam streng nach den Regeln ihrer Ahnen, der Ibadhiten, die im elften Jahrhundert in der Wüstenoase Zuflucht gefunden hatten. In ihrer sehr frommen und traditionellen Lebensweise sind die Welten von Mann und Frau genau abgesteckt. Für letztere bedeutet das ein streng bewachtes Leben hinter Mauern. Die Männer sind dagegen landesweit als überaus tüchtige Händler bekannt.
Völlig anders ist das Verhältnis zwischen Mann und Frau beim Nomadenvolk der Tuareg . In ihrer Gesellschaft herrscht das Matriarchat, Musizierende Targia in Tamanrassetdas sich über die Jahrhunderte als eine überlebenstaugliche Form unter extrem feindlichen Lebensbedingungen bewährt hat. Dem Fremden fällt auf, dass hier die Männer ihr Gesicht hinter einem Schleier, dem oft meterlangen Litham, verbergen, während die Frauen ihre Schönheit mit Anmut und Stolz zeigen. Waren die Männer in den Zeiten der großen Karawanen als die "Herren der Wüste" gefürchtet, so verdienen in Algerien heute viele ihren Lebensunterhalt als Reiseführer für Wüstenurlauber. In der Obhut der Frauen liegt traditionell die Bewahrung von Kultur und Sprache. Ihnen steht die Freiheit bei der Partnerwahl zu und sie genießen desto Sebiba-Fest in Djanethöheres gesellschaftliches Ansehen, je größer ihre Lebenserfahrung ist. Auch die Tuareg sind sehr gottesfürchtige Moslems. Ihre Form des Zusammenlebens ist jedoch den meisten "Nordisten" eher unheimlich.

4.2 Stellung der Frau

Generell sind die Beziehungen zwischen Frau und Mann in Algerien in starkem Maße der Tradition unterworfen und mit vielen Tabus behaftet. Obwohl die Verfassung Frauen die gleichen Rechte wie Männern zusichert und Algerien auch die internationalen Konventionen zur Gleichstellung von Mann und Frau unterzeichnet hat, wird die Algerierin nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft behandelt. Die Grundlagen liegen in einem 1984 verabschiedeten Familiengesetz , das zu den rückschrittlichsten in der arabischen Welt überhaupt gehört. Ungeachtet der anerkannten Opfer, die Frauen und Mädchen im Befreiungskrieg gegen Frankreich an der Seite ihrer männlichen Mitkämpfer erbracht hatten, degradierte es Frauen zu Bürgern zweiter Klasse, indem es ihnen bei allen wichtigen Entscheidungen einen männlichen Vormund verordnete und verstoßenen Frauen keinerlei Schutz garantierte. Gegen die tagtägliche Entmündigung leisten couragierte Algerierinnen bereits seit Erlangung der Unabhängigkeit hartnäckig Widerstand . Auch wenn ihnen der Erfolg bislang verwehrt geblieben ist, haben sie mit ihren unermüdlichen Aktionen dennoch vielen Mädchen und Frauen die Augen geöffnet und Mut gemacht.
Mit der Wahl Bouteflikas, für den 1997 und 2004 vor allem sehr viele Frauen gestimmt hatten, verbanden sich Hoffnungen auf eine Verbesserung der Gesetzgebung, wenn nicht gar einer Abschaffung des "Code de la famille". Maedchen in Tabelkouza bei Timimoun Eine Änderung war um so überfälliger, als Frauen, die 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in ihrem Engagement sowohl im Berufsleben als auch in der Politik in nichts den Männern nachstehen. Sie sind in ausnahmslos allen Berufen vertreten. Dazu gehören auch solch selbst in der westlichen Welt klassisch männerdominierten Metiers wie Piloten, Diplomaten oder Feuerwehrleute. Selbst in den Anti-Terror-Einheiten der Sicherheitskräfte sind sie vertreten. Im Bildungs-, Justiz- und Gesundheitswesen machen sie bis zu 50 Prozent der Beschäftigten aus. Auch in der Politik bringen sie sich immer mehr ein. So erfreuen sich die Parteien großen Zulaufs durch weibliche Mitglieder. Im Parlament sind 24 weibliche Abgeordnete, in der Regierung drei Staatssekretärinnen. Das Familiengesetz geriet daher zunehmend in die Kritik. Auch seitens internationaler Organisationen, darunter die UNO und Amnesty International , wuchs der Druck auf die algerische Regierung. Indes blieben die 2005 von der Regierung beschlossenen Änderungen des Familiengesetzes hinter den Erwartungen zurück und lösten mehr Enttäuschung , denn Hoffnung aus. Vor allem die Beibehaltung der gesetzlich zugelassenen Polygamie und die Auflage, eine Eheschließung nur in Anwesenheit eines männlichen Vormundes abhalten zu dürfen, werden als Schande empfunden. Dagegen wurde die Position geschiedener Frauen mit Sorgerecht für Kinder gestärkt, indem ihnen das Recht auf eine Wohnung zugebilligt wurde. Damit soll ein gravierendes soziales Problem gelöst werden, denn bisher waren verstoßene Mütter mit ihren Kindern zu einem Leben auf der Straße verurteilt. Nur wenige unabhängige Organisationen nehmen sich bisher der Hilfesuchenden an, darunter SOS - Femmes en détresse (SOS -Frauen in Not). Vor allem in den Jahren des Terrorismus haben Frauen und Mädchen am meisten unter dem Terror islamistischer Extremisten gelitten. Ungeachtet der Gefahren haben sie durch ihre fortgesetzte Präsenz im öffentlichen Leben aktiv republikanische Rechte verteidigt. Eine völlige Gleichstellung wäre daher kein Zugeständnis, sondern eine längst überfällige Maßnahme gewesen. Allerdings ist nicht damit zu rechnen, dass sich Bouteflika in absehbarer Zeit nochmals auf eine Änderung des Familiengesetzes einlässt.
Die Öffnung Algeriens für ausländische Firmen hat die Zahl der Ehen mit Männern anderer Nationalitäten stark anwachsen lassen. Dies ruft vor allem bei den religiösen Führern Irritationen hervor.

4.3 Kultur

Felszeichnung im Tassili Die UNESCO hat sieben historische Stätten in Algerien zum Weltkulturerbe erklärt: Die Bergfestung Beni Hammad, die Felsmalereien des Tassili n'Ajjer in der Zentralsahara, das Tal von M'zab, die Römischen Ruinen von Djemila, die Ruinenstadt Tipasa, die Römischen Ruinen von Timgad und die Kasbah (Altstadt) von Algier.
Nachdem das kulturelle Leben durch den 1991 ausgebrochenen bewaffneten Konflikt völlig zum Erliegen gekommen war, regt sich die Kulturszene seit einigen Jahren wieder. Allerdings wird es noch lange Zeit dauern, bis der Stand vor den Jahren des Terrorismus annähernd wieder erreicht ist.
Mehrere europäische Kulturzentren haben vor einigen Jahren ihre Arbeit wieder aufgenommen. Das Goethe-Institut ist seit 2001 wieder in Algier präsent und organisiert Sprachkurse, Konzerte und Workshops . Das seit sechs Jahren veranstaltete Europäische Kulturfestival wird vom Algierer Publikum mit Dankbarkeit und Begeisterung aufgenommen.
International hat das Land in den vergangenen Jahren vor allem durch einige Filmproduktionen des Regisseurs Merzak Allouache auf sich aufmerksam gemacht.
Auch in der Musik ist Algerien über seine Grenzen hinaus durch Popmusiker wie Rachid Taha, Cheb Mami und Khaled bekannt.
In der Literatur haben in jüngster Zeit vor allem Assia Djebar und Yasmina Khadra von sich reden gemacht. All diese Künstler leben jedoch in Frankreich. Der Literaturbetrieb Algeriens leidet vor allem unter den bürokratischen Hemmnissen , die teilweise auch als Zensur ausgelegt werden können.

4.4 Bevölkerung und Sprachen

Von den etwa 32,6 Millionen Algeriern sind drei Viertel Araber und ein Viertel Berber. Das Wort Berber leitet sich vom griechischen Wort barbar (fremd) ab. Zu dieser ethnischen Minderheit gehören die in der östlich Algiers gelegenen Bergregion lebenden Kabylen, die in der Pentapolis Ghardaia lebenden Mozabiten, die im Aurès-Gebirge lebenden Schaoui sowie kleinere Berberstämme in der Küstengegend um den Berg Chenoua. Bis auf die weitgehend assimilierten Schaoui sprechen diese Berberstämme ihre eigenen Sprachen, die allerdings eine gewisse Verwandschaft zum Tamazigh aufweisen. Das gilt auch für die Sprache der Tuareg in der Zentralsahara, das Tamascheq. Offzielle Amtssprache ist Arabisch. Der algerische Dialekt des Arabischen unterscheidet sich stark vom klassischen Hocharabisch und ist mit Wörtern aus dem Französischen, Türkischen oder Spanischen versetzt. Zudem gibt es große regionale Unterschiede. Mehrere staatlich verordnete Arabisierungsversuche sind in den vergangenen Jahrzehnten gescheitert. Nach wie vor wird von einem Großteil der Bevölkerung auch Französisch gesprochen. Nach blutigen Unruhen in der Kabylei (s. a. Kapitel Staat und Politik) wurde Tamazigh als zweite Nationalsprache neben Arabisch zugelassen. Es wird seitdem an Schulen und Universitäten gelehrt, hat aber nicht den Status einer offiziellen Amtssprache.

Algerien hat eine sehr junge Bevölkerung . Mehr als zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt. Das Bevölkerungswachstum liegt bei 1,2 Prozent. Die algerischen Männer werden im Durchschnitt 71,5 Jahre alt, die Frauen 74,6 Jahre.

4.5 Gesundheit und Sozialwesen

Das algerische Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren konstant an Qualität verloren. Obwohl eine nahezu flächendeckende Infrastruktur existiert, reicht die personelle und materielle Ausstattung nicht aus. Angesichts der finanziellen Möglichkeiten, über die das Land verfügt, betrachtet die Bevölkerung dies als unhaltbaren Zustand. Die Versorgung in privaten Kliniken ist für die meisten algerischen Familien zu teuer. Seitdem Algerien Transitland für Flüchtlinge aus dem subsaharischen Afrika auf deren Weg nach Europa ist, steigt auch die Zahl der HIV-infizierten Personen an.

4.6 Bildung

Das staatliche Bildungssystem wird bereits seit mehreren Jahrzehnten seinen Aufgaben nicht gerecht. Privatschulen sind für die Mehrheit der Eltern nicht erschwinglich. Es herrscht eine gesetzlich geregelte neunjährige Schulpflicht . Vor allem im Landesinnern jedoch werden Mädchen ihrer Bildungschancen beraubt. Generell reichen die Mittel qualitativ und quantitativ nicht aus, um den Schülern eine ordentliche Bildung angedeihen zu lassen. Überfüllte Klassen und unterbezahlte Lehrer sind immer wieder Anlass für Streikaktionen. Seit einigen Jahren versucht die Regierung, durch bessere Lehrerausbildung und strengere Zulassungskriterien die Qualität des Unterrichts zu verbessern. Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss wächst dennoch von Jahr zu Jahr. Den Universitäten fehlt das Geld, um die vor allem nach Frankreich abgewanderten Dozenten zurück zu holen und den Studenten eine westlichen Ansprüchen gerecht werdende Ausbildung zu gewährleisten.

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