Ergänzung zu Seite 4 der LIS Botswana


Auszug aus: "Die stille Tragödie":

AIDS in Botswana - Eine Gesellschaft der Todgeweihten

 

AIDS bedroht massiv den frisch erworbenen Fortschritt des modernen Botswana. Jeder fünfte Einwohner des Landes ist HIV-positiv! Seit Anfang der 90er Jahre wird das Problem, von politischer Seite wie auch aus der Bevölkerung heraus, gezielt angegangen. Aufklärung stand zunächst im Zentrum. Viele kleine Plakatstellwände und große Werbetafeln wurden errichtet. Sie propagieren Kondome und Safer Sex. Über Werbekampagnen in Radio, Fernsehen und Zeitungen wird versucht, das Problem in das Bewusstsein der Menschen zu heben. Projekte in Schulen und in Kliniken sollen das Schweigen brechen und über Risiken und Übertragungswege informieren. Es gibt keine Rede eines botswanischen Politikers, in der nicht auch AIDS Thema wäre. Man hofft, das Risikobewusstsein schärfen und den Umgang mit AIDS verändern zu können.

Auch in Botswana galt Armut lange Zeit als ein die Krankheit begünstigender Faktor. Der Staat hat viele Programme zur sozialen Absicherung eingeführt. Aber AIDS ist ein Problem nicht nur der Armen, das hat man erkannt. Die Wohlhabenderen sind oftmals stärker betroffen. Über Vorträge und Seminare in Firmen wird versucht, sie zu erreichen. Darüber hinaus betrachtet man die Selbstbestimmung der Frau als Waffe im Kampf gegen AIDS. Die Frauenrechtsbewegung bekam Rückendeckung aus der AIDS-Forschung. In stark patriarchalischen Strukturen sind Frauen oft sexuellen Übergriffen ausgeliefert, oder ihre wirtschaftliche Benachteiligung zwingt sie zu sexuellen Dienstleistungen. Dazu kommt ihr oftmals geringer Zugang zu Bildung und Medien, weshalb Frauen weniger von den Aufklärungskampagnen erreicht werden. Ein Schritt zur Gleichberechtigung der Frau bedeutet also auch einen Schritt auf dem Weg im Kampf gegen das HI-Virus.

Es scheint also, als hätte man langsam zu einer etwas offeneren Auseinandersetzung im Umgang mit der Krankheit gefunden. Jedem, der nicht mutwillig die Augen vor dem Problem verschließt, müsste es in vollen Ausmaß bewusst sein. Slogans auf großen Tafeln überall am Straßenrand verkünden die simple Formel der botswanischen Regierung: ABC – Abstain (sei enthaltsam), Be faithful (sei treu), Condomize (benütze ein Kondom). Das Problem scheint lösbar.
ABC

Aber AIDS sieht man nicht. Über AIDS spricht man nicht. Das ABC der Regierung entstammt nicht dem Alphabet, aus dem die Worte des Alltags geformt werden. Niemand stirbt an AIDS. Niemand kennt jemanden, der an AIDS gestorben ist. Auch das ist Teil der Tragödie – nur wer in Botswana nach AIDS sucht, wird es finden. AIDS liegt nicht auf der Straße, weil die Toten nicht auf der Straße liegen. Die Friedhöfe sind voll, die Gräber sind frisch, und in ihnen liegen die Körper unzähliger junger Menschen. Aber die Friedhöfe liegen nicht an den Straßen. AIDS ist ein stiller Tod, verhalten und ruhig wie Botswanas Landschaft. Es scheint, als hätten die Menschen die Augen verschlossen, trotz aller Plakate, trotz aller Kampagnen, trotz des Sterbens, das unaufhaltsam weitergeht.

Und so reichen politische Fehlentscheidungen, Verleugnung, medizinische Unkenntnis, das jahrelange vergebliche Ringen nach wirklichen Lösungen nicht aus, das riesige Ausmaß der Katastrophe zu erklären. Die eigentlichen Hintergründe der Tragödie, die wir als Sozialwissenschaftler aufzudecken hoffen, sind nicht mit Fakten allein zu belegen. Wenn in Botswana die Wohlhabenden, wenn die geistigen Eliten, wenn in höheren Schulklassen mehr als die Hälfte der Schüler und fast die Hälfte aller Studenten HIV-infiziert sind, dann kann dies nur bedeuten: Rationale Kenntnis der Fakten über AIDS genügt nicht, die Ansteckungsgefahr zu bannen. Zwischen Wissen, formierter Logik und tatsächlichem alltäglichen Handeln liegen Welten, Abgründe.

Wir fragen nach bei Experten und bei Menschen, die uns in den Städten und Dörfern begegnen. Wieder erfahren wir von aberwitzigen Theorien. AIDS sei eine Krankheit der Weißen. AIDS sei eine Erfindung der Amerikaner. AIDS sei eine Abkürzung für American Invention to Deter Sex oder America´s Idea of Discouraging Sex. Das Leugnen hat noch nicht aufgehört, so scheint es.

Aber das wahre Problem liegt noch viel tiefer. Es liegt in Denkweisen und Erklärungsmustern, die tief in der botswanischen Gesellschaft verankert sind. Sie existieren parallel zum anderen, zum hochtechnisierten, globalisierten, rationalen, zukunftsorientierten Botswana. Es sind spirituelle Deutungen und Geistervorstellungen, die mit Geschehnissen des Alltags verknüpft werden. Vielen Ereignissen wird Übernatürliches zugeschrieben. Krankheiten sind immer durch Schadenskräfte verursacht und haben viel mit Geistern und Zauberei zu tun. Wer plötzlich krank wird, wer eines unnatürlichen Todes stirbt, stand im Banne solcher Schadenskräfte. Entweder hat der Kranke oder Verstorbene Unrecht begangen und wurde von seinen Ahnen bestraft, oder böse Mitmenschen haben ihm Geister gesandt, die ihn seiner Gesundheit beraubten. Erscheinen die Umstände besonders dubios, dann wird der Kranke im Extremfall sogar ausgegrenzt und stigmatisiert, wird der Umgang mit Kindern Verstorbener gemieden.

Wer krank ist, sucht meist zuerst einen traditionellen Heiler auf, bevor er sich vielleicht in schulmedizinische Betreuung begibt. Mit rituellen Zeremonien und natürlichen Arzneien wird versucht, der Krankheit Herr zu werden. Die Schadenskräfte werden ausgetrieben. Viele Heiler sind dabei durchaus kompetent, besitzen eine große Expertise und sind mit ihren Therapien sehr erfolgreich. Aber ihre medizinischen Deutungsmuster sind nicht solche, nach denen in Arztpraxen und Krankenhäusern verfahren wird. Heiler kennen keine Viren. Und kein AIDS.

Was uns irrational erscheint und wo wir schnell versucht sind, Handeln und Denken mit Aberglaube abzutun, gehört in Botswana zum Leben. Natürlich ließe sich fragen, was anderes eigentlich unsere christlichen Heilsvorstellungen sind? Und wer von uns hat nicht schon einmal sein Horoskop gelesen? Wieviele sind nicht fest überzeugt, diese oder jene Eigenschaft zu besitzen, weil sie ihrem Sternzeichen entspricht? In Botswana sind solche Erklärungsmuster noch viel stärker und selbstverständlicher in den Alltag integriert. Und Geister sind leise. Sie mögen es nicht, wenn man über sie spricht. AIDS ist leise. Über AIDS spricht man nicht.

© 2001 F. Krüger

Auszug eines längeren Beitrages "Die stille Tragödie", der auch auf naturwissenschaftliche Fakten und wahrnehmungsbezogene Erklärungen des AIDS-Problems eingeht.
Autoren: Fred Krüger, Hiltrud Herbers, Saskia Bausch, Klaus Geiselhart, Volker Wulff
Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg

Erscheint in ROCHE-Magazin 2001.
Auf das Copyright wird ausdrücklich hingewiesen!
© 2001 F. Krüger

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