2.1 Geschichte
Schlüsseldaten
1500
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Entdeckung Brasiliens durch Cabral
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1822
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Unabhängigkeit von Portugal
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1888
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Abschaffung der Sklaverei
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1891
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Gründung der Ersten Republik
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1930
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Staatsstreich durch Vargas
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1945
|
Absetzung von Vargas
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1951
|
Wahl von Vargas zum Präsidenten
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1954
|
Selbstmord von Vargas
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1964
|
Staatsstreich durch Militär
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1985
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Ende der Militärdiktatur
Sarney erbt Präsidentenamt
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1989
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Erste Direktwahl
Wahl Collors zum Präsidenten
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1992
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Absetzung Collors wegen Korruptions- vorwürfen
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2004
|
Wahl Cardosos zum Präsidenten
|
| 2002 |
Wahl Lulas zu Präsidenten |
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Gesamtdarstellungen
Eine tiefgreifende Darstellung historischer Aspekte brasilianischer
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft findet sich auf den Seiten des
Brasilianischen Außenministeriums Itamaraty
(eng). Die Texte dort stammen aus der Feder unabhängiger,
nahmhafter Wissenschaftler.
Wichtige Einblicke
in die Kulturgeschichte Brasiliens geben zahlreiche Beiträge in
den Zeitschriften Tópicos
und Brazzil (eng).
Informativ sind auch die landeskundlichen Angebote bei brasilien.de, brasilienportal.ch
und bei Sérgio
Koreisha (eng). Und dann gibt es natürlich noch die
Brasilienseiten bei Wikipedia.de.
Brasilien durchlief in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie
viele Länder
Lateinamerikas eine längere Phase autoritärer Herrschaft. Seit 1964
bestimmte das
Militär die Richtlinien der Politik. Erst im Laufe der 1980-er Jahre
kehrte das Land
dann schrittweise wieder in die Bahnen demokratischer Herrschaft
zurück. Diese
Demokratisierung verlief verhältnismässig friedlich. Heute bekennen
sich alle relevanten
politischen Parteien zum Prozess der politischen Machtverteilung durch
Wahlen - was mit
Blick in die brasilianische Geschichte oder in einige Nachbarländer
nicht ganz so
selbstverständlich ist wie es scheint.
Viele Probleme beim Übergang zu gefestigten demokratischen Strukturen
teilt Brasilien
mit anderen lateinamerikanischen Gesellschaften. Kritische Stimmen
prangern den
fortwährenden autoritären und gewaltgeprägten politischen Alltag und
den weiterhin wichtigen
Einfluss
des Militärs auf die Politik an. Dennoch haben sich die
wiedergeborenen
Demokratien in Lateinamerika angesichts der widrigen wirtschaftlichen
und sozialen
Rahmenbedingungen bisher als erstaunlich überlebensfähig erwiesen. Auch
die junge
brasilianische Demokratie verarbeitete kritische Situationen wie die
Absetzung eines
gewählten Präsidenten wegen Korruptionsvorwürfen relativ reibungslos
(Affäre Collor, 1992).
In dieser Hinsicht kann also die Redemokratisierung in Brasilien als
Erfolg gewertet werden.
Solche auf den gesamtlateinamerikanischen Kontext bezogenen Analysen
sind aber oft zu
unpräzise, um die
Herausforderungen
des brasilianischen politischen Systems nach der Verabschiedung einer
neuen, demokratischen Verfassung 1988 zu verstehen.
Deutschsprachige in Brasiliens Geschichte
Auch die Namen von Deutschen sind mit der Geschichte Brasiliens eng
verwoben. Fesselnd ist bis heute der bereits 1556 verfasste Bericht des
deutschen Söldners
Hans Staden,
der sich bereits wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung von einer
portugiesischen Expedition anheuern liess und dann von Indianern
verschleppt wurde. Seine Warhaftig Historia und Beschreibung eyner
Landtschafft der Wilden, Nacketen, Grimmigen Menschenfresser Leuthen in
der Newenwelt Amerika
ist einer der ersten ethnographischen Berichte über die
brasilianischen Ureinwohner und lieferte die Vorlage zu zwei Filmen (Como era Gostoso o meu françes von Nelson Pereira dos Santos, Brasilien 1971;
Hans Staden von Luiz Alberto Pereira, Brasilien 2000).
Der deutschstämmige Historiker
Francico Adolfo Varnhagen (1816-1878) wurde nach der Unabhängigkeit Brasilien (1822) eine Art
offizieller Geschichtsschreiber der jungen Nation und verfasste 1857 - als Diplomat im Dienst der brasilianischen
Krone und basierend auf umfangreichem Quellenstudium seine História Geral do Brasil, in der die
koloniale Vorgeschichte des jungen brasilianischen Staates umfassend dargestellt wird. Varnhagen, der zunächst
eine Militärlaufbahn in Portugal begonnen hatte und später für Brasilien im diplomatischen Dienst in
Europa tätig war, wurde vom brasilianischen Staat schliesslich zum Visconde do Porto Seguro geadelt.
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde Brasilien das Ziel einer Reihe von
Expeditionen zur Erforschung von Flora und Fauna. Zu den Naturforschern gehörten auch Carl
Friedrich Philipp Martius (1794-1862) und
Johann Baptist Spix (eng) (1781-1826), die beide im Auftrag des Bayrischen Königs
Brasilien noch vor der Unabhängigkeit bereisten (1817-20) und eine umfangreiche Sammlung
zu Flora und Fauna anlegten, an deren
Auswertung sie noch Jahrzehnte arbeiten sollten. Wenige Jahre später (1826-28) unternahm
Georg Heinrich Langsdorff (1774-1852) eine Expedition von São Paulo in den Mato Grosso
und von dort aus ins Amazonasgebiet. Dieses wissenschaftliche Abenteuer wurde vor einigen
Jahren von der Künstlerin Adriana Florence, einer Nachfahrin einer der Expeditionsteilnehmer,
nachvollzogen und
filmisch dokumentiert.
Der österreichische Schriftsteller
Stefan Zweig (1882-1942), einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren seiner Zeit, war von
Brasilien fasziniert und wählte das Land schliesslich als Ziel seines Exils während der Nazi-Herrschaft.
Die von ihm verfasste Landesgeschichte Brasilien. Ein Land der Zukunft schildert in anschaulicher Weise
die wichtigsten Etappen von der Entdeckung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Besondere Schmankerl finden sich in der Ausstellung zu Österreichs
Verbindungen mit dem Amazonasland. An anderer Stelle gibt es sachlich gehaltene
Kurzporträts zu Deutschen in Brasilien. |
2.3 Innenpolitik

Lula nach dem Wahlsieg
im Oktober 2002
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Lula im Oktober 2006 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt
Im Oktober 2006 wurde Präsident Lula (PT) für eine zweite Amtszeit (2007-2010)
wiedergewählt. In der Stichwahl
schlug er mit 61% der Stimmen den Gegenkandidaten Geraldo Alckmin
(PSDB, 39%).
Nur zwei Wochen vor
der Wahl war bekannt geworden, dass Mitarbeiter des Wahlkampfkomittees
des Präsidenten versucht hatten, den Wahlkampf zum
Gouverneursamt im mächtigsten Bundesstaat Sao Paulo zugunsten des
Kandidaten der Arbeiterpartei zu manipulieren. Diesen
Skandalnahmen
die Gegenkandidaten zum Anlass, die
Korruptionsskandale während der ersten Amtszeit anzuprangern, was
Lulas Vorsprung dahinschmelzen liess und eine Sieg bereits im ersten
Wahlgang knapp vermasselte. In der Stickwahl gegen den politische
konservativen und als Persönlichkeit eher blassen Alckmin gelang
es dem amtierenden Präsidenten, sich
als Verteter
der Armen und Entrechteten
darzustellen. In den Regionen des Nordens und Nordostens, wo das von
Lula
eingeführte
Programm des Minimallohns vielen armen Familien ein Auskommen
sichert, gewann Lula mit überwältigender Mehrheit.
Für seine zweite
Amtszeit
schmiedet Lula eine breite Koalition schmieden, um der Regierung die
erforderliche Mehrheit
im Kongress zu sichern. Die politischen Zugeständnisse, die er dabei
machen muss, werden jedoch den Spielraum für die
Durchführung notwendiger Reformen wesentlich einschränken. Es scheint
realistisch, in den nächsten vier
Amtsjahren
eher Kontinuität als Neuanfänge
zu erwarten. Da Lula lach der brasiliansichen Verfassung nicht für
eine weitere Amtszeit kandidieren kann, sehen sich mögliche
Aspiranten auf seine Nachfolge angehalten, sich mit der Regierung gut
zu stellen.
Die Wahl Lulas im Jahr 2002
Im Oktober 2002 war in Brasilien in landesweiten Wahlen über die
Neubesetzung des
Präsidentenamtes, der 27 Gouverneursposten sowie der Zusammensetzung
der Legislative
auf Bundes- und Landesebene entschieden worden. Die Wahlen standen im Schatten der Präsidentschaftswahlen, bei denen
der
Sozialist
Luiz Inácio Lula da Silva (Lula) den sozialdemokratischen
Regierungskandidaten
José Serra in zwei Wahlgängen klar ausgestochen hat. Die
Bedeutung
der Wahl ist kaum zu überschätzen. Politisch bedeutete sie zunächst
einmal,
dass die junge Demokratie den Test des friedlichen Machtwechsels
bestanden hat,
denn bisher hatte der Gang zu den Urnen allenfalls zu schrittweisen
Machtverschiebungen
geführt: vom konservativen José Sarney (1985-89), der noch enge
Verbindungen zum ehemaligen
Militärregime hatte, zu dem liberalen Populisten Fernando Collor
(1990-92), der nach seiner
spektakulären Absetzung wegen Korruptionsvorwürfen von dem eher
profillosen
Itamar Franco (1992-1994) ersetzt wurde, bis schliesslich der
sozialdemokratische
Fernando Henrique Cardoso (1995-2002) auf der Basis einer breiten
Koalition der Mitte regierte.
Lulas
sozialistische
Arbeiterpartei PT war bisher immer in der Oppositionsrolle
geblieben
und beteiligte sich an keiner der Regierungen. In diesem Sinne hat die
Wahl als
politische Wende einen hohen symbolischen Stellenwert.
Wirtschafts- und Sozialpolitik in der ersten Amtszeit
Die Erwartungen an den neuen Präsidenten waren gross und zum Teil nicht
einfach miteinander
zu vereinbaren. Das Misstrauen der
internationalen
Finanzwelt hinsichtlich eines möglichen radikalen Kurswechsels
des neuen Präsidenten hatte sich allerdings als unbegründet erwiesen. Lula hat die
im Wahlkampf
abgegebenen Versprechungen zur Schuldenrückzahlung und den Prinzipien
der Haushaltsausterität
konsequent eingehalten. Dem Ende 2002 bedrohliche Ausmasse anehmenden
Devisenabfluss und
der schleichenden Rückkehr der Inflation hat die neue Regierung
erfolgreich gegengesteuert.
Um eine Rückkehr der Inflation zu verhindern und die mit dem
Währungsfonds vereinbarten
Stabilisierungsziele
zu erreichen wurden weitere Kürzungen im Haushalt vorgenommen
und der Zinssatz erhöht. Dieser Stabilitätskurs wurde von der Regierung bis heute eisern gehalten.
Eine der grössten Herausforderungen bestand in der Reform der
öffentlichen Rentenversicherung.
Die Aufrechterhaltung des derzeitigen Systems kostet die öffentliche
Hand etwa 20 Mrd. US$
jährlich, denn die Einzahlungen der Erwerbstätigen können die Zahlungen
an Rentner bei weitem
nicht abdecken. Die öffentlichen Bediensteten, auf die der Löwenanteil
dieses Defizits
entfällt, sind aber gerade durch Lobbyisten im Parlament gut
organisiert und haben bereits
in der Vergangenheit Reforminitiativen abblocken können. Die Regierung
Lula hatte in dieser Frage
aber Standfestigkeit bewiesen und die Verabschiedung ihres Projektes
der Rentenreform
im Kongress gegen
Proteste
auf der Stasse und
Dissidenten
aus den eigenen Reihenn konsequent durchgesetzt.
Die brasilianischen und ausländischen Unternehmer erwarten
jedoch auch Reformen auf
dem Feld
des Steuersystems und des Arbeitsrechtes, um die
Investitionsbedingungen des Standortes
Brasilien zu verbessern. Gewerkschaften, Arbeitnehmer und Arbeitslose
ihrerseits hofften
auf staatliche Initiativen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.
Für
grosse Würfe durch staatliche Aufträge und billige Kredite
war die Finanzdecke
jedoch zu kurz.
Die Diskussionen um die Reform des Steuersystems und die Verteilung des
Steueraufkommens unter Bund, Ländern und Gemeinden scheiterte an
gegenseitigen Blockaden.
Die Hoffnungen der Steuerzahler und der Unternhemer auf eine
Verringerung der Steuerlast
und Vereinfachung
des Steuersystems wurden bisher noch nicht erfüllt.
Durch verschiedene Entscheidungen hat Lula schon bald nach Amtsantritt den Umweltflügel seines
Linksbündnisses verprellt.
Dazu gehört auch die vom Gesetzgeber getroffene Entscheidung zugunsten
einer Liberalisierung
der Gentechnik, die im Agrarsektor die bereits vorher herrschende
Praxis des Anbaus und Vertriebs
genmanipulierter Soja auf eine gesetzliche Grundlage stellte. Zuvor
hatten die
Sojaproduzenten vor allem im Bundesstaat Rio Grande do Sul diese
Produkte gegen
das Gesetz erworben und angepflanzt.
Diese Abwendung von ökologischen Grundpositionen hat den
prominenten Umweltschützer und PT-Abgeordneten Fernando Gabeira zum
Austritt aus der Partei
bewogen.
Dem erklärten Regierungsziel, die absolute Armut im
Lande zu bekämpfen, wollte die Regierung über das Programm
Fome
Zero (eng)
(Kein Hunger) sowie über die Ankurbelung der Wirtschaft und die
Schaffung neuer Arbeitsplätze beikommen. Die gesetzliche
Sozialhilfe wurde tatsächlich eingeführt und erreichte nach
dem Ende der ersten Regierungszeit 10 Mio Familien, etwa 25% der
Bevölkerung.
Korruptionsvorwürfe in der ersten Amtszeit
Der erste Korruptionsskandal der Regierung Lula war noch relativ
harmlos. Im zweiten Amtsjahr wurde bekannt, dass ein hoher Beamter im
Präsidialamt, Waldomiro Diniz,
von Unternehmern Spenden für Regierungsparteien erpresste und
diesen im Gegenzug Vorteile bei der Lizenzvergabe für
Glücksspiele versprach. Der Skandal hatte begrenzte
Ausmasse. Der moralische Schock war jedoch gross, schleisslich war die
Arbeiterpartei mit dem Anspruch einer ethischen Wende in der Politik
angetreten.
Eine ganz andere Dimension hatte die im Juni 2005 ausgelöste Regierungskrise.
Roberto
Jefferson, Vorsitzender der PTB, einer der Parteien der
Regierungskoalition
Lulas, hatte auf Korruptionsvorwürfe gegen seine eigene Partei mit einem
umfassenden
Gegenangriff reagiert.
Laut Aussage Jeffersons hatten Abgeordnete anderer Koalitionspartner
der Regierung im Kongress regelmässig 'Monatsgehälter' von etwa 10.000
Euro
erhalten und im Gegenzug den jeweiligen Gesetzesvorlagen der
Regierung diskussionslos
zugestimmt. Diese Vorwürfe wurden im Laufe verschiedener Unstersuchungen bestätigt.
Die Gelder stammten aus schwarzen Kassen der
Regierungspartei PT. Gefüllt wurden diese Kassen mutmasslich durch nicht deklarierte
Spenden von Unternehmen, welche
sich ihrerseits schadlos
hielten über grosszügige Staatsaufträge, beispielsweise der
brasilianischen Post.
Mitglieder der Parteispitze (vom
Schatzmeister Delubio Soares über den damaligen Parteivorsitzenden
José Genoino bis zur grauen Eminenz und Kabinettschef
José
Dirceu) waren an diesen Machenschaften aktiv beteiligt war oder hatten
sie geduldet. Über die Mitwisserschaft Lulas stritten sich
Regierung und Opposition über Monate hinweg. Die Ermittlungen von Polizei und
Staatsanwaltschaft als auch die Untersuchungskommissionen im Kongress
hatten über Monate hinweg
die Nation mit weiteren Enthüllungen über die finanziellen
Nebengeschäfte der brasilianischen
Politik in Atem gehalten. Das erste Opfer der Vorwürfe war
Kabinettschef Dirceu,
der zurückgetreten war und danach auch sein Mandat im Kongress verlor. Ein
weiteres
Dutzend Abgeordnete war ebenfalls vom Mandatsverlust bedroht, nicht
erklärbare Zahlungen von einem Unternehmer (Marcos Valério) erfolgt waren,
der
wiederum lukrative Geschäfte mit der Regierung betrieb. Einige
Abgeordnete sind
von ihrem Mandat zurückgetreten - dies nicht als Schuldeingeständnis,
sondern um dem Verlust der politischen Rechte zu entgehen und bei der
nächsten Wahl
wieder antreten zu können.
Schliesslich kam es zu einem weiteren
Skandal um den erst Anfang 2005 gewählten Präsidenten des Abgeordnetenhauses,
Severino Cavalcanti.
Er hatte schon wenige Monate nach Amtsantritt von einem Unternehmer,
der im Kongress ein Restaurant betreibt, Schmiergeldzahlungen
abgepresst, und legte
nach heftigem öffentlichem Druck Amt und Mandat nieder. Der
Schaden für das öffentliche Ansehen des Kongresses war enorm.
Mitte 2006 folgte dann ein weiterer ein sogenannter
Krankenwagen-Skandal, in den zahlreiche
Abgeordnete verwickelt waren. Die Untersuchung wurde von der Bundespolizei
auf Hinweise der Innenrevision hin betrieben und erstreckte sich auf den
Zeitraum noch vor der Amtszeit Lulas. Kongressabgeordnete
hatten Änderungen im Haushaltsgesetz dazu genutzt, mit
öffentlichen Geldern den Kauf von Krankenwagen oder andere
gemeinnützige Projekte in ihren Wahlbezirken zu unterstützen.
Diese dubiose, aber durchaus übliche Praxis verbanden sie mit der
Forderung von Schmiergeldzahlungen gegenüber den Unternemern, die die
entsprechenden Güter und Dienstleistungen lieferten.
Referendum zum Waffenverkauf im Oktober 2005
Eines der drängendsten Probleme in Brasilien ist die hohe
Kriminalitätsrate, die im
Allgemeinen in direkten Zusammenhang gebracht wird mit der extremen
Armut und sozialen
Ungleichheit. Auch der weit verbreitete Besitz von Handfeuerwaffen und
die
geringe Hemmschwelle, davon auch Gebrauch zu machen, ist mit dafür
verantwortlich,
dass in Brasilien mehr Menschen durch Schusswaffengebrauch sterben als
in den meisten
anderen Ländern.
Im brasilianischen Kongress wurde deshalb ein umfassendes
Statut verabschiedet, das den Besitz von Handfeuerwaffen regelt.
Allein über die
Frage des Vertriebes von Waffen konnten sich die Abgeordneten nicht
einigen und haben zu
diesem Zweck ein Volksreferendum einberufen. In den wenigen Wochen vor
der Abstimmung kam
es dabei zu einem beachtlichen Stimmungswechsel bei den Bürgern. Gab es
zuächst noch eine
breite Mehrheit für das Verbot des Waffenverkaufs, so stimmten am 23.
Oktober 2004 64% gegen ein
generelles Vertriebsverbot. Eines der
Argumente der Gegner eines Verbots war, dass der Staat nicht im
Stande sei, seine
Bürger zu schützen, also sollte diesen das Recht, sich selbst zu
verteidigen, nicht
abgesprochen werden. Auch wenn das Entwaffnungsstatut in seinen übrigen
Teilen weiterhin
in Kraft bleibt, haben doch die zahlreichen Initiativen gegen die
weitere Eskalation
der Gewaltspirale einen empfindlichen politischen Rückschlag erlitten.
Kommunalwahlen im Oktober 2004
Im Oktober 2004 fanden landesweit Kommunalwahlen in den Städten und
Gemeinden Brasiliens statt.
Die Wahl kann als Etappe auf dem Weg der
demokratischen
Konsolidierung
Brasiliens gewertet werden.
Neben der Bundes- und Landesebene hat die Kommunalpolitik einen
wachsenden Einfluss auf das
Leben der Bürger. Sowohl Gemeinderäte als auch Bürgermeister werden in
allgemeinen, direkten
Wahlen gewählt. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Wahlbeteiligung in
Brasilien immer noch sehr hoch liegt. Es
besteht zwar Wahlpflicht, aber die Nichtwähler können ihre Abwesenheit
problemlos und
unbürokratisch rechtfertigen. Vor diesem Hintergrund ist es
verwunderlich, dass (nur) 14%
der Wahlberechtgten gar nicht zur Wahl erschienen. Weitere 6% gaben
entweder ungültige oder
bewusst weisse Stimmzelle ab.
In mehreren Städten gab es interessante Ergebnisse. So hat die
PT die beiden wichtigen Städte Porto Alegre und São Paulo verloren. Im
Bundesstaat Rio Grande
do Sul hat die Partei bereits vor zwei Jahren das Gouverneursamt
verloren. Nun wurde auch
die mehr als ein Jahrzehnt andauernde Regierungsführung der PT in der
Landeshauptstadt Porto
Alegre abgewählt. Die bisherige Amtsinhaberin in São Paulo, Marta
Suplicy (PT), hatte vor vier Jahren eine
abgewirtschaftete und tief
in Korruption
verstrickte Stadtverwaltung übernommen. Sie konnte aber die
Errungenschaften ihrer Regierung
nicht überzeugend verkaufen und wurde nicht im Amt bestätigt. Der neue
Bürgermeister der
Stadt heisst José Serra (PSDB), Gesundheitsminister unter Präsident
Cardoso und Gegenkandidat
von Lula bei der Präsidentschaftsswahl 2002.
Menschen- und Bürgerrechte
Fragen der Umsetzung demokratischer Partizipation in einem Modell sich
gegenseitig
kontrollierender politischer Institutionen standen im Zentrum der
Redemokratisierungsdebatte
in Brasilien in den 1980er Jahren. In der darauffolgenden
Konsolidierungsphase sind andere
Fragen in den Vordergrund gerückt. Dazu gehört die Respektierung von
Grund- und Bürgerrechten
durch den Staat, die Möglichkeit der Konfliktlösung auf gerichtlichem
Wege und die
Durchsetzung des rechtstaatlichen Ordnungsanspruchs durch Polizei und
Strafverfolgungsbehörden.
Brasilianer sehen die Realität in ihrem Land zunehmend kritisch.
Missbrauch von Polizei gegen
Unterschichtsangehörige, Korruptionsanfälligkeit der Gerichte und
Straflosigkeit für
Bessergestellte werden als zunehmend nicht länger akzeptabel empfunden.
Polizei und Justiz in Brasilien wird vorgeworfen, sie seien selbst
korrupt und damit Teil
des Problems. Eine Reform dieser Institutionen ist unumgänglich, um
mehr Rechtsstaatlichkeit
zu erreichen. Gerade die armen Bevölkerungschichten leiden unter dem
Mangel an an Rechtsschutz.
Oft sind sie selbst Ziel von Übergriffen der Sicherheitskräfte.
Die
Jahres-
und
Länderberichte
von Amnesty International schildern zahlreiche
Menschenrechtsverletzungen
im Zusammenhang mit Landkonflikten, aber auch gegenüber Indianern,
Strassenkindern und anderen
Minderheiten. Seit Mitte der 1990er Jahre setzt sich die
brasilianische
Regierung mit dem Problem der Menschenrechtsverletzung verstärkt
auseinander.
Ziel der Bundes- und verschiedener Landesregierungen ist, sowohl den
Machtmissbrauch und
gewalttätige Übergriffe der Polizei als auch die Organisierte
Kriminalität unter Kontrolle
zu bringen.
Dennoch sind Pauschalverurteilungen nicht angebracht.
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2.4 Aussenpolitik
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Neue Aussenpolitik
Mit Präsident Cardoso hatte die Aussenpolitik Brasiliens
seit 1995 einen Aufschwung erfahren.
Sein Nachfolger Lula hat seit seinem Amtsantritt 2003 gezeigt, dass
auch er auf Brasiliens Rolle als regionale Grossmacht setzt.
Wichtige
Themen der brasilianischen Aussenpolitik sind im
lateinamerikanischen Kontext die wirtschaftliche Integration im Rahmen
des Mercosul, der
ursprünglich auf eine schrittweise Annäherung zwischen
Brasilien und Argentinien seit 1985
zurückging und 1991 unter Einbeziehung der kleineren
Nachbarländer Paraguay und Uruguay in die Wege
geleitet wurde. Seit 2006 ist aus Venezuela Vollmitglied des Mercosul.
Es bleibt abzuwarten, ob damit die Zusammenarbeit, die auf einen
gemeinsamen Markt mit freiem Güter- und Personenverkehr
und gemeinsamem Aussenzoll zielt, gestärkt oder verwässert
wird. Auch eine Abstimmung der Wirtschaftspolitik und der Gesetzgebung
ist in
dem Vertragswerk vorgesehen. Gegenwärtig aber besteht das
praktische Ziel in der
Verwirklichung einer Freihandelszone.
Obgleich die
Integrationsbemühungen gegenwärtig immer wieder
unter den Auswirkungen der Finanzkrisen in Brasilien und Argentinien
leiden, zeigt eine langfristige
Analyse dass sich das Handelsvolumen zwischen den
Partnerländern
seit der Gründung des Mercosul entscheidend ausgeweitet hat. Auch
in politischer
Hinsicht hat die Integration Früchte getragen, da sie alte
Rivalitäten zwischen
Brasilien und Argentinien beseitigte und die Demokratie in Paraguay
gegen Putschversuche stärkte. Mit dem kürzlichen Beitritt
Venezuelas wird der Mercosul auf eine weitere Probe gestellt, denn
neben den aussenwirtschaftlichen Fragen muss auch den rivalisierenden
Ansprüchen Brasiliens und Venezuelas als regionale
Führungsmacht Rechnung getragen werden.
Die Fachliteratur
zum Thema Mercosur ist in jüngster Zeit stark angewachsen.
Für die fernere
Zukunft stellt sich die Frage, ob sich der Wirtschaftsraum Mercosul
der nordamerikanischen ALCA oder der
Europäischen Gemeinschaft annähern wird. Die
Verhandlungen über
eine Freihandelszone mit Europa wurden erst im Juni 2004 auf einem EU-Lateinamerikagipfel
im mexikanischen Guadalajara entscheidend vorangetrieben. Unter
Präsident Lula hat die brasilianische Regierung versucht, in den
ALCA-Verhandlungen
die eigenen Interessen stärker gegen die Vorstellungen der
Vereinigten Staaten
durchzusetzen, was natürlicherweise zu Spannungen im
Verhältnis beider Länder geführt hat.
Spuren davon zeigten sich auch auf dem 4.
Amerikagipfel der im Januar 2004 in Monterrey abgehalten wurde.
Im Verhältnis zu den anderen südamerikanischen
Nationen (die meisten
sind ja unmittelbare Nachbarn) rivalisiert Brasilien in der Wunschrolle
als regionale Führungsmacht
mit Venezuela, aber auch Argentinien. Nach dem Regierungswechsel in Bolivien hat der neue
Präsident Evo Morales, unterstützt durch den venezoelanischen
Staatschef Hugo Chavez, brasilianische Investitionen im Bergbau
kurzerhand verstaatlicht und damit kurzfristig diplomatische
Spannungen zwischen den Nachbarn ausgelöst. Die langfristigen
Folgen dieses Zwischenfalls
für die wirtschaftliche Integration zwischen beiden Ländern
ist noch nicht abzuschätzen.
Gegenüber der Supermacht USA versucht Brasilien eine
unabhängige Position einzunehmen. Im Gegensatz
zu dem früher stark ideologisch geprägten Pro- oder
Antiamerikanismus
der brasilianischen
Aussenpolitik ist die gegenwärtige Position jedoch eher von einer
moderaten Haltung geprägt,
bei der das nationale Eigeninteresse im Vordergrund steht. Heikle
Themen, die auch immer
wieder zur diplomatischen Konfrontation mit den USA führen, stehen
oft
in Zusammenhang
mit der Auflösung des Prinzips der nationale
Souveränität, der
Brasilien kritisch
gegenübersteht. In dieser gespannten Lagen habe sich geringe
Anlässe,
wie die verschärfte
Personenkontrolle bei der Einreise in die USA oder die Kritik durch
nordamerikanische Jornalisten
in jüngster Zeit immer wieder zu diplomatischen Krisen
ausgewachsen.
Im internationalen Kontext versucht Brasilien, sich als Mittelmacht zu
profilieren. Auf der
einen Seite zeigt sich dies in der Teilnahme des Landes an
Friedensmissionen der
Vereinten Nationen (Osttimor, Angola und jüngst Haiti).
Auf der anderen Seite fordert Brasilien eine
Strukturänderung der internationalen Wirtschaftsordnung. Wichtige
Themen sind hierbei der
Protektionismus der reichen Nationen im Bereich des Agrarhandels, neue
Handelshemmnisse
durch Auflagen hinsichtlich der sozial- und Umweltverträglichkeit
von
Exportartikeln, das Patentrecht
und Biopiraterie,
das internationale Finanzsystem und die Verschuldungsfrage.
Der Führungsanspruch
Brasiliens als Mittelmacht wird auch durch den Anspruch auf einen
ständigen Sitz des Landes im UN-Sicherheitsrat unterstrichen. Die
Regierung Lula hat
erste Schritte unternommen, Brasilien eine Sprecherrolle des
Südens
zuzuweisen. Eine erste Initiative in dieser Richtung bestand in der Gründung des IBSA
Dialogs (Brasilien, Indien und Südafrika), kurz nach Lulas
Regierungsantritt im Jahr 2003. Ein weiterer Anlauf bestand in der von
Brasilien angeführten Gruppe G20, die im Rahmen
der WTO Verhandlungen 2005 die Positionen des Südens vertreten sollten.
Es stellte sich jedoch heraus, dass die Interessen auch innerhalb der Gruppe sehr heterogener Natur waren.
Die Diskussion über die Bedeutung des Amazonasgebiets für das globale ökologische Gleichgewicht ist ein Thema,
bei dem diplomatische Kreise, das Militär, aber auch die intellektuellen Eliten des
Landes
mit grosser Empfindlichkeit
reagieren und auf das brasilianische Souveränitätsrecht
pochen. |