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Brasilien
Seite 3: Wirtschaft & Entwicklung

3.1 Wirtschaft

Wirtschaftssystem und -sektoren

Entstaatlichung, Einbindung in die Weltwirtschaft und Währungsstabilisierung sind wesentliche Stichworte einer neuen Wirtschaftpolitik, die verschiedene Regierungen in Brasilien in den letzten beiden Jahrzehnten mit Nuancen verfolgten.

Hinzu kommt als wichtige Rahmenbedingung die Reform des Staatsapparates, die allerding zum grossen Teil noch unvollendet ist. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Abbau struktureller Defizite im Haushalt und der Steigerung der Effizienz staatlicher Politikbereiche. Sie geht weit über die blosse Kürzung öffentlicher Ausgaben hinaus und umfasst beispielsweise die Umstrukturierung des Gesundheits- und Rentensystems, die Verbesserung des Bildungssystems und die Neuordnung des Beamtenapparates. Diese Reformen verlaufen bei weitem nicht geradlinig und sind immer wieder von Widerständen und Rückschlägen betroffen.

Die Modernisierungsprozesse in Politik und Wirtschaft beeinflussen sich dabei stark gegenseitig. Der Bertelsmann Transformations Index (BTI), der sich auch auf Brasilien erstreckt, erfasst beide Dimensionen sowohl quantitativ als auch qualitativ.

Wirtschaftsindikatoren und -analysen

Eine Gesamtanalyse der Entwicklungshemmnisse Brasiliens muss sowohl auf externe als auch interne Faktoren Bezug nehmen.

Wirtschaftspolitik

Es ist nach dem Anpfiff der zweite Amtszeit Lulas noch nicht abzusehen, ob die Regierung Lula in den nächsten vier Jahren, wie versprochen, wesentliche Fortschritte in Richtung einer Ankurbelung der Wirtschaft, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Überwindung der krassen sozialen Ungleichheit erreichen kann.

Die ersten vier Jahre unter der Regierung Lula haben gezeigt, dass die kurzfristigen wirtschaftspolitischen Sachzwänge wenig Spielraum lassen für einen radikalen Neuanfang. Die hohe öffentliche Verschuldung im In- und Ausland lastet mit exorbitanten Zinsen und kurzen Laufzeiten schwer auf dem Haushalt und Investitionen in Infrastruktur sind praktisch nicht mehr möglich. Reformen in Staat und Gesellschaft sind ebenfalls schwierig, denn in Zeiten knapper Budgets fällt der Staat als Umverteilungsinstrument praktisch aus. Langfristige Reformen werden durch Besitzstandsdenken weitgehend blockiert.

Zum Teil handelt es sich dabei aber auch um über einen langen Zeitraum angehäufte Erblasten. Um diese langfristigen Rahmenbedingungen aufzuzeigen gehen die folgenden Ausführungen auch auf wirtschaftspolitischen Entwicklungen ein, die sich unter den vorangegangenen Regierungen abzeichneten. In den 1990-er Jahren vollzog sich in der brasilianischen Wirtschaftspolitik ein Kurswechsel von kaum zu überschätzender Bedeutung. Er stand im Kontext einer Neuorientierung politisch-gesellschaftlicher Entwicklungsvorstellungen die sich in mehreren lateinamerikanischen Ländern vollzog. Mit der Privatisierung staatlicher Unternehmen, der Öffnung zum Weltmarkt und dem Abbau von Marktmonopolen nahm Brasilien Abschied von einem Entwicklungsmodell, in dessen Zentrum der Staat als Unternehmer, Finanzier, Vormund und Behüter gestanden hatte. Der Umbruch ist noch nicht abgeschlossen. Seine Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind jedoch unübersehbar.

Während die Befürworter die wiedergewonnene Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Wirtschaft und die Steigerung der ausländischen Investitionen hervorheben, verweisen Kritiker auf die sozialen Kosten des neuen, als neoliberal bezeichneten Entwicklungsmodells, das zu einer Steigerung der Arbeitslosigkeit und einer verstärkten Abhängigkeit der brasilianischen Wirtschaft von internationalen Finanzspekulationen führte. Manche beklagen auch in der derzeitigen Wende wiederum einen mangelnden Kontinuitätsbruch und machen verschiedene Reformblockaden dafür verantwortlich.

Einer der grossen wirtschaftpolitischen Erfolge unter der vorangegangenen Regierung Cardosos sicherlich die dauerhafte Überwindung der Inflation durch den Plano Real von 1994. Es handelt sich um den vorläufig letzten und erfolgreichsten einer Reihe von Reformplänen um die wirtschaftliche Stagflationsphase - wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation - zu überwinden. Die Währungsstabilisierung hatte tiefgreifenden Auswirkungen auf die Einkommenssituation gerade der Armen. Der Kurseinbruch der brasilianischen Währung Anfang 1999 zeigte jedoch, dass dieses Modell immer noch erheblichen Risiken ausgesetzt war.

Auch die Regierung Lula hat diesen Austeritätskurs gehalten und reagiert schon auf die geringsten Anzeichen eines Währungsverfalls mit Erhöhung der Zinsen und Haushaltskürzungen - auch wenn dies auf immer massivere Kritik aus den eigenen Reihen stösst.

Investitionen und Staatsverschuldung

Im Hinblick auf die Auslandsverschuldung Brasiliens, eines der brennenden Themen der 1980-er Jahre, setzten die brasilianischen Regierungen im letzten Jahrzehnt nicht mehr auf einseitig erklärte Zahlungsmoratorien oder einen Schuldenerlass, wodurch ausländische Banken und Investoren abgeschreckt wurden. Im Gegenteil konnten im Rahmen von Umschuldungsverhaldungen längere Zahlungsfristen erreicht und die Zinsen gesenkt werden.

Allerdings hat sich die öffentliche Hand in den letzten Jahren im Inland zunehmend verschuldet und muss inzwischen einen beträchtlichen Anteil des Budgets für die Tilgung des Schuldendienstes aufbringen. In kirchlichen Basisorganisationen und unter Globalisierungskritikern wird immer wieder über das Thema der Auslandsschulden diskutiert. Unter Wirtschaftsexperten und in Regierungskreisen ist das Thema eher tabu, weil schon alleine Spekulationen über eine mögliche Nichtbedienung zu einer Vertrauenskrise führen und die Zinsen weiter nach oben drücken würde.

3.2 Entwicklung und Entwicklungs- politik

Armut und Armutsbekämpfung

Vergangene Regierungen haben in der Sozialpolitik vor allem auf die staatlichen Dienstleistungen im Bereich Bildung und Gesundheit gesetzt. Die Ausweitung der Versorgung im Gesundheits- und Bildungsbereich über Jahrzehnte hinweg ist mit einem Qualitätsverlust einhergegangen. .Die Mittel- und Oberschicht ist in diesen Bereichen längst auf private Anbieter ausgewichen,wodurch der redistributive Charakter der staatlichen Investitionen in diese Bereiche gestärkt wird.

Ein weiteres Standbein sind die Sozialversicherungen (Renten-, Krankheits- und Arbeitslosenversicherung), auch wenn es sich nur um eine Grundversorgung handelt.

Schließlich sucht der brasilianische Staat seit langem, die regionalen Einkommensunterschiede durch spezielle Programme zu überwinden. Eigens dafür gegründete Institutionen wie SUDAM oder SUDENE standen lange Zeit für die stärkere Anbindung des armen Nordens und Nordostens an die Entwicklungslokomotive im Süden und Südosten. Vor allem durch Investitionsanreize sollte die wirtschaftliche Entwicklung des Nordens und Nordostens angekurbelt wereden. Gleichzeitig aber häufte sich aber auch die Kritik am Programm, wegen falscher Anreizstrukturen, aber auch systematischer Mittelentwendung, was schließlich zur Auflösung von SUDAM und SUDENE führte.

Auch der brasilianische Föderalismus sieht verschiedene Umverteilungsmechanismen im Rahmen von Sonderfonds für ärmere Länder und Gemeinden vor. Manche Munzipien finanzieren sich praktisch vollständig aus diesen Transferzahlungen.

Programme, die auf eine Umverteilung von Einkommen zielen, wie beispielsweise eine progressive Besteuerung des Einkommens und Sozialfürsorge haben nur eine geringe Bedeutung. Der Spitzensteuersatz für Privateinkommen liegt in Brasilien bei 27,5%.

Aufgrund dieser massiven Investitionen im sozialpolitischen Bereich und der anhaltenden krassen sozialen Unterschiede wurde immer wieder treffend bilanziert, der brasilianischen Staat gebe viel aber schlecht im sozialen Bereich aus. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rolle des Staates in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung kam eine jüngere Analyse (port.) sogar zur Schluss, dass der Staat eher eine Rolle der negativen Umverteilung eingenommen hat. Deshalb hatte seit geraumer Zeit die Suche nach Alternativen in der Sozialpolitik begonnen.

Eine dieser Alternativen besteht in Programmen, die sich am Bedarf der einzelnen Bürger orientieren. Diese Programme basierend auf der Idee einer gesetzlich garantierten Sozialhilfe, bilden den Schwerpunkt von Lula Sozialpolitik. Diese 'bolsa familia' wurde zum wichtigsten Aushängeschild der Regierung Lula.

 

Deutsche und andere europäische Entwicklungsorganisationen

Brasilien ist nicht nur als Regionalmacht, sondern auch wegen des besonderen Gewichts der deutschen Investitionen vermutlich der wichtigste Ansprechpartner Deutschlands in Lateinamerika. Der obligatorische Einschluss des Landes in deutsche Staatsbesuche auf dem Kontinent ist nur äusseres Kennzeichen dieses hohen Stellenwerts.

Zahlreiche deutsche Institutionen sind in Brasilien vertreten. Neben der Deutschen Botschaft in Brasília und den Konsulaten in Porto Alegre, São Paulo, Rio de Janeiro und Recife und den Organisationen aus der Entwicklungszusammenarbeit gehören dazu auch die Goethe-Institute in Brasilia, Salvador, Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba und Porto Alegre und die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammern, die vor allem im Südosten und Süden (Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba und Porto Alegre) präsent sind. Erwähnenswert ist auch das Martius-Staden Institut (port) in São Paulo, eine von Brasilien getragene Kultureinrichtung, die auf den Kulturdialog mit Deutschand. ausgerichtet ist. Bei diesen Institutionen finden sie Hinweise zu laufenden Veranstaltungen in Brasilien, aber auch Antworten auf praktischen Fragen. Die deutsche Kulturzusammenarbeit mit Brasilien besteht aus einer Mischung aus interkulturellem Dialog zwischen den Welten, Heimatpflege für Deutsche im Ausland und gezielter Standortpflege bei einem wichtigen Wirtschaftspartner.

Für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit Lateinamerika hat die Bundesregierung ein Lateinamerikakonzept ausgearbeitet, in dem die historisch-kulturelle Verbindung zu Europa betont werden. Die Reformen in den 1980er und 1990er Jahren hin zu mehr Demokratie und einem Umbau in Staat und Wirtschaft werden als positiv herausgestellt. Die Bewahrung der Ökosysteme mit ihrer globalen Bedeutung (BMZ Sektorkonzept Wald) und die Minderung der sozialen Ungleichheit zur Sicherung von Frieden und Demokratie werden aber weiterhin als strategische Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung genannt. Lateinamerika gehört nicht zu den ärmsten Regionen der Welt, weist aber im globalen Vergleich die krassesten Unterschiede zwischen arm und reich auf. Die Hintergrundanalyse hebt hervor dass sich Korruption und Organisierte Kriminalität dort breitmachen wo gesellschaftliche und öffentliche Ordnungskräfte versagen. Die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Modernisierung des Staatsapparates bilden den dritten Schwerpunkt deutscher Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika.

Im Zusammenhang mit der Definition Brasiliens als Ankerland ( BMZ Ankerlandkonzeption) kommt es derzeit zu einer schrittweisen Neuorientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Brasilien. Das Ankerlandkonzept setzt auf die Armutsbekämpfung, Globalen Umweltschutz und Good Governance. Zusammen mit dem Stichwort von der der Entwicklungspolitik aus einem Guss stellt diese programmatische Neuorientierung eine grosse Herausforderung für die zukünftige Zusammenarbeit mit Brasilien dar.

Die bilaterale Zusammenarbeit Deutschlands mit Brasilien konzentriert sich auf die Schwerpunkte Schutz und nachhaltige Nutzung der Amazonas- und atlantischen Tropenwälder Brasiliens, die Armutsreduktion im Nordosten und, als neu hinzugekommen, die Förderung erneuerbarer Energien. Im ersten Bereich profitiert die deutsche EZ immer noch von der von Deutschland 1990 initiierten PPG7 Initiative und ist inzwischen der größte bilaterale Geber in diesem Programm. Im Bereich Energie geht es darum, Brasilien trotz einer bereits sehr hohen Energieversorgung auf der Basis von Wasserkraft auch andere erneuerbare Energieträger wie Wind- und Sonnenenergie anzubieten, wo Deutschland besonderes Wissen und Technologien anzubieten hat. Der bisherige Schwerpunkt der Armutsbekämpfung im Nordosten wird eventuell zurückgefahren unter dem Gesichtspunkt, dass Brasilien in der Lage sein sollte, das Armutsproblem selbst zu lösen.

Bei der Gesellschaft für Techische Zusammenarbeit (GTZ) nimmt neben den beiden Schwerpunkten Tropenwalderhalt und Umwelt/Energie auch der Bereich Armutsbekämpfung im Nordosten weiterhin eine wichtige Rolle ein. Neben dem Schrumpfungsprozess der letzten Jahre sind die stärkere Einbindung in nationale Entwicklungsprogramme und das Andocken an von internationalen Entwicklungsbanken und bilateralen Gebern finanzierte Programme zunehmend wichtig. Im Schwerpunktbereich Umweltmanagement und erneuerbare Energieträger kann die deutsche EZ vor allem im Bereich der Altlastensanierung und des Flächenrecycling wertvolle Erfahrungen einbringen . Das Tropenwaldprogramm gliedert sich in drei thematischen Linien: Naturschutz, zu dem die Ausweisung von Naturschutzgebieten zählt; Ausweisung und Management von Indianergebieten; und Raumordnungsfragen mit Blick auf den Ressourcenschutz.

Der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) ist in Brasilien bereits seit 1996 präsent. Dabei gehört die Zusammenarbeit vornehmlich mit Nichtregierungsorganisationen ebenso zum Profil des DED wie die Konzentration auf Projekte in Bereich der Armutsbekämpfung. Die Arbeit des DED konzentriert sich auf die beiden Regionalschwerpunkte Amazonas und Nordosten. Im Nordosten teilen sich die Projekte in einen urbanen und einen ländlichen Schwerpunkt. Zum ersten gehören beispielsweise Projekte zur Stärkung partizipativer Stadtverwaltung oder in Bereich der Müllbeseitigung. Im ländlichen Bereich nannte er als Beispiele die Zusammenarbeit im Bereich von Biodiesel oder bei der Unterstützung organischer Landwirtschaft. Projekte im Amazonasurwald konzentrieren sich auf das nachhaltige Management natürlicher Ressourcen und die Integration marginalisierter Bevölkerungsschichten.

Die politischen Stiftungen Konrad Adenauer Stiftung, Friedrich Naumann Stiftung, Friedrich Ebert Stiftung (port), Heinrich Böll Stiftung und Rosa Luxemburg Stiftung sind in Brasilien vertreten und leisten durch ihre Bildungsarbeit einen wichtigen Beitrag zur Konsolidierung der demokratischen Strukturen im Land. Staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure haben seit der Redemokratisierung oft weitgehend unabhängig voneinander einen starken Wandlungsprozess durchlaufen. Ziel der Seminare, Studien, Workshops ist die stärkeren Rückbindung von Regierung, Parlament und Parteien an die gesellschaftlichen Probleme und die Organisationen der Zivilgesellschaft.

Längst aber haben sich auch ausserstaatliche Solidaritätsinitiativen global vernetzt und arbeiten transnational. Unter den in Brasilien tätigen deutschen Institutionen verdient das Institut für Brasilienkunde in Mettingen, die Brasilieninitiative in Freiburg, das Tropenwaldnetzwerk Brasilien und die Kooperation Brasilien (KoBra) besondere Erwähnung. Neben der Unterstützung von konkreten Projekten steht bei diesen Solidaritätsinitiativen vor allem Hintergrundanalysen, die Öffentlichkeitsarbeit und politische Einflussnahme in beiden Ländern im Vordergrund. Auch die Deutsch-Brasilianische Juristenvereinigung (DBJV), eine Institution an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und beruflichem Engagement, leistet einen wichtigen Beitrag zum Kulturdialog.

Zahlreiche internationale und regionale Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sind in Brasilien tätig. Die Weltbank (eng) und der Internationale Währungsfonds (eng) stellen ausführlich Informationen zu ihrem Engagement in Brasilien bereit.

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