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Gesellschaft: Die chilenische Gesellschaft wird in für Mitteleuropäer kaum vorstellbarem Maße durch Fragen des sozialen Status regiert. Dies ist einerseits ein Erbe der historischen Strukturen aus der Kolonialzeit, aber in noch höherem Maße ein Ausdruck der wirtschaftlichen Entwicklung seit 1973. Insbesondere der durch die Militärs eingeleitete Rückzug des Staates aus weiten Teilen des sozialen Netzes hat die soziökonomischen Unterschiede weiter vergrößert. Die Lebenswelten von Chilenen unterschiedlicher sozialer Schichtzugehörigkeit haben heute kaum noch Berührungspunkte: Geburt, Ausbildung, Berufsalltag, Freizeit- und Konsumverhalten, ja selbst Krankheit und Tod laufen weitestgehend sozial getrennt ab. Zwar wurden dank der staatlichen Anstrengungen seit 1990 erhebliche Fortschritte bei der Bekämpfung der gröbsten Armut erreicht, die Verteilung der Ressourcen innerhalb der chilenischen Gesellschaft gehört jedoch zu den ungleichesten der Welt. ![]() Oberschichtviertel von Santiago ©: Günther Eggers Zur ethnischen Struktur des Landes wurde schon im Landesüberblick etwas gesagt. Parallelgesellschaften finden sich in bescheidenen Ansätzen (außer in den ländlichen Siedlungen der indigenen Minderheiten) bei einigen europäischen und außereuropäischen Zuwanderern bzw. ihren Nachkommen. Die geringe Zahlenstärke dieser zumeist städtischen Gruppen verhindert eine strikte Abschottung aber ebenso effektiv wie ihre vielfältigen, auch familiären Kontakte zu anderen Mitgliedern der gehobenen sozio-ökonomischen Schichten. Im Alltagsleben von größerer Bedeutung ist die Religionszugehörigkeit: Während nach wie vor die absolute Mehrheit der Bevölkerung der katholischen Kirche Der Sozialstaat in Chile: Chile hat seit 1973 einen Weg zurückgelegt, welcher von vielen auswärtigen Beobachtern als modellhaft gepriesen, von anderen als Menetekel gefürchet wird: Die weitgehende Abkehr von sozialen Sicherungssystemen, welche auf dem Solidarprinzip und dem Generationenvertrag beruhen, hin zu einem eigenverantwortlichen, weitestgehend auf Marktgesetzen beruhenden System. Alters- und Gesundheitsvorsorge sowie Bildung wurden zu einem lukrativen Markt für private Anbieter, der Staat beschränkt sich darauf, die Einhaltung von groben Spielregeln zu kontrollieren. Dieser unter der Militärherrschaft ohne gesellschaftliche Diskussion verordnete Systemwechsel hat ohne Zweifel in einigen Bereichen zu einem Modernisierungsschub und zu verbesserten Leistungen für gewisse Bevölkerungsgruppen geführt. Eindeutige Verlierer sind die vielen, welche als Zielgruppe für den Markt zu arm, zu alt oder zu krank sind, sowie in gewissem Sinne auch der Staat, welcher für diese Menschen ein (quantitativ wie qualitativ unzureichendes) Auffangnetz knüpfen muß. Gerade von der neuen Präsidentin Bachelet wird allgemein erwartet, hier durch staatliche Eingriffe Abhilfe zu schaffen. Informationen zum Thema Armut in Chile finden sich u.a. bei der katholischen Hilfsorganisation Hogar de Cristo ![]() Traditionelles Gehöft in der Küstenkordilliere der V. Region. ©: Günther Eggers Rentensystem: Besondere Beachtung im Ausland haben die privaten Pensionsfonds (AFP Beim Gesundheitswesen gibt es eine ganz klare Zweiteilung: Die Mehrheit der Bevölkerung wird von dem staatlichen Gesundheitsdienst FONASA Bildungswesen: Die heftigen Schüler- und Studentenunruhen im Mai/Juni 2006, welche im Oktober 2006 erneut aufflackerten, stellten die Regierung Bachelet schneller als erwartet vor eine ernste Bewährungsprobe und lenkten im In- und Ausland die Blicke auf die Schattenseiten des chilenischen Bildungswesens. Das Land brüstet sich zwar mit Recht einer fast 100%igen Einschulungsquote sowie einiger der besten Universitäten Lateinamerikas. Doch bestehen in Chile im Bildungssektor große Ungleichheiten, die es nicht nur Begabten aus der Mittel- und besonders Unterschicht schwer machen, sondern insgesamt die Entwicklung der chilenischen Volkswirtschaft bremsen. Der Hauptkontrast besteht zwischen den oft ärmlichen staatlichen (eigentlich: kommunalen) Schulen und dem Privatsektor, dessen Schulen zum Teil aber ebenfalls staatliche Zahlungen erhalten. Träger der nicht selten offen elitären Privatschulen sind die katholische Kirche, diverse Schulvereine von "Bindestrich-Chilenen" (so etwa die der Deutsch-Chilenen), sowie auch von Unternehmer/-innen, die erkannt haben, daß Bildung in Chile ein glänzendes und weitgehend krisensicheres Geschäft darstellt. Dies gilt um so mehr, als der Besuch ausgewählter Schulen und Universitäten neben dem Erwerb fachlicher Qualifikationen v.a. auch das Knüpfen von persönlichen Netzwerken / Seilschaften ermöglicht, ohne die in Chiles Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wenig funktioniert. Aktuell bemüht sich die Regierung gegen manchen Widerstand, ambitionierte Reformen im Schulsektor durchzuführen. Wie sieht nun der idealtypische Bildungsgang eines chilenischen Kindes aus? Ein hoher Prozentsatz besucht bereits Kindergärten, die deutlicher als in Deutschland auf den Schulbesuch vorbereiten (oft sogar den einer bestimmten Privatschule). Die erste Phase der Schulausbildung stellen die acht Schuljahre der sog. "Enseñanza básica" dar. Im Anschluß (und ohne Leistungsselektion) verbringen die meisten Kinder noch vier weitere Jahre in einer Schule der "Enseñanza media". Dies erscheint auch ratsam, da viele Arbeitgeber selbst für vergleichsweise einfache Tätigkeiten heute 12 Schuljahre voraussetzen. Ein großes Problem der öffentlichen Schulen ist die Tatsache, daß viele Lehrer angesichts ihrer sehr bescheidenen Löhne unmotiviert oder (wegen Mehrfacharbeit an mehreren Schulen) völlig überlastet sind. Zudem fehlt vielen Schülern aus der Unterschicht der Rückhalt im Elternhaus, so Hilfe bei den Hausaufgaben, oder auch nur eine räumliche Rückzugsmöglichkeit zum Lernen. Oft genug müssen diese Kinder zudem bereits durch Arbeit zum Familieneinkommen beitragen, was die hohen Fehlzeiten und Schulabbrüche dieser Gruppe erklärt. Hat ein Jugendlicher die Enseñanza Media erfolgreich durchlaufen, hat er das Recht zur Teilnahme an der landesweiten "Prueba de Selección Universitaria" (PSU), deren Ergebnisse über Studiengang und Studienort entscheiden. Die Bedeutung dieser Prüfung ist so groß, daß viele eigens einen kostspieligen Kurs in einem privaten Institut ("Preuniversitario") besuchen, dessen einziger Sinn darin besteht, heil durch die Klippen der PSU (früher: PAA) zu führen. Aktuell wird in Chile intensiv über eine Reform der Zugangsregelung zur Universität diskutiert. Die Studiengebühren an den chilenischen Universitäten sind recht hoch. Es bestehen große Qualitätsunterschiede, wobei die staatliche Universidad de Chile Wie wohl schon deutlich wurde, sind Kinder aus der Unterschicht bis auf wenige Stipendiaten vollständig von der höheren Bildung ausgeschlossen. Auch der Mittelschicht gelingt es nur unter großen Opfern, ihren Kindern den Zugang zu hochqualitativer Bildung zu verschaffen. Die bestehenden sozio-ökonomischen Strukturen werden so in die nächste Generation übertragen. Eine Mehrzahl der Betroffenen scheint nunmehr nicht länger gewillt, diese Ungerechtigkeiten weiter hinzunehmen, zumal die Staatskassen durch den enormen Preisanstieg des Hauptexportgutes Kupfer mehr als reichlich gefüllt sind. Kulturelles Leben: Für die Größe und Abgelegenheit des Landes hat Chile erstaunliche kulturelle Leistungen hervorgebracht. Glanzstück ist sicherlich die Literatur, wo Chile mit Gabriela Mistral ![]() Grab von Pablo Neruda und seiner Ehefrau Matilde Urrutia, im Garten ihres sehr sehenswerten Hauses in Isla Negra (V. Reg.). ©: Günther Eggers Medien: Die Presselandschaft in Chile ist durch ein extrem hohes Maß an Konzentration gekennzeichnet: zwei große Konsortien (Mercurio-Konzern und COPESA) teilen den Markt praktisch unter sich auf, nachdem sich eine Reihe von Publikationen aus dem politischen Mitte-Links-Spektrum nach dem Rückgang der Politikbegeisterung zur Zeit der Redemokratisierung nicht auf Dauer im Markt halten konnten. Die beiden jeweiligen "Flaggschiffe" der Pressekonzerne sind der alterwürdige El Mercurio Wichtigeste Informationsquelle der chilenischen Bevölkerung ist das Fernsehen. Die wichtigsten Programme sind das staatliche Fernsehen TVN Sport: Eindeutiger Favorit der Chilenen ist selbstverständlich der Fussball Eigentlich ein reiner Elitensport, begeistert Tennis ![]() Surfer auf dem Hochgebirgssee "El Yeso", 3.000 m hoch in den Anden gelegen, ein wichtiges Trinkwasserreservoir für Santiago ©: Günther Eggers |
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