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Honduras
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

 

 

Soziale Lage

 

Flagge Niger

 

 

 

 

( Sofern nicht anders angegeben, führen alle Links auf dieser Seite zu deutsch- oder englischsprachigen Seiten.)

64,2 % (2004, offizielle Zahlen) der Gesamtbevölkerung fallen in Honduras unter die gängigen Armutsdefinitionen (darin extrem Arme: 44,6 % der Gesamtbevölkerung). In den ländlichen Gebieten liegt die Armutsrate bei rund 72 %, die der extremen Armut bei 60,5 %. Der Stand der menschlichen Entwicklung stagniert auf mittlerem Niveau. Honduras erreicht einen Wert von 0,664 (2004) im von UNDP errechneten HDI (Human Development-Index). Einen extremen Rückschlag für die Entwicklung des Landes bedeutete der , der im Herbst 1998 Zentralamerika verwüstete. Allein in Honduras kostete er über 7.000 Menschen das Leben und verursachte Schäden von ca. 3,6 Mrd. US-Dollar. Die massive externe Wiederaufbauhilfe verhalf Honduras nicht zu substanziellen Fortschritten in der Armutsreduzierung.

In engem Zusammenhang mit der Armut steht die sozioökonomische Ungleichverteilung, wie sie am Wert des "Gini-Indexes" von 56,8 (2003) abzulesen ist. Die Einkommensverteilung ist selbst für ein Land Lateinamerikas, der Weltregion mit dem größten Abstand zwischen Arm und Reich, sehr ungleich.

Die prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse erschweren einem großen Teil der Bevölkerung den Zugang zu Bildung . Die Analphabetenrate liegt bei ca. 20 % (mit starkem Stadt-Landgefälle); die durchschnittliche Zahl an absolvierten Schuljahren liegt gerademal bei 4,8 Jahren (2001).

Die sozioökonomisch benachteiligten Gruppen haben nicht nur schlechteren Zugang zu Bildung, sondern oft auch zu anderen öffentlichen Diensten (z.B. der Wasserversorgung). Gerade in ländlichen Gegenden erreicht das staatliche Gesundheitssystem einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung nicht, v.a. mangels flächendeckender medizinischer Infrastruktur. Die urbanen Unterschichten leiden dagegen unter der schlechten Qualität dieses Systems, in welchem es durch Finanzknappheit, Misswirtschaft und Schwächen in den Organisationsstrukturen immer wieder zu Unterversorgung, beispielsweise mit wichtigen Medikamenten kommt. Jedes Jahr sterben zahlreiche Menschen an Dengue-Fieber, und AIDS wird zunehmend als Problem wahrgenommen. Auch wenn Honduras noch weit von "afrikanischen Verhältnissen" entfernt ist, weist es mit rd. 1,8 % die höchste HIV-Rate in Zentralamerika auf; in Honduras konzentrieren sich ca. 60 % aller gemeldeten HIV-Infizierungen der Region.

Leben vom Müll
(Copyright: Erika Harzer)

 

Kulturelle und ethnische
Identitäten

 

 

 

 

 

 

Karte zur Verteilung der
(indigenen) Sprachen in Honduras

 

Was die ethnisch-kulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung betrifft, lassen sich in Honduras drei ethnisch-kulturelle Großgruppen ausmachen: Ladinos, Indígenas und Afro-Honduraner (unter anderem garífunas). Diese Großgruppen unterscheiden sich (teilweise) in Hautfarbe und Physiognomie sowie kulturell und sprachlich voneinander. Weitgehend integriert in die Großgruppe der ladinos ist die kleine Anzahl von Nachfahren christlich-palästinensischer Einwanderer, in Honduras meist fälschlich als "turcos" (Türken) bezeichnet.

Die indigenen Gemeinschaften stellen in Honduras etwa 7 % der Gesamtbevölkerung. Sie unterscheiden sich soziokulturell stark vom Rest der Gesellschaft, da sie zumeist in entlegenen Landesteilen (z.B. in der weitgehend unerschlossenen Urwald-Region Mosquitia oder im Hochland der Grenzregion zu Guatemala) und mit zum Teil wenig Kontakt zur "Außenwelt" ihre traditionellen Gesellschaftsformen pflegen. Die Gemeinschaften sind größtenteils Nachfahren der Maya und differenzieren sich untereinander in mindestens neun Untergruppen. Davon sind die Lenca zahlenmäßig am bedeutendsten. Weitere Völker sind die Miskitos , Chortí , Pech oder Paya , Xicaque oder Tolupán , Tawahka und Nahoa.

Die Konflikte, die sich aus dem Zusammentreffen traditioneller Formen der Vergesellschaftung mit dem bürgerlich-kapitalistischen Staatswesen Honduras` ergeben, haben zu einem gesteigerten Gruppenbewusstsein der indigenen Bevölkerung und insbesondere im Laufe der letzten zehn Jahre zur Konstituierung zahlreicher politischer Vertretungsinstanzen geführt. In Organisationen wie COPINH (Consejo Cívico de Organizaciones Populares e Indígenas de Honduras ) oder CONPAH (Confederación de Pueblos Autóctonos de Honduras) schließen sich Gemeinschaften zusammen, um gemeinsam (und oft unterstützt von anderen zivilgesellschaftlichen oder internationalen Akteuren) ihre kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Rechte einzufordern. Die Aktivitäten der indígena-Verbände (wie z.B. die Besetzung des archäologischen Parks von Copán im September 2005) verstoßen nur in seltenen Ausnahmefällen gegen geltendes Recht und verlaufen so gut wie immer friedlich.

Ca. drei Prozent der Bevölkerung Honduras` ist schwarzer Hautfarbe. Etwa die Hälfte davon bezeichnet man als garífunas. Diese leben in weitgehend autarken Gemeinschaften an der Karibikküste sowie auf den Inseln Roatán, Utila und Guanaja und pflegen, ähnlich den indígenas, ihre traditionelle Lebensweise. Die Geschichte der garífunas  begann im 17. Jahrhundert mit dem Schiffbruch zweier Sklavenschiffe und der Flucht der darauf gefangenen Afrikaner auf die Karibikinsel St. Vincent. Sie vermischten sich mit den Ureinwohnern der Insel, und ihre Nachfahren wurden Ende des 18. Jahrhunderts von den Engländern nach Roatán deportiert. Von dort aus verteilten sich ihre Dörfer entlang der Karibikküste, so dass garífuna-Gemeinschaften heute in Belize, Guatemala, Honduras und Nikaragua zu finden sind. Ihre Sprache, ebenfalls "garífuna" genannt, wurzelt hauptsächlich im karibisch-indigenen Arawak, hat aber auch Anteile aus verschiedenen afrikanischen und europäischen Sprachen. Wie die indigenen Gemeinschaften in Honduras versuchen auch die garífunas, ihre kulturellen Eigenheiten zu bewahren und ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationsformen zu verteidigen. Dementsprechend unterscheiden sich auch Gruppenbewusstsein, Organisationsgrad und Protestformen nicht grundlegend von denen der indígenas. Die wichtigste garífuna-Organisation zur Interessenvertretung ist OFRANEH (Organización Fraternal Negra de Honduras ), die auch für die Rechte der sonstigen (d.h. "nicht-garífuna") Schwarzen eintritt.

Auch die englischsprachigen Afro-Honduraner konzentrieren sich an der Karibikküste und v.a. auf den ihr vorgelagerten Inseln (dementsprechend ist ihre offizielle Bezeichnung "isleños" von span. "isla" = Insel). Dieser Teil der Bevölkerung unterscheidet sich abgesehen von der Sprache (so gut wie alle isleños sprechen neben Englisch auch Spanisch) soziokulturell kaum von der ladinischen Mehrheit. Ebenso wie die spanischsprachigen Schwarzen, die sich v.a. (aber nicht nur) in den Großstädten des Landes angesiedelt und kulturell völlig assimiliert haben, haben sie keine so ausgeprägte Gruppenidentität wie die garífunas.


Garífuna-Dorf

(Copyright: Erika Harzer)

 

Altersstruktur

 

Die Altersstruktur der honduranischen Bevölkerung ist durch das relativ hohe Bevölkerungswachstum von derzeit jährlich 2,5 % geprägt. Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren machen über ein Drittel (42 %) der Gesamtbevölkerung aus. Derzeit bekommt jede Frau in ihrem Leben durchschnittlich 3,9 Kinder. Honduras liegt bei all diesen Indikatoren erheblich über dem lateinamerikanischen Durchschnitt (jährliches Bevölkerungswachstum: 1,5%; Bevölkerung unter 15 Jahren: 30 %; Fruchtbarkeitsrate: 2,5 Kinder pro Frau). (Diese und weitere demographische Daten finden sich auf den Internet-Seiten der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.)


Bevölkerungspyramide
Bevölkerungspyramide (bitte auf die Graphik klicken!)

 

Kirche(n) und Religion

 

 


Kardinal Rodríguez

 

 


Die hl. Jungfrau von Suyapa ist die Schutzpatronin des Landes

 

 


Die Basílica de Suyapa liegt etwas außerhalp Tegucigalpas

 

 

 


Herstellung eines traditionellen Blütenteppichs, über den die Karfreitagsprozession schreiten wird.

Nach den offiziellen Statistiken sind ca. 90% der Einwohner Honduras` Katholiken. Der tatsächliche Anteil dürfte allerdings weit darunter liegen. Insbesondere in den von Armut und extremer Armut betroffenen Bevölkerungsteilen haben neu-protestantische Kirchen (darunter zahlreiche finanzkräftige, ultra-konservative und fundamental-religiöse Sekten aus den USA) großen Zulauf. Dennoch ist die gesellschaftliche Stellung der katholischen Kirche herausragend. Erstens vereint sie immer noch den größten Teil der Bevölkerung auf sich und zweitens sind die Angehörigen der kleinen Mittel- und Obersicht so gut wie ausnahmslos Katholiken. Einflussreiche Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden ganz überwiegend aus diesen Schichten besetzt, so dass der Einfluss der katholischen Kirche überproportional zu ihrer rein zahlenmäßigen Anhängerschaft ist.

Cristo del Picacho
Eine Jesus-Statue
("el Cristo del Picacho") wacht über Tegucigalpa , in vielsagendem Ambiente.
(Copyright: Erika Harzer)

Unangefochtene Autorität innerhalb der Kirche und glaubwürdige moralische Instanz in Politik und Gesellschaft (sowohl in seiner Eigenschaft als Repräsentant der Kirche als auch als Person) ist der Erzbischof von Tegucigalpa, Kardinal Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga. Der Kardinal hat weit über die Grenzen Zentralamerikas hinaus den Ruf eines engagierten und taktisch geschickten Kirchenmannes. Vor dem Tod von Papst Johannes Paul II. wurde er gar als Kandidat für die Papst-Nachfolge gehandelt (so z.B. in einem Artikel in „Der Spiegel“). Am 30. März 2005 verlieh der damalige deutsche Botschafter in Honduras, Dr. Thomas C. Bruns (stellvertretend für Bundespräsident Horst Köhler), dem honduranischen Kardinal das Bundesverdienstkreuz ("Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband") für sein Engagement gegen Armut, soziale Ungerechtigkeit und Korruption. Im Juni 2007 wurde Rodríguez zum Präsidenten von Caritas Internationalis ernannt.

 

Weihnachten in der mall.
Weihnachten in der mall.
(Copyright: Erika Harzer)

 

Frauen


(Copyright: Erika Harzer)
Der Dokumentarfilm "Adelante Muchachas" von der deutschen Filmemacherin und Journalistin Erika Harzer erzählt die Geschichte einer Frauenfußball-mannschaft in Tegucigalpa. (Zu bestellen unter: www.adelante-muchachas.de)

 

 


Frauenministerin und Leiterin das INAM (Instituto Nacional de la Mujer ) ist Selma Estrada.

Frauen und Männer sind rechtlich gleichgestellt. Die Auswirkungen solcher Bestimmungen sind im politischen und gesellschaftlichen Alltag jedoch gering. So gibt es beispielsweise gerade einmal 23 Bürgermeisterinnen, gegenüber 275 Bürgermeistern in den insgesamt 298 Kommunen (municipios). Die Zahl der Frauen im Parlament ist allerdings seit den letzten Wahl beachtlich gestiegen und beträgt nun 32 (von 128 Parlamentssitzen, also 25%). In der Legislaturperiode von 2001-2005 gab es lediglich 5 Parlamentarierinnen.


In der Zivilgesellschaft haben Frauen oft einflussreiche und öffentlichkeitswirksame Positionen inne. Für eine Reihe von Organisationen ist der Kampf für die Rechte der Frau das Hauptziel, z.B. für das CDM (Centro de Derechos de Mujeres ), für die Gruppe "Visitación Padilla" (Schwerpunkt: Gewalt gegen Frauen) oder für den Landfrauenverband UMCAH (Unión de Mujeres Campesinas de Honduras).

Das Rollenverständnis von Frau und Mann ist von der in Lateinamerika üblichen Kultur des machismo geprägt. Hohe Raten an ungewollten Schwangerschaften und an Schwangerschaften von Jugendlichen (15 % der Neugeborenen haben Mütter zwischen 14 und 18 Jahren) tragen zum Anwachsen der Zahl von Familien mit weiblichem Familienvorstand bei. Diese Familien sind häufiger von Armut betroffen als andere (66 % zu 58 %). In den maquila-Fabriken, wo Frauen über 75 % des Personals ausmachen, kommt es immer wieder zu Entlassungen und sonstigen Diskriminierungen insbesondere schwangerer Frauen.

Musik und Literatur

 

 

 

Auch musikalisch ist Honduras vom Neben- und Miteinander der verschiedenen ethnisch-kulturellen Identitäten geprägt. Der im Radio, in Diskotheken usw. meistens zu hörende "Mainstream" beinhaltet v.a. die in Lateinamerika übliche Mischung aus spanisch- und englischsprachigem Pop und Rock und die jeweils dominierenden lateinamerikanischen Moderhythmen von Merengue über Salsa bis zu Reggetón und Bachata. Bei privaten und öffentlichen Festlichkeiten sind jedoch auch die traditionelleren und spezifisch honduranischen Musikstile beliebt, allen voran die trommelbetonte und äußerst temporeiche Punta-Musik der garífunas. Der aus dem Küstenstädtchen La Ceiba stammende Liedermacher Guillermo Anderson verbindet in seinen Songs moderne Rock-, Pop- und Reggae-Elemente mit Einflüssen der Punta und sozialkritischen (v.a. für den Erhalt der Umwelt eintretenden) Liedtexten. Auf Dorffesten und anderen Feierlichkeiten im Hochland ist, besonders bei älteren Menschen, die Musik von Marimba-Orchestern sehr beliebt.

Literarisch kann Honduras nicht gerade mit einer breiten Palette erfolgreicher Werke oder Autoren aufwarten. Der einzige mehr oder weniger berühmt gewordene honduranische Schriftsteller war Ramón Amaya Amador (1916-1966). Sein erster und bekanntester Roman "Prisión Verde"  (zuerst erschienen 1945; 1958 auf Deutsch als "Das grüne Gefängnis") schildert das Elend der Arbeiter auf den Bananenplantagen und beruht auf eigenen Erfahrungen des Autors.


Das Marimba-Orchester "Alma de las Fuerzas Armadas"
(Copyright: Erika Harzer)

 

Die honduranische Küche


Sowohl Honduras als auch El Salvador erheben Anspruch darauf, Ursprungsland der Pupusa zu sein.

Die Grundnahrungsmittel der Honduraner sind Mais, Reis und Bohnen. Der Mais wird v.a. in Form von flachen Tortillas, die ausschließlich aus Maismehl und Wasser hergestellt werden, zu so gut wie jeder Mahlzeit gereicht. Ein typisches honduranisches Frühstück etwa besteht aus Tortillas, Bohnenmus (frijoles refritos) und Rühr- oder Spiegelei, evtl. kommen noch einige Scheiben gekochter oder frittierter Kochbanane (plátano) hinzu. Eine besondere Form der Tortilla ist die pupusa . Dabei handelt es sich um eine dickere Maistortilla, die mit Wurststückchen oder Käse gefüllt ist.

In einigen Restaurants bekommt man als Vorspeise ein so genanntes anafre: Auf dem Tisch des Gastes wird ein spezielles Tongefäß platziert, in dem glühende Kohlestückchen Käsestreifen in Bohnenmus zerschmelzen lassen. Die entstehende Masse wird dann mithilfe von knusprig frittierten Tortilla-Stückchen ("tostadas") zum Mund geführt. Für europäische Gaumen ungewohnter ist das Chili, das in Form von Saucen oder von in Essig eingelegten Chili-Schoten zu vielen Gerichten gereicht wird. Auch die traditionelle sopa de mondongo muss nicht jedem schmecken, da diese Suppe mit Rindsinnereien zubereitet wird.

Eine weitere Suppenspezialität ist die sopa de caracol , eine Suppe mit in Streifen geschnittenen Riesenmeeresschnecken (deren Gehäuse von den garífunas übrigens als Musikinstrument in der Punta verwendet wird, da man durch Hineinblasen einen lauten, sehr tiefen Ton erzeugen kann). An der Nordküste, insbesondere in den afro-honduranischen Gemeinschaften, wird viel mit Kokos(-milch, -raspeln usw.) gekocht. Eine besondere Spezialität der garífunas ist casabe , eine Art Fladen aus Yucca.

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