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KENIASeite 4: Gesellschaft,
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Makrosoziale Struktur
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Die traditionelle Sozialstruktur in Kenia zu beschreiben ist müßig. Zu unterschiedlich sind die 42 offiziell anerkannten ethnischen Gruppen und zu rapide ist der gesellschaftliche Wandel. Die Berufung auf Tradition spielt in Kenya jedoch weiterhin eine wichtige Rolle. Oft ist die Referenz auf die Kultur der Väter und Mütter allerdings mehr oder weniger fiktiv. So spiegeln denn auch viele Ethnographien über die 'Stammeskulturen' Kenias eher traditionalistische Ideologien von Kultur wieder, als die Wirklichkeit. Trotz aller Vorbehalte lesenswert und liebevoll gestaltet sind Jens Finkes Internetseiten 'Traditional Music and Cultures of Kenia'. Vorbild für viele Beschreibungen kenianischer Stammeskulturen ist die Kikuyu-Ethnographie "Facing Mount Kenya", die der spätere Staatsgründer Jomo Kenyatta 1938 als Stipendiat in London veröffentlichte. Zu dieser Zeit waren die Kikuyu bereits seit fast 50 Jahren fest in das koloniale System integriert, die Kultur der meisten Kikuyu geprägt von Arbeitsmigration und dem Leben als Landarbeiter auf den Großfarmen der weißen Siedler oder als Arbeiter, Hauspersonal und Bürohelfer in der Kolonialverwaltung. Facing Mount Kenya hingegen beschreibt die gesellschaftlichen Institutionen einer bäuerlichen Stammeskultur, die scheinbar kaum Verbindung zum Rest der Welt hat. Eine internettechnisch perfekte Inszenierung von Maasai-Kultur und ethnopolitischen Forderungen bietet die Seite Maasai-Online der Maasai Association. Eine Internetseite zur Swahili-Kultur der Küste betont die Jahrhunderte alte städtische Tradition. Die Kalenjin Diaspora in Übersee diskutiert in einem Mix aus Englisch und der Regionalsprache Kalenjin die kenianische Politik. Wirtschaftlich bedeutend ist die kleine Minderheit der sogenannten 'Asians', Nachfahren der Arbeitskräfte, die die britischen Kolonialherren einst vom indischen Subkontinent nach Ostafrika brachten. Trotz oder gerade wegen der wirtschaftlichen Vormachtstellung ist die politische Situation der Asians prekär. Die meisten von ihnen sind tief mit Kenia verwurzelt, fürchten jedoch -ähnlich wie im Uganda Idi Amins - eines Tages vertrieben zu werden. Wenn auch ethnische Identifikationen in Kenya von der Kolonialzeit geformt wurden, so spielen sie auch heute noch im Zusammenleben und in der Politik eine große Rolle. Gewalttätige Konflikte sind sehr oft mit politisierter Ethnizität verbunden. In den blutigen Auseinandersetzungen nach den Präsidentschaftwahlen im Dezember 2007 wurden in den Hochburgen der Opposition in den westlichen Landesteilen die dort lebenden Kikuyu als mutmaßliche Anhänger des Präsidenten Kibaki verfolgt. Umgekehrt sahen sich in Nairobi die dort lebenden Luo dem Generalverdacht regierungsfeindlicher Umtriebe ausgesetzt.
Stadt-Land-Verhältnis Die Mehrzahl der erwachsenen Bewohner Nairobis hat die Kindheit auf dem Land verbracht und weiterhin enge Bindungen an die ländliche Heimatregion. Viele besitzen irgendwo noch ein Stück Land und geben sich dem Traum hin, einmal zu einem beschaulichen Leben auf dem Land zurückzukehren. Kenianische Mittelstädte wie Nakuru, Eldoret oder Nyeri stehen in engem Bezug zu ihrem ländlichen Umfeld. Daher waren in Kenia bis vor kurzem die kulturellen Gegensätze zwischen Stadt und Land weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. Viel vom ländlichen Leben, den Vorstellungen und Wünschen in einer abgelegenen Bergregion Kenias, erfährt man über die Seiten des Schweizer Projekts 'Mountain Voices'. Aus zahlreichen offenen Interviews erschließt sich der Mikrokosmos der Menschen am Mount Elgon an der Grenze zu Uganda. Kenia ist eine junge Gesellschaft. Über 40% der Bevölkerung sind Kinder unter 14 Jahren. Die Seite Kinderleben in Kenia zeigt die Bandbreite der Lebenswirklichkeiten kenianischer Kinder und Jungendlicher. Mittlerweile wächst in Nairobi eine neue Genaration heran, die diese Stadt als ihre Heimat ansieht. Den Soundtrack dazu bietet das Lifestyle-Portal KissFM für die international orientierte (und wohlhabende) Partyszene in Nairobi.
Geschlechterverhältnis Die Situation der Frauen in Kenia ist in den letzten Jahren nicht besser geworden.Viele Frauen in ländlichen Gebieten müssen sich allein durchschlagen, nachdem der Ehemann zuerst auf der Suche nach dem guten Job nach Nairobi oder Mombasa migrierte und dann weder Geld schickte noch sich blicken lies. Andere geraten aus Not in die Prostitution - in Zeiten von AIDS fast ein sicheres Todesurteil. Es gibt zwar heute etliche erfolgreiche Geschäftsfrauen oder Universitätsprofessorinnen. Es gibt auch sehr aktive Frauenorganisationen, z.B. 'FEMNET'. Auf der anderen Seite werden jährlich tausende junger Frauen genital verstümmelt. Inzwischen formiert sich Widerstand gegen die Genitalverstümmelung. Vernachlässigt oder misshandelt, müssen auch viele Mädchen als Straßenkinder betteln gehen. Die Not der Kinder nutzen Sextouristen aus Europa skrupellos aus. |
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Sprachen |
Kenia hat zwei offizielle Landessprachen: Englisch, die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, und Kiswahili (wörtl.: Sprache der Küste), eine afrikanische Sprache, die ursprünglich vor allem in der Küstenregion zwischen Somalia und dem Norden Mosambiks gesprochen wurde. Außer in abgelegenen Regionen Nordkenias werden Sie sich zumindest mit Leuten unter 40 recht gut in Englisch verständigen können. Das ist ein Erfolg der meist miserabel ausgestatteten, aber flächendeckend vorhandenen Primarschulen. Für eine Karriere im Geschäftsleben, in der Politik, im öffentlichen Dienst, bei den Kirchen oder bei NROs sind gute Englischkenntnisse ein Muss. Kiswahili hat in Kenia zwar nicht den selben hohen Stellenwert wie in Tansania. Es ist aber die wichtigste Verkehrssprache für das alltägliche Leben. Im städtischen Umfeld -auch in ärmeren Vierteln- sprechen viele Eltern mit ihren Kindern bewusst nur Kiswahili, statt in der Lokalsprache ihrer Heimatregion. Es empfiehlt sich sehr, sich die Grundzüge dieser Sprache anzueignen, denn es macht viele Kontakte leichter. Aus dem Gedicht 'Kleine Taube', das eine kenianische Studentin auch in Englisch und Deutsch übertragen hat, können Sie einen ersten Eindruck gewinnen, wie klangvoll diese Sprache ist. Einen Anfang zum Selbststudium können Sie auf der Seite 'Useful Swahili Words' machen. Redewendungen, Zahlen und die wichtigsten Vokabeln können Sie auch auf der deutschsprachigen Seite Swahili.de üben.Tiefer gehende Ressourcen finden Sie beim 'Kamusi Projekt' der Yale University. Die Grammatik in komprimierter Form bietet der Leitfaden Kiswahili von Prof. Rupert Moser. Die Deutsche Welle bietet Nachrichten in Kiswahili auch auf ihrer Internetseite. Versuchen Sie einfach einmal, was Sie aus den Tagesmeldungen zu Politik oder Sport in Kiswahili verstehen können. Die linguistische Datenbank 'Ethnologue' listet 61 Sprachen in Kenia, teils nur mit wenigen hundert, teils mit mehreren Millionen Sprechern. Inwieweit es sich dabei jeweils um eine eigenständige Sprache handelt oder nur um einen Dialekt einer Regionalsprache ist nicht nur eine linguistische, sondern vor allem eine politische Frage. Bei informellen Treffen von Kenianern werden Sie noch einer weiteren Sprache begegnen: 'Sheng'. In sprachlicher Akrobatik wechseln viele Kenianer in einem Satz von Englisch über Swahili zu einer Lokalsprache und wieder zurück. Sheng ist inzwischen im städtischen Umfeld besonders bei Jugendlichen sehr verbreitet. |
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Bildung |
Im Bereich der Bildung hat Kenia erstaunliches geleistet. Laut Weltbank können immerhin 84 % der Kenianer über 15 Jahre Lesen und Schreiben. Wenn auch die kenianische Regierung einige Anstrengungen zur Förderung der Bildung unternimmt, kommt das Schulsystem dem Bevölkerungswachstum nicht mehr hinterher. Die Gebäude sind baufällig, die Klassen hoffnungslos überfüllt und das Lehrpersonal wenig motiviert, weil unterbezahlt. Wie beim britischen Vorbild gibt es jedoch auch in Kenia große Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Einige Elite-Schulen könnten im direkten Vergleich die Mehrzahl der deutschen Oberschulen weit hinter sich lassen. Kenia hat auch sechs staatliche und mehrere private Universitäten mit insgesamt über 50000 Studierenden. Die größte Universität ist die University of Nairobi , wegen ihrer Lage am Rand der Innenstadt von Nairobi häufig Ausgangspunkt für Protestmärsche.
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Gesundheit
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Zugang zur Gesundheitsversorgung Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zeigen es: Von einer Flächen deckenden Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung ist Kenia weit entfernt. Auf tausend Einwohner kommen gerade einmal 0,14 Ärzte (in Deutschland 3,37). Mehr noch: Selbst wenn ein Arzt erreichbar wäre, könnten die meisten ihn nicht bezahlen. Krankenhäuser gibt es nur in den wenigen größeren Städten. In den staatlichen Hospitälern werden Patientinnen und Patienten, die nicht bezahlen können, selbst nach einer Operation kurzerhand vor die Tür gesetzt. In den gut ausgestatteten Privatkrankenhäusern werden Patienten ohne Kreditkarte gar nicht erst zugelassen.
AIDS Das Thema AIDS wurde in Kenia jahrelang 'unter den Teppich gekehrt'. Zaghafte Bemühungen der Regierung zur AIDS-Prävention an Schulen wurden noch Mitte der 90er Jahrn nach wütenden gemeinsamen Protesten des katholischen Bischofs von Nairobi und islamischen Imamen von der Küste wieder eingestellt. Inzwischen ist das Problem AIDS offensichtlich. Nach Angaben der WHO und des kenianischen Gesundheitsministeriums waren 2004 etwa 7,4 Prozent der Kenianer zwischen 15 und 49 Jahren HIV-positiv. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich weitaus höher. Inzwischen ist AIDS Thema Nummer 1 in der kenianischen Gesundheitspolitik und selbst in abgelegenen und von Traditionen geprägten Gebieten findet ein Umdenken statt. Engagierte lokale Projekte erhalten internationale Unterstützung.
Sozialwesen Auf dem Papier gibt es auch in Kenia eine Sozialversicherung. In der Realität sind die meisten Kenianer, auch die des Mittelstands, vom Absturz in die Verarmung bedroht - wenn sie nicht ohnehin bereits unterhalb des Existenzminimums leben. Nach wie vor sind die meisten Kenianer im Alter oder im Falle einer Krankheit auf die Unterstützung der Familie angewiesen. |
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Religion |
Religion spielt für die meisten Kenianer eine große Rolle. Die Mehrheit der Kenianer - knapp 80 % - sind Christen verschiedener Konfessionen, etwa 10 % bekennen sich zum Islam [alle Zahlen Schätzungen des CIA]. Die katholische Kirche ist mit etwa 33 % der Bevölkerung die größte Konfession. Die verschiedenen protestantischen Kirchen kommen gemeinsam auf 45 %. Die größten protestantischen Kirchen formulieren gemeinsame Positionen im National Council of Churches (NCCK). Schon unter dem Moi-Regime verstanden sich viele dieser Kirchen als Mahner für eine Politik der Gerechtigkeit. Großen Zulauf haben jedoch auch feurige Prediger von Erweckungsbewegungen. Als Beispiel hier die Seite der 'Sword of the Spirit Ministries'. Auch die stark an Amerika orientierten Pfingstkirchen präsentieren sich im Internet. Immer wieder füllen auch die "Crusades" amerikanischer Prediger die Stadien, die inzwischen auch auf YouTube zu sehen sind [DSL erforderlich]. An der Küste stellen die Muslime noch die Mehrheit. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen ist jedoch nach dem Bombenanschlag in Nairobi und dem 11. September schwieriger geworden. Viele Muslime sehen sich dem Generalverdacht als Helfer des Terrorismus ausgesetzt. Traditionelle religiöse Vorstellungen spielen vor allem bei den Maasai und bei Gruppen in nördlichen Rift Valley Region (Turkana, Samburu, Pokot) noch eine größere Rolle. Insbesondere Riten und Zeremonien zur gemeinsamen Initiation einer Altersklasse (age set) sind ein gesellschaftliches Ereignis. |
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Kunst
und
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Der Schriftsteller Meja Mwangi |
Bis vor wenigen Jahren wirkte Kenias Kulturszene im Vergleich
zu den kreativen Impulsen aus Westafrika seltsam provinziell. Inzwischen
hat sich insbesondere Nairobi zu einem Treffpunkt von Malern und
Musikern entwickelt. Die Hip Hop Szene
der Nairobi Clubs
kommentiert das Chaos der Großstadt und das Leben in
den Vorstädten.
Die Kikuyu Musik von Sam Chege hat den Weg in die Download-Seiten im Internet
gefunden. Auf den Seiten von 'ArtMatters' und 'Kuonatrust' präsentieren sich junge Maler
und Bildhauerinnen.
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ArtMatters Gallery |
Im Online-Literaturmagazin Kwani können Sie Kurzgeschichten und Gedichte lesen. Der Herausgeber Binyavanya Wainaina machte Furore mit seinem Artikel "Schreiben Sie über Afrika", der in Deutschland zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschien.
Schriftsteller von internationalem Format sind Ngugi wa Tiongo und Meja Mwangi. Mwangi gelang es mit seinem Roman "Die achte Plage", ein humorvolles Buch über die Gefahr von AIDS zu schreiben. Lesen Sie hier ein Interview mit Mwangi.
Beliebte Treffpunkte für kenianische Studierende sind die europäischen Kulturinstitute. Das Goethe Institut bietet abwechselnd zeitgenössische Kunst aus Deutschland und eine Plattform für Künstler aus Kenia.
In den Slums am Rand von Nairobi bietet neuerdings ein 'Kino auf Rädern' Abwechslung zu den sonst üblichen Action-Filmen in den billigen Videobuden. Die kenianische Organisation 'Nairobits' gibt Jugendlichen aus den Vorstädten Kurse im Webdesign.
Nairobi bietet auch zwei Museen:
Das National Museum of Kenya zeigt Repliken von Knochenfunden aus der Frühzeit des Menschen, eine etwas angestaubte ethnographische Sammlung und Gemälde von Kenianern verschiedener Volksgruppen in traditionellen Trachten. Zur Wiedereröffnung 2007 geriet eine Ausstellung über Hominidenfunde in Ostafrika in die Kritik. Nachdem über Jahrzehnte die Repliken der Knochen von 'Lucy' und anderen Vormenschen im National Museum zu sehen waren, entbrennt nun - nach amerikanischem Vorbild - der Protest von 'Kreationisten': Die Ausstellung verletze die Gefühle gläubiger Christen.
Das Karen Blixen Museum ist seit der Verfilmung von Blixens 'Jenseits von Afrika' zu einer Pilgerstätte für Kolonialromantiker geworden. Einen Sonntagnachmittagsausflug lohnt es allemal.
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