| alle Länder | Homepage | Landesüberblick | Staat & Politik | Wirtsch. & EZ | Gesellsch. & Kultur | Ergänzendes |
Seite 4:
|
------------------------------------------------------------------------------------------------------
Indigene Bevölkerung und Atlantik-Region
Der Ferne der luziden Hauptstadt Granada geschuldet, blieb
auch die indigene Bevölkerung jenseits der Bergregion über
die Jahrhunderte hinweg außerhalb des Einflussbereiches der
Spanier.
Anders herum bedeutet dies für die Bevölkerung der
Atlantikregion (etwa 10% der gut 5 Mio Nicaraguaner/innen leben auf
diesem Gebiet, das immerhin etwa die Hälfte der gesamten
Fläche Nicaraguas ausmacht), von der Zentralregierung permanent
ignoriert und missachtet zu werden. Neben einem deutlichen Rassismus
der mestizischen Mehrheitsgesellschaft gegen Schwarze und Indigene,
leidet die Region also auch unter der sträflichen
Vernachlässigung durch öffentliche Versorgung und soziale
Infrastruktur. Immer wieder gibt es politische
und soziale Spannungen zwischen der Zentralregierung und den
lokalen Regierungen. Das 1987 von der sandinistischen Regierung in der Verfassung
verankerte Autonomiestatut der beiden regionen RAAN und RAAS gilt
weltweit als eines der weitreichendsten für indigene
Gemeinschaften! Jedoch blieb die "Autonomie" bislang bloßer
Buchstabe auf dem Papier: keine Ausführungsgesetze regelten die
vermeintliche, partielle Selbstverwaltung der Bewohner/innen. Erst im
Januar 2003 wurde das Gesetz "Ley del Regimen de Propiedad
Comunal de
los Pueblos Indígenas y Comunidades Étnicas de las
Regiones Autónomas de la Costa Atlantica de Nicaragua y de los
Rios Bocay, Coo, Indio y Maíz" rechtsgültig, das
zumindest
die Legalisierung des Eigentums von Grund und Boden für die
Bewohner/innen regelt.
Dies nun ist die offizielle Seite der sich als autonom
verstehenden indigenen Bevölkerung "Moskitias". Der Disput
um Forderungen an die Zentralregierung einerseits und Autonomiebestrebungen
In diesem engagierten zweiteiligen Bericht (Teil1, Teil2) Dies ist eine hübsch und liebevoll eingerichtete Seite über die
Atlantikregion Der beste Artikel
zur politischen Situation in der Region ist bei Envio erschienen.
Hier finden Sie den umfangreichen Bericht
des UN-Entwicklungsprogramms PNUD (2005) zur politischen
und sozialen Situation in der
Atlantikregion. Minorities
at risk Erstmals seit Zeiten der sandinistischen Regierung gibt es nun
wieder ein Pilotprojekt für bilinguale
Erziehung. In den nicht zu RAAN und RAAS gehörenden Landesteilen
gibt es kaum noch indigene Bevölkerung.
Bildung Mehr
als ein Drittel der nicaraguanischen Bevölkerung über 15
Jahre kann nicht lesen und schreiben - ein stolzes Vermächtnis
der vergangenen Regierungen, der Strukturanpassungsmaßnahmen und
Armutsbekämpfungsprogramme der letzten 15 Jahre. Die Ortega Regierung hat rasch nach Regierungsübernahme
den Prozess der schleichenden Privatisierung
des öffentlichen Schulsystems gestoppt. Das Bildungssystem in
Nicaragua unterliegt seit Jahren einer
großangelegten, auch mit deutschen EZ-Mitteln finanzierten,
Modernisierung. Diesem begrüßenswerten Prozess lag
aber eine grundlegende Umstrukturierung des Bildungssystems in
Nicaragua zugrunde:
der Staat zog sich bislang Schritt für Schritt aus der
Finanzierung und Aufsicht zurück. Öffentliche Schulen sahen
sich gezwungen, Schulgeld von den Eltern zu verlangen. Dies war zwar
verfassungswidrig, aber gewollter Effekt einer Politik, die
den Staat kaum noch als Garant für öffentliche
Grundversorgung sieht. Dies ist ein Bericht
aus Regierungssicht (pdf; 38KB) zur sog. Dezentralisierung des
Erziehungswesens unter Alemán und Bolanos. Die sogenannte deserción escolar erreicht in den 5. oder 6. Klassen bis zu 50%. Auf dem Land beenden 90% der Kinder nicht die 6. Schuklasse. Obschon offiziell Schulpflicht besteht, so gibt es doch niemanden, der dies nachhalten würde. Die Analphabetismus- Rate ist in den letzten 15 Jahren wieder auf fast 40% gestiegen.
Die Verfassung Nicaraguas
sieht vor, dass 6%
des Haushaltes für den universitären Bildungsbereich
vorbehalten sind. Darüber gibt es alljährliche
Auseinandersetzungen, bei Studentenprotesten gab es in vergangenen
Jahren sogar Tote. Private Universitäten sprießen nur so aus dem
nicaraguanischen
Boden, deren Qualität ist allerdings meistens mehr als schlecht,
sie beschränken sich auf Studienfächer, die kaum
Investitionen verlangen und hohe Nachfrage sichern (Jura, BWL). Der
unabhängige Nationale Rat der
Universitäten CNU, der über die Zulassungen von
Universitäten, Studienordnungen oder Abschlüssen
befindet, klagt über die eklatante Verteuerung der
universitären Ausbildung. Zu den renommiertesten - und elitären - privaten Colegios
gehören das Instituto
Pedagógico La Salle,
die Deutsche Schule In den größeren Städten gibt es auch
Kindergärten, die die Nachfrage der Cooperantes nach Betreuung mit
"westlichen" Standards erfüllen, ein Beispiel ist der Montessori Kindergarten in Managua.
Gesundheit Das öffentliche Gesundheitssystem in Nicaragua ist nicht
in der Lage, Kranke adäquat zu versorgen oder notwendige
Operationen durchzuführen. Wer über die nötigen Mittel
vefügt, vetraut sich aber dem
privaten Sektor auf dem freien Markt an: dieser verspricht
Ärzten am ehesten ein hinlängliches Einkommen, und bietet
Scharlatanerei, aber auch exzellente Versorgung. Die Regierung Daniel Ortega hat angekündigt, das
Gesundheitssystem grundlegend zu reformieren und wieder für
alle kostenfrei und qualitativ hochwertig anzubieten. Wer mag, schaue
sich die entsprechende Power
Point Präsentation des "Plan de Salud (April 07) an. Der Großteil der Bevölkerung aber ist auf das
öffentliche System
angewiesen, und hier herrschen Mangel,
schlechte Arbeitsbedingungen,
mangelhafte Ausstattung. Die Regierungen Alemán und Bolanos
investierten nicht mehr in das
öffentliche System. Wer behandelt werden möchte, muss selbst
Zwirn zum Nähen einer Wunde, Blutplasma, Mull oder Medikamente
mitbringen. Die Ärzte sind überlastet: Allgemeinmediziner
kommen mit ihrem Verdienst kaum auf 150 US$, die meisten haben nebenher
einen Zweitjob. Der für Länder des Südens so
wichtige Bereich der Prävention, Aufklärung und Beratung wird
unter neoliberalen Politiken vollständig vernachlässigt. In
Nicaragua stirbt es sich leicht selbst an Krankheiten, die
an sich nicht tödlich sein müssten. Das öffentliche
Gesundheitssystem ist
offiziell, ebenso wie die Bildung, gratis. Dies nützt allerdings
wenig, wenn Behandlungen nicht durchgeführt werden, weil die dazu
notwendigen Medikamente oder Materialien nicht vorhanden sind - die
Krankenhausapotheken sind leergefegt. Zwar gibt es in den zahlreichen
Apotheken in den Städten nahezu alles zu kaufen, die Preise jedoch
sind horrend. Dies sind offizielle Daten zu dne Medikamentenpreisen
in Nicaragua. Erste interessante Zahlen und Informationen finden Sie im Factsheet der
Amerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO. Die angesehene nicaraguanische NRO Etica y Transparencia hat
ihren Korruptions-Report 2006 zum Thema "Korruption
im Gesundheitssektor" verfasst - lesenswert! Etwa
0,2% der Bevölkerung ist HIV positiv. Zur Situation im Land
und sonstigen Daten
zu AIDS informiert diese
Seite des UNAIDS
Feste und Traditionen Nicaragua
ist reich an traditionellen Festen, sei es auf
kommunaler
oder nationaler Ebene. Es gibt eine erfreulich hohe Zahl von
Feiertagen, und gerne werden die jeweils angrenzenden Werktage vor und
nach einem Feiertag ebenfalls frei gemacht. Eine Auswahl der wichtigsten Feierage: Alkohol, Männergewalt und Machismo Lästig an all diesen festlichen Gegebenheiten, ob in
privater Runde oder öffentlich, ist der oft exzessive Konsum von
Alkohol durch die nicaraguanischen Männer. Schnell werden Sie
unkontrolliert und aggressiv, und was in beduselter Runde noch als
trunkener Hahnenkampf zu allgemeiner Belustigung führen mag,
bekommt
auf privater Ebene schnell dramatische Züge: die Fälle von
innerfamiliärer Gewalt, von Missbrauch der Die Frauenbewegung in Nicaragua - hier eine Website der Autonomen
Frauenbewegung - größte soziale
Bewegung des
Landes, versucht auf verschiedensten Ebenen - mit Beratung,
vielfältigen Bildungsmaßnahmen und politischer Arbeit, die
Situation der Frau in der nicaraguanischen Gesellschaft
anzugehen. Eine der bekanntesten Organisationen ist die Puntos de Encuentro mit ihrer
Zeitschrift La
Boletina. Auch die beiden großen Tageszeitungen La Prensa (Nosotras) und
El
Nuevo Diario (Ellas) bieten ein Supplement für Frauen, eine
Mischung aus Bravo, Brigitte und Emma. Aber so ärgerlich und übermächtig eine
machistische Gesellschaft auch erscheinen mag, Frauen sind hier nicht
nur Opfer, sondern vor allem ja auch Akteurinnen des sozialen Wandels.
Sie sind es, die sich um das soziale Netz der Familie und der
Nachbarschaft bemühen, sie ziehen die Kinder auf, arbeiten und
managen den Haushalt. Empfehlen kann ich Ihnen diese Seite der Weltbank zu Gender-Daten
über bzw aus Nicaragua - bitte geben Sie einfach Nicaragua im
Länderfeld ein.
Musik Die traditionelle Musik Nicaraguas ist im ganzen Land
populär, wenn auch in den städtischen Millieus der
Jugendlichen natürlich andere Musik gehört wird (das geht
dann von Punk und Hard Rock über die bekannten tropikalen Rhythmen
oder eigenwilligen Liedermachern bis hin zum wohlbekannten
Pop-Gedudel aus den Kulturindustrien der westlichen Welt.) Die
originär nicaraguanische Musik wird gespielt von der marimba, dem
Akkordeon, oder den Chicheros, einer Band mit Blechblasinstrumenten. Literatur Das für mich beeindruckendste Gedicht über Nicaragua
ist das
des
argentinischen Schriftstellers Julio Cortazar, Noticias
para viajeros. So wie Cortazar, so hat die Revolution eine Menge an
Intellektuellen
und Literaten aus der ganzen Welt nach Nicaragua gelockt - und viele
haben sich dann journalistisch oder belletristisch betätigt.
Antonio Skármeta, Günther Wallraf, Franz Xaver Kroetz,
Erich Fried ("Wo
liegt Nicaragua?") Die revolutionären 80er
Jahre
gaben durch eine
engagierte sandinistische Kulturförderung vielen
Nicaraguaner/innen die Möglichkeit, eigene
Werke zu veröffentlichen. Nahezu alle comandantes de la
revolución, die Guerillaführer also, publizierten
nach
1979 ihre Revolutionsgeschichte: Thomas Borge, Humberto Ortega, Daniel
Ortega, Jaime Wheelock, Omar Cabezas. Doch hat Nicaragua neben diesen
Zeitzeugnissen durchaus
literarisch Besseres noch zu bieten. Man sagt, jeder Nicaraguaner sei
Poet, und so fühlen sich
tatsächlich viele Nicaraguaner/innen befleißigt, sich in der
schönen Literatur zu
üben.
Heute kennt man Gioconda
Belli, Sergio
Ramírez oder Ernesto
Cardenal, nicht zuletzt Dank der vorausschauenden und
kenntnisreichen Arbeit von Hermann Schultz und dem Peter Hammer Verlag.
Weitere
wichtige nicaraguanische Autor/innen finden Sie auf dieser Seite, dem Panorama de la
literatura nicaragüense. Und hier finden Sie eine Art
Reisebericht über das aktuelle
literarische Nicaragua. Das nicaraguanische, etwas elitäre Centro Nicaragüense de
Escritores hat hier seine Homepage, nicht weniger wichtig nehmen
sic die Macher der Seite www.dariana.
Der Schriftstellerinnenverband
hat ebenfalls eine eigene Seite, hier ein link ebenfalls zur Womens Writer
Initiative Nicaragua Diálogo
ist eine Kulturzeitschrift aus Managua, in der Sie sicherlich auch
interessante Artikel finden werden.
Film und Kunst in Nicaragua Sie erwarten es schon, Nicaragua stellt nur wenig Ressourcen
für eine erwähnenswerte Film- oder Kunstproduktion zur
Verfügung.
Nicaraguanische Küche Den Nicaraguaner/innen geht, so viel Verallgemeinerung mag
erlaubt sein, nichts über ihre eigene Küche. Ob in Los
Angeles, in Berlin, Miami oder in San José: überall gibt es
die Fritanga und das Nacatamal, den Indio Viejo, Tarjadas, Quesillo,
Vigorón, Chicharrón, die wunderbare Guirilla, den Baho.
Allen voran aber steht des Nicas Leibgericht, zum Frühstück,
Mittagessen, Abendessen - das Gallo Pinto: Bohnen mit Reis. Mais bestimmt die nationale Diät, und der
Einfallsreichtum in der unterschiedlichen Zubereitung für
verschiedenste Gerichte - Süßspeisen, Getränke,
Alkoholika, Eintöpfe, Gemüse, etc - ist beeindruckend. Darüber hinaus lässt sich auf den Märkten
freilich
fröhnen, denn hier finden sich alle tropischen Leckereien,
Früchte und
Gemüse zu billigen Preisen. An den sog. Fritangas, das sind
Strassenküchen mit mobilen Tischen und Stühlen zum dinnieren,
läßt sich oft gut essen - freilich lohnt ein kritischer
Blick hinter die Kulissen. Die nicaraguanische Unart, eigentlich alles - und also nicht
nur das eigene Leben,
was
wahrlich eine der besonders achtenswerten Eigenschaften der
Nicaraguaner ist! - über die Maßen
zu versüßen, allen voran die Fruchtsäfte mit Wasser und
Zucker zum allbekannten Fresco zu vermixen, bleibt für unseren
Geschmack gewöhnungsbedürftig. Bei aller Liebe des
Nicaraguaners für Cola, Pepsi, Rojita oder
Fanta Roja: der nicaraguanische Rum, der Flor de Caña,
genießt Weltruhm, und dies zu Recht.
Religion und Kirche, Sport und Fernsehen
Die lutherische Kirche macht eine bedeutende Arbeit im
sozialen
Bereich. Zu ihr gehören Baptisten, Methodsten, oder die moravische
Kirche. Die lutherische Kirche unterhält im Rahmen der CEPAD Kontakt zu einzelnen der
zahlreichen evangelikalen Pfingstkirchen - die manche aufgrund ihrer
rigorosen Anwerbestrategien und autoritären Anweisungen für
ein "richtiges Leben" als Sekten bezeichnen. Zur evangelischen Kirche
Deutschlands besteht ein bisweilen intensiver Austausch. |
| alle Länder | Homepage | Landesüberblick | Staat & Politik | Wirtsch. & EZ | Gesellsch. & Kultur | Ergänzendes |