Makrosoziale Struktur
|
Ethnizität, Regionalismus und Tribalismus
In ethnischer Sicht ist Nigeria ein Vielvölkerstaat. Mehr als 400 unterschiedliche Sprach- und Volksgruppen
sind in den verschiedenen Regionen des Landes verteilt. Die größten ethnischen Gruppen stellen die
Haussa-Fulani (32%) im
Norden, gefolgt von den
Yoruba
(21%)im Südwesten und den
Igbo
(18%) im Südosten. Die Minderheiten umfassen u.a. die
Kanuri (4%) im Nordosten, die Nupe (1,7%) und Tiv (2,5%) im Mittelgürtel "Middle Belt", die Edo (3,4%) im Südwesten
sowie die Ijaw (1,8%) und die Ibibio (3,4%) im Südosten.
Das Problem der Machtverteilung zwischen den Ethnien führt laufend zu Konflikten in Nigeria, da die Minderheiten oft
das politische Gewicht der großen Volksgruppen als Dominanz empfinden. Fakt ist, dass das gesellschaftliche Leben
heute im Land durch Stammesdenken, Machtkämpfe und Religion bestimmt wird.
Über 400 Sprachen und weit über 1000 Dialekte werden in Nigeria gesprochen. Amtssprache ist Englisch.
Als Verkehrssprachen gelten Haussa, Yoruba und Igbo, die Sprachen der drei Hauptvolksgruppen in den jeweiligen Regionen sowie
Pidgin-English oder Broken English
in den Ballungszentren Südnigerias. Die wichtigsten
Sprachgruppen werden von
der Universität Texas, Austin, dargestellt. Gute und detaillierte Angaben zur Sprachenvielfalt Nigerias macht
Ethnologue.

Gehöft im Bundesstaat Adamawa
© Jockers
Soziale Lage und Klassen
Die Unterschied zwischen Arm und Reich im Land ist trotz des Ölreichtums immer noch sehr deutlich. Die Mehrheit der
nigerianischen Bevölkerung ist von dem Reichtum ausgeschlossen. Die Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasgeschäft
kommen primär den ausländischen Ölkonzernen und der reichen Minderheit zugute. Die Massenverelendung nimmt
bedrohliche Ausmaße ein. Weit mehr als die Hälte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.
Die Arbeitslösigkeit ist extrem hoch, besonders bei den Jugendlichen wird sie über 20% geschätzt. Der Mangel
an lohnabhängiger Beschäftigung führt dazu, dass immer mehr Nigerianer
Überlebenschancen
im informellen Wirtschaftssekor als "self-employed" in den Großstädten suchen.
Stadt-Land-Verhältnis
Seit dem Ölboom in den 1970er Jahren ist die Zahl der Einwohner in den Großstädten Nigerias sprunghaft
gestiegen. Die Urbanisierungsrate beträgt 46%. Immer mehr Menschen strömen täglich in die
Großstädte auf der Suche nach besseren Verdienstmöglichkeiten. Trotz des Reformprogramms der Obasanjo-Administration
zur Wiederbelebung der Landwirtschaft, ist die
Armut
in den ländlichen Gebieten nach wie vor größer als in den städtischen Ballungsgebieten. Insbesondere
die jungen Menschen sehen in der Landwirtschaft keine Verdienstmöglichkeiten. Außerdem wurde seit dem Ölboom
fast ausschließlich in der Modernisierung der Großstädte investiert, so dass die ländlichen Gebiete
mehr und mehr verfielen.
Zur Reduzierung der Kluft zwischen Stadt und Land setzt die Regierung von Yar`Adua auf einem neuen
Programm.
Geschlechterverhältnis
Obwohl die nigerianische Verfassung von 1999 die Gleichheit der Geschlechter garantiert, sieht die Wirklichkeit anders
aus. Von dem Ziel Frauenanteil im Parlament um 30% anzuheben, wie es die
"National Policy on Women"
(2002) der Obasanjo-Regierung vorsieht, ist Nigeria bezüglich der Gleichberechtigung von Männer und Frauen noch
weit entfernt. Nach der Parlamentswahlen von 2007 ist nur ein geringer Prozentsatz an Frauen in beiden Häusern der
Nationalversammlung vertreten.
Innerhalb der nigerianischen tradionellen Gesellschaft ist das Geschlechterverhältnis eindeutig, da das Leben stark
von traditioneller Gesetzen und Praktiken immer noch bestimmt wird. Allerdings gibt es Unterschiede je nach ethnischer
Zusammensetzung, religiöser Zugehörigkeit und Region. Einen guten Einblick in die rechtliche, soziale und ökonomische
Situation der Frau im islamischen Norden Nigerias ermöglicht eine
Veröffentlichung
der Ethnologin Katja Werthmann.
Es gibt eine Vielzahl von
Frauenorganisationen,
die im Bereich der Gleichstellung der Geschlechter in Nigeria aktiv tätig sind.
|
Gesundheit und Sozialwesen
|
Gesundheitsversorgung
Die Gesundheitsversorgung in Nigeria ist unzureichend. Einkommensunterschiede bedeuten nicht nur Unterschiede auf dem
Gebiet der Bildungschancen, sondern auch bei der medizinischen Versorgung. Wer kein Geld hat, bekommt keine medizinische
Behandlung. Zwischen Arm und Reich sowie zwischen Nord und Süd besteht ein erhebliches Gefälle. Auf dem Land sind die
Verhältnisse noch schlechter als in die Stadt. Die medizinischen Einrichtungen werden vom Staat unterhalten.
Nur ganz wenige Einrichtungen werden von den Kirchen oder von privaten Trägern finanziert. Dementsprechend hoch sind
die Gebühren für die medizinische Behandlung und Versorgung in privaten Einrichtungen.
Ausführlich zur Gesundheitsversorgung in Nigeria informiert die
Weltgesundheitsorganisation WHO-NIGERIA und einen guten
Überblick über die staatlichen Gesundheitspolitik liefert das
Gesundheitsministerium.
Der Glaube an die Heilungskräfte der taditionellen Medizin ist nach wie vor sehr lebendig bei den Nigerianern.
Vor allem bei bestimmten Krankheiten werden eher die
traditionelle Heiler konsultiert.
HIV/AIDS hat sich in den letzten Jahren sehr rasch in Nigeria ausgebreitet. Zur Bekämpfung wurde 2002 von Seiten
der Regierung ein
"National Agency for the Control of HIV/AIDS (NACA)"
gegründet.
Informationen über HIV/AIDS in Nigeria bieten
"Journalist Against Aids (JAAIDS) Nigeria",
Ärzte ohne Grenzen
und die WHO-Nigeria. Eine andere
Informationsquelle befasst
sich mit Aufklärungsprogrammen über AIDS in Nigeria. Eine Liste von Vorbeugungsmaßnahmen wurde 2005 von der
"International Planned Parenthood Federation (IPPF)"
eine Report Card für Mädchen und junge Frauen erstellt. Aktueller Report über HIV/AIDS in Nigeria liefert
UNAIDS.
Umfassende Daten zu Malaria, AIDS, übertragbaren Geschlechtskrankheiten oder die Beschneidung von Frauen sind im
Demographic and Health Survey
enthalten.
Zur Verbesserung des Gesundheitswesens gab es im Reformprogramm (NEEDS I) der Obasanjo-Administration 2004 das
"Health Sector Reform Programme (HSRP)",
aber der Erfolg des Programm lässt auf sich noch warten.
|
Kultur

Metallgüsse aus Ife: Bekrönter Kopf eines Oni
© Verlag Philipp von Zabern, Main am Rhein 1983

Chinua Achebe
© Jerry Bauer

Chimamanda Adichie
© BBC NEWS 2007
|
Kulturelle Identität
Das Gebiet, das der heutige Staat Nigeria umfasst, hat viele eindrucksvolle Kulturen und
Staatenbildungen auf seinem Boden hervorgebracht. Dies ist in Publikationen umfangreich beschrieben und
analysiert worden. Nigeria besitzt große und bedeutende Museen, z.B. in Lagos (Nationalmuseum),
Jos (faszinierendes Freilichtmuseum) oder Benin (hervorragende Benin-Bronzen) sowie eine große
Zahl regionaler Museen. Gewinnen Sie einen Einblick in die Kulturvielfalt Nigerias und einen Vorgeschmack auf touristische Ziele.
Die traditionellen Kulturen und ihre
künstlerischen Erzeugnisse
sind weltberühmt. Dazu zählen u.a. die NOK-Terrakotten (bis zu 3000 Jahre alt),
Metallgüsse aus Ife, Benin-Bronzen, Zeugnisse der Sao-Kultur vom Tschadsee, Bronzen aus Igbo-Ukwu,
Terrakotten aus Owo, die Masken vieler Völker, Batiken, Färberei-Produkte, Töpferwaren
und Weberzeugnisse.
Kunst
In der modernen zeitgenössischen Kunst hat Nigeria eine ganze Reihe von anerkannten Künstlern
hervorgebracht. Künstler wie
Twins Seven Seven,
Chief Muraina Oyelami, Obiora Udechukwu,
Uche Okeke,
Jimoh Buraimoh, u.a. haben sich weltweit einen Namen gemacht.
Die zeitgenössische Literatur Nigerias hat mit der Verleihung des Nobelpreises für
Literatur an
Wole Soyinka
(1985) ihren offiziellen Einzug in die Weltliteratur gehalten. Auch die Verleihung des
Friedenpreises des Deutschen Buchhandels 2002 an
Chinua Achebe
brachte vor allem dem deutschen Publikum die nigerianische Literaturwelt nah. 2007 wurde Achebe mit dem bedeutendsten
Literaturpreis im englischen
Sprachgebiet geehrt: dem Man Booker Prize.
Unter den Schriftstellerinnen mit internationaler Anerkennung befinden sich die verstorbene Flora
Nwapa sowie Buchi Emecheta und Zaynab Alkali. Einige ihrer Werke wurden ins Deutsche übersetzt und vom
Göttinger
Lamuv Verlag herausgegeben.
Zu den neueren weiblichen Stimmen des Landes zählt die junge
Chimamanda Ngozi Adichie,
die bereits zwei ihrer Romane im renommierten Luchterhand Verlag in München veröffentlicht hat.
In der Musikszene genießt die nigerianische Musik bereits internationale Anerkennung. Die Afro-Beat-Tradition
des 1997 verstorbenen
Fela Kuti wird heute von
seinem Sohn Femi Kuti fortgesetzt.
King of Juju Music Sunny Ade
begeistert das Puplikum weltweit mit seiner
"Juju Musik". Chief Stephen Osita Osadebe gehörte zu den besten Highlife-Musikern Westafrikas.
In den Film- und Videobranche boomt das nigerianische Film- und Videogeschäft. Bekannt unter
"Nollywood" wird nicht nur in englischer
Sprache, sondern auch in Igbo, Yoruba, Haussa und Pidgin-English produziert.
Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten ist es zum Beispiel beachtlich, wieviel Literatur in Nigeria jedes Jahr verlegt
wird. Und es gilt: So viele Sprachen, so viele verschiedene traditionelle Musikstile.
Afrikanische Kultur ist in erster Linie eine lebendige Kultur, deren wesentlichste Ausdrucksformen
Tanz, Musik, Theater und orale Literatur sind. Seh- und Hörgewohnheiten unterscheiden
sich stark von denen der Europäer. Was für einen Europäer eintönig und wie
eine Wiederholung klingt, nimmt ein Afrikaner ganz anders wahr. Europäer bemerken kaum die
Varianten einzelner Trommler im Grundrhythmus, weil sie nur diesen Grundrhythmus hören.
|
Religion
|
Offizielle Religion
Drei Arten von Religion sind in Nigeria zu finden: der Islam, der durch den Transsahara Handel im 11. Jahrhundert
entstanden ist; das Christentum, eingeführt um 1842 von europäischen Missionaren, und die Naturreligion, die es schon
immer gab. Fast 50% der Bevölkerung sind Moslems, 40% Christen und der Rest der Bevölkerung bekennt sich zu
Naturreligionen.
Im Norden des Landes überwiegt der muslimische Anteil der Bevölkerung und im Südosten der christliche,
während es im sogenannten Middle Belt und im Südwesten eine eher ausgewogene Verteilung gibt.
Das Islam:
Aus den Marktzentren des Transsahara-Handels am Tschadsee entwickelte sich im 9. Jahrhundert das
Reich Kanem-Bornu
im Nordosten Nigerias.
Hier begann die Islamisierung des Nordens Nigerias. Denn die Herrscher dieses Reiches waren die ersten,
die im 11. Jahrhundert zum Islam übertraten. Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert breitete
sich durch den Transsahara-Handel der Islam in die benachbarten Haussa-Staaten (Kano, Katsina, Zaria) aus.
Eine völlige Islamisierung des Haussa-Gebietes setzte 1804 mit dem Jihad unter der Führung des
Islamgelehrten
Usman Dan Fodio ein,
der mit der
Gründung des Kalifats Sokoto und dem Vordringen bis nach Ilorin im nördlichen Yoruba-Land die
Stellung des Islam endgültig festigte.
Zentralmoschee in Kano im Norden Nigerias
© Ede
Das Christentum:
Abgesehen von Niederlassungen einzelner Missionare in den großen Sklavenumschlagplätzen
(Badagry, Calabar, Lagos) begann eine systematische
christliche Missionierung
erst um 1842, ausgehend vom "Fourah Bay College" in Freetown/Sierra Leone, wo Großbritannien befreite
Sklaven angesiedelt hatte. So stammte auch der erste Bischof Nigers (Westafrika), Samuel Ajayi Crowther, von dort.
Den Anfang der Christanisierung machten die anglikanischen Missionare aus England. In den Folgejahren
breitete sich das Christentum im Süden Nigerias nach und nach aus. Das Zentrum der Missionierung
war die Stadt Abeokuta im Südwesten Nigerias. Die erste Missionsstation im Südosten Nigerias
wurde erst 1885 in Onitsha gegründet.
Junge Christin beim Gebet: "Alles ist Hoffnung."
© Jockers
Die Naturreligionen:
Trotz der Anfeindungen der etablierten Glaubenseinrichtungen über Jahrhunderte hinweg haben sich die
traditionellen Religionen
behaupten können, ja sie erleben eine Art Renaissance.
Je nach Volksgruppe glaubt man an Erdgeister, Wassergötter, Ahnengeister, Gottheiten, Magie und
Zauberei. Ausgeprägt bei den Volksgruppen im Süden Nigerias ist der "Juju-Glaube", in dessen
Zentrum Juju als magische Zauberkraft steht. Erscheinungsformen sind Juju-Wälder, Juju-Flüsse,
Juju-Pflanzen, Juju-Bäume oder auch Gegenstände wie Amulett und Talisman.
Trotz der Akzeptanz von Christentum und Islam sucht die breite Mehrheit der nigerianischen Bevölkerung im Juju Schutz
vor fremden Mächten. Die nominelle Zugehörigkeit zu einer etablierten Religion bedeutet für viele Afrikaner
keineswegs die Aufgabe ihrer traditionellen Religion. Das ist nur für Europäer ein
Widerspruch.
Eine detaillierte Übersicht über die drei Reliligionsrichtungen in Nigeria bietet der
U.S. Library of Congress.
Politische und gesellschaftliche Bedeutung von Religionen
Über den Islam und seine Glaubensinhalte wird wenig diskutiert. Das Problem der
Moslembruderschaften wird zunächst als ein islamisches Problem angesehen. Anhänger von
traditionellen Religionen stellen sich und ihren Glauben nicht öffentlich zur Diskussion.
Christen dagegen diskutieren unentwegt über Vor- bzw. Nachteile der einzelnen Kirchen oder
einzelner Prediger. Ein Wechsel von einer Kirche zur anderen geht problemlos. An Boden
gewonnen haben in den letzten Jahren die evangelikalen Kirchen amerikanischer Prägung.
Der Tagesablauf in muslimischen Gebieten wird durch die Gebetszeiten festgelegt. Frauen - besonders
mit Kleinkindern - fürchten vor allem den sog. "bösen Blick". Dagegen schützen
sie sich durch Amulette, die um den Hals getragen werden. Im islamischen Kontext handelt es sich
oft um einen eingenähten Koranspruch oder um "Fatimas Hand", Christen tragen vorwiegend
ein Kreuz und die Anhänger der traditionellen Yoruba-Religion bevorzugen die "Axt des
Donnergottes Shango".
Politische Religion und religiöse Konflikte
Das Verhältnis zwischen den Anhängern der beiden Religionen ist äußerst
gespannt. Oft genügt ein geringer Anlass, um zu blutigen Unruhen zu führen. Ein auch nur
annähernd in Verbindung gebrachter Vorfall im christlichen Süden gegen Muslime wird
sofort Reaktionen im Norden hervorrufen, die immer wieder zum Töten von Nichtgläubigen
führt (Pogrome). Diese gehören mittlerweile zum politischen Alltagsgeschehen, zeigen
aber auch die Unfähigkeit oder den fehlenden Willen der Machthaber, dies zu unterbinden.
Im Gegenteil: Solche Konstellationen werden ständig politisch missbraucht. Seit dem
Demokratisierungsprozess im Jahre 1999 sprechen die offiziellen Zahlen von über 10.000 Tote bei
religiösen Unruhen. Die tatsächlichen Zahlen dürften um ein Vielfaches höher liegen.
Lesenswert dazu ist die Einschätzung der
Globalsecurity.
Mit der Einführung der Scharia in bisher 12 Nordstaaten, die de facto einer Teilung des
Landes in vielen Bereichen gleichkommt, haben sich die Spannungen verschärft. Dennoch
wird es keine politische Teilung des Landes geben, weil der Norden kaum lebensfähig ist,
ist er doch der bisher größte Nutznießer der Ölgelder. Lesen Sie dazu
den Bericht über
"Schariakratie"
in Nigeria.
|