Yassir Arafat (1929 - 2004) - Abu Amar
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Abdel-Rahman Abdel-Raouf Arafat al-Qudwa al-HusseiniAm 11. November 2004 verstarb bei Paris Palästinenserpräsident Jassir Arafat im Alter von 75 Jahren.
"Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen", sagte Arafats Sekretär Tajib Abdel Rachim in Ramallah.
Der Palästinenserführer war seit dem 29. Oktober in einer französischen Militärklinik behandelt worden. Tagelang hatte er zuvor dort im Koma gelegen, sein Zustand verschlechterte sich dabei immer mehr. Auch ein Jahr nach seinem Tod verstummen die Gerüchte und Interpretation um die eigentliche Todesursache nicht.
Mit dem Tod von Jassir Arafat enden mehr als 40 Jahre Kampf für die palästinensische Sache.
Arafat war und blieb ein umstrittener und ein geliebter Poltiker.
Wie einen Mann würdigen, der unterschiedlicher kaum gesehen worden ist, als Yassir Arafat, Abu Amar?
Vater der Nation, Vater des Kampfes, Friedensmann, Terrorist und Friedensnobelpreisträger, Befreiungskämpfer, Patriarch, nur ein paar Titel, nicht alle schmeichelhaft und doch nur eine kleine Auswahl all der Namen, die Arafat in 75 Jahren auf sich vereinigt hat.
Die einen trauern um einen Mann, der ihrer Nation wieder ein Gesicht gegeben hat, der ihren nationalen Kampf verkörpert hat, wie niemand sonst, der an allen wesentlichen Punkten palästinensischer Geschichte seit 1948 präsent war, ja das wichtigste davon mit gestaltet, ja sogar gestaltet hat. Für die anderen stand er einer demokratischen, pluralistischen, partizipativen Entwicklung der palästinensischen Gesellschaft im Weg, erschien als ein Fossil, ein Befreiungskämpfer aus einem andern Jahrhundert, einer ideologisch anderen Zeit - doch versagten sie ihm nicht den Respekt vor seiner Lebensleistung. Und für wieder andere schließlich blieb er Zeit seines Lebens ein Terrorist, weil er - auch mit Waffengewalt - für sein Volk, für die Rechte seiner Nation kämpfte, die zu den großen Verlierern der Geschichte des 20. Jahrhunderts gehörte.
Die Narrative, die der Name Arafat ausgelöst hat - und wohl noch lange auslösen wird, sind nicht leicht zu vereinen.
Zu unterschiedlich scheinen die Zugänge, zu verschieden die Wahrnehmungen, die Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Wer ihn persönlich erlebt hat, sieht ihn wohl anderes als wer ihn nur durch die Medien erlebt hat, wer sich als Teil der palästinensischen Nation begreift, urteilt anders über ihn, als ein jüdischer Israeli.
Dennoch: Er hat die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts im Nahen Osten geprägt, wie wohl keiner außer ihm. Die reinen Zahlen dieser Biographie spiegeln dieses umspannende Leben nur sehr trocken wider. Seine Lebensgeschichte ist auf engste verbunden mit dem palästinensischen nationalen Befreiungskampf.
Yassir Arafat schloß im Jahr der Staatsgründung Israels 1948 seine schulische Ausbildung ab. Er begann seine politische Karriere an der Universität und stand von 1952-1957 an der Spitze der von ihm mitbegründeten Palästinensischen Studentenvereinigung (GUPS) in Ägypten. 1956 gründete er die Union of Palestinian Graduates und war deren Vorsitzender. Gemeinsam mit seinen langjährigen Weggefährten Abu Jihad und Abu Jyad nahm er an den Aktivitäten der palästinensischen Guerilla teil, die damals von ihren Basen im ägyptisch besetzten Gaza-Streifen aus operierte. Nach dem Abschluß seines Ingenieurstudiums diente er freiwillig während der Suez-Krise 1956 in der ägyptischen Armee, Ende des Jahre 1956 verließ er, sicher auch im Angesicht eines übermächtigen Nasser, das Land und ging nach Kuwait, dort gründete er zusammen mit Abu Jihad die erste Fatah-Zelle im Jahr 1957, seit 1958 gehörte er zum Führungszirkel, war ab 1968 Sprecher der Fatah. In Kuwait arbeitet er schließlich von 1957-1965 als Bauingenieur.
Die Wahl des Golfstaates Kuwait war kein Zufall, war doch dort rund eine Viertel der Bevölkerung palästinensischer Herkunft. Mit ihrer Hilfe erst wurde das rückständige Scheichtum zu einem wichtigen Ölproduzenten und internationalen Handelsplatz transformiert.
Hier entstand die Zeitung Filastinua ("Unser Palästina") als Organ der Palästinensischen Befreiungsbewegung, die unter ihrer arabischen Abkürzung "Fatah" (Sieg) bekannt werden sollte; es sind die Initialen der Palästinensischen Befreiungsbewegung, die rückwärts gelesen FATA ergeben. Befreiung wurde hier auch verstanden als eine Befreiugn von der Bevormundung durch die arabischen Staaten und Regime, unter deren Kuratel die Palästinenser nun seit der Naqba, der nationalen Katastrophe des Jahres 1948 lebten.
Schon in diesen Jahren zeichnet sich ein Charakteristikum Arafat'scher Politik ab: Die Erfahrung, daß die palästinensische Sache verloren ist, wenn sie nicht von den Palästinensern selbst getragen wird. Sich auf die arabischen Brudervölker zu verlassen, hatte schon 1948 zum Untergang der Nation geführt, so diese Argumentationslinie. In den 1950er Jahren waren allerdings der Pan-Arabismus und der Nasserismus am Zenit ihres politischen Einflusses, was bis zur Niederlage der arabischen Seite im sog. Sechs-Tage-Krieg auch so bleiben sollte. Der palästinensische Nationalismus war demgegenüber selbst unter den Palästinenser(inne)n in der Minderheit. Hinzu trat als zentrales Moblisierungselement die starke Betonung des bewaffneten Kampfes. Es ist in der Konsequenz dieser Aktionen, daß aus der zu einer Flüchtlingsfrage gewordenen palästinensischen Sache, wieder die nationale Frage der Palästinenser auf der weltweiten Bühne geworden ist.
Im Januar 1959 gründete Arafat die Fatah-Bewegung. Fatah eröffnete offiziell am 1. Januar 1965 den bewaffneten Kampf mit relativ bedeutungslosen Angriffen auf Israel, die von syrischem oder jordanischem Territorium aus geführt wurden. Schlecht bewaffnete Einheiten begannen einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen das bis dato siegreiche und ungeschlagene Israel.
Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO war 1964 in Ost-Jerusalem - ursprünglich von den arabischen Regimen zur Kontrolle des Kampfes der Palästinenser(innen) - gegründet worden. An ihrer Spitze stand zuerst Ahmed Shukeri, in dem viele einen Erfüllungsgehilfen Gamal Abdel Nassers sahen. Nach der Niederlage der arabischen Seite 1967 und den im ganzen arabischen Raum wahrgenommen erfolgreichen militärischen Widerstand der Fatahkämpfer gegen die israelische Armee in der sog Schlacht von Karameh' (März 1968) übernahm die Fatah im Februar 1969 die PLO, und Arafat wurde der unbestrittene Anführer des ganzen palästinensischen Kampfes. Unter Arafats Führung wandelte sich der Kurs der PLO von pan-arabischen Vorstellungen hin zu palästinensischen Perspektive. Im September 1970 wird Arafat schließlich zum "Commander-in-Chief" aller palästinensischen Guerilla-Einheiten.
Die PLO wurde in der Folge von den arabischen Staaten (Arabische Gipfelkonferenz von Rabat Oktober 1974) und vielen Ländern der Zweidrittelwelt als "einzige legitime Vertretung des palästinensischen Volkes" anerkannt.
Ein bedeutsamer Schritt in der politischen Entwicklung erfolgte 1974, als unter Arafats Führung der Palästinensische Nationalrat entschied, Palästina auf jedem befreiten Quadratzentimeter zu errichten, mit anderen Worten die Befreiung der Heimat auch in verschiedenen Schritten zu akzeptieren. Es ist das gleiche Jahr, in dem er - am 13. November - als erster Führer einer Befreiungsbewegung der Zweidrittelwelt vor den Vereinten Nationen spricht, ein erster Höhepunkt der weltweiten Dekolonialisierung und ein Triumph für die Palästinensische Sache. Berühmt wurde seine Worte dort: "Heute kam ich hierher, in der einen Hand den Ölzweig und in der anderen Hand das Gewehr der Revolution. Laßt den grünen Zweig nicht aus meiner Hand fallen!"
Seit dieser Zeit - und wohl schon in der Verarbeitung der Ausgangs der sog. Yom-Kippur-Krieges oder Oktoberkrieges 1973, als es den arabischen Armeen nicht gelang den Ausgang dieses Krieges entscheidend zu ihren Gunsten zu gestalten, wurde es für Arafat immer deutlicher zum erklärten Ziel seiner Politik, einen Ausgleich mit dem Staat Israel zu finden, sich zu arrangieren mit den Machtverhältnissen, die sich seit 1948 in der Region etabliert hatten. Arafat war immer ein überzeugter Nationalist , bei aller internationlistischer Attitüde, aber er war nie ein Ideologe, der sich nicht zu bewegen vermochte. Er konnte taktieren, es konnte manövrieren, er konnte auch manipulieren, er kaufte und lud ein, er scharte um sich, belohnte und entzog sein Belohnungen, er war ein gewiefter Taktiker, aber er vor allem auch ein Pragmatiker: Ihm ging es um die nationale Würde, ja die Wiedergeburt seiner, der palästinensischen Nation, ihre Auferstehung aus den Trümmern von 1948 trieb ihn, bis zuletzt. Seine Mindestforderungen waren dabei klar und blieben seit 1974 unverändert: ein palästinensischer Staat auf der Westbank und im Gazastreifen, palästinensische Herrschaft über Ost-Jerusalem (einschließlich des Haram, aber ohne die Westmauer und das jüdische Viertel, und der Auferstehungskirche); die Wiederherstellung der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von begrenztem, aber gleichwertigem Landaustausch; Evakuierung aller israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und die Lösung des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit Israel.
Immer wieder scheiterten Verständigungsbemühungen daran, daß die USA und Israel darauf bestanden, daß die PLO zuerst "den Terrorismus verurteilen" müsse, was nichts anderes hieß, als aufzuhören, (die) Aktionen des palästinensischen Widerstandes zu verteidigen. Sie scheiterten aber auch daran, daß die arabischen Regime - vor allem Jordanien und Ägypten - bereit waren, ohne Rücksichtnahme auf die Palästinenser(innen) einen eigenen Frieden mit Israel auszuhandeln.
Die Palästinensische Frage existiert seit mehr als 50 Jahren, aus einer agrarisch-feudalen Gesellschaft wurde 1948, fast über Nacht, eine Flüchtlingsgesellschaft, die sich in Zelten und Lagern wiederfand, ihrer inneren Struktur, aber vor allem auch ihrer Würde beraubt. Vergessen von der Weltgemeinschaft, von den VN zur Flüchtlingsfrage degradiert, schien das Schicksal dieses Volkes besiegelt. Es ist nicht zuletzt das Verdienst von Yassir Arafat, daß die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat.
Es war ein langer Weg von der PNC-Entscheidung 1974 über die palästinensische Unabhängigkeitserklärung vom 15. November 1988, der Wahl zum Präsidenten durch den PNC am 2. April 1989, bis zur "Declaration of Principles" des Jahres 1993, in dessen Folge er am 1. Juli 1994 nach Gaza zurück kehrte, die Palästinensische Autorität entstand und Arafat im Januar 1996 zum Ra'is gewählt wurde bis zum Friedensnobelpreis des Jahres 1994.
Dieser lange Weg ist gekennzeichnet von schmerzlichen Niederlagen, wie die Vertreibung aus Beirut 1982, von krassen Fehleinschätzungen der politischen Lage wie 1991 beim Überfall des Irak auf Kuwait, als Arafat glaubte, sein "guten Dienste" als Vermittler könnten einen Krieg verhindern, von den dramatischen Konsequenzen des Endes der weltweiten Bi-Polarität durch den Untergang des UdSSR, durch die vielfachen Morde an seinen politischen Weggefährten in seiner unmittelbaren Umgegbung, zum Schluß durch die Gefangenschaft in seinem zerstörten Amtssitz im Ramallah..., all dies gehört zu einem politischen Leben, wie es wenige in unserer Zeit gegeben hat. Aber nicht zuletzt die Standhaftigkeit in Camp David II im Jahr 2000 dem vereinten Druck von USA und Israel nicht nachzugeben und ein für die palästinensische Seite letztlich inakzeptables Diktat zu akzeptieren, gehören aber auch zu den großen Seiten dieses Politikers.
Er war und blieb bis zum Ende ein Befreiungskämpfer, einer, der sich zwischen vielen Fallstricken sah, umgeben von Feinden der eigenen Sache, der die Einheit der Nation um einen hohen Preis zu sichern wußte, ja unbedingt sichern wollte, der seine Umgebung zu beherrschen, zu benutzen wußte, der oftmals allein entschied, und dessen Entscheidungen doch von so vielen, auch Kritikern, letztlich erwartet, erwünscht, ersehnt wurden, der aus der Mentalität des Kampfes, des Untergrundes Zeit seines Lebens keinen Ausweg fand, den man auch keinen Ausweg finden ließ, und dem kein normaler, gar westlichen Maßstäben gerecht werdender Staatsmann mehr wurde.
Das klein-klein eines Staatsaufbaus, die Etablierung einer Zivilgesellschaft, die vielen Fragen eines kontrollierten Systems von Macht und Gegenmacht, von Kontrolle und Machtteilung, waren nicht Arafats Sache.
Er wollte seinem Volk einen Staat bringen, schließlich die palästinensische Fahne über Jerusalem wehen sehen. Jetzt wird der in Kairo geborene und in Paris gestorbene Yassir Arafat noch eine weitere Frist warten müssen, bis sein Leichnam nach Jerusalem überführt werden wird.
Zu Recht wurde er der "Ra'is", der Führer, das Symbol, ja der "Vater der Nation" - Abu Amar genannt. Er hat sich um sein Volk verdient gemacht, auch wenn es - wie in jedem (politischen) Leben -, Licht und Schatten auch im Wirken Yassir Arafats gibt.