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Geographie ist Schicksal. Diese Satz gilt in besonderem Maße für Palästina.
Nicht erst seit 1947, als die VN das damals britische Mandatsgebiet in
zwei Staaten aufzuteilen beschloß [Resolution 181 (2)], schon seit
Ende des 19. Jahrhunderts als auch die neu entstandene zionistische Bewegung,
ihren Anspruch als die moderne Nationalbewegung des jüdischen Volkes
auf das Territorium zwischen Mittelmeer und Jordan erhob, wurde das „Heilige
Land” zum Zankapfel unterschiedlicher Interessen.
In der Zeit des europäischen Kolonialismus‘ und Imperialismus‘
wurde der Raum Objekt der Interessen Großbritanniens und Frankreichs,
die sich im sog. Sykes-Picot-Abkommen (Mai 1916) über die Aufteilung
der Region in Einflußsphären verständigten. Zuvor hatten
die Engländer im McMohen-Hussein-Abkommen (Oktober 1915) britische
Unterstützung für ein Arabisches Großreich versprachen im Gegenzug
für die Unterstützung der arabischen Stämme gegen die Osmanische
Herrschaft im Weltkrieg I.
Und ein drittes Mal wurde das Land verteilt,
als der britische Außenminster Lord Balfour am 2. November 1917 einem
jüdischen Repräsentanten die Unterstützung für die
Errichtung einer jüdischen Heimstatt in Palästina zusicherte
(sog. Balfour-Deklaration).
Mit Beginn der britischen
Militärherrschaft in Palästina am 8. Dezember 1917 - an diesem
Tag betrat der englische General Allenby zu Fuß die Altstadt von
Jerusalem - über das Inkrafttreten des Völkerbundmandats (infolge
des Vertrages von San Remo, 24. April 1920 und seiner Bestätigung
durch den Völkerbund vom 24. Juli 1922) am 29. September 1923, begann
eine, im laufe der Jahre immer schärfere Auseinandersetzung um die
Vorherrschaft im Lande.
Schon der Mandatstext
enthielt unvereinbare Verpflichtungen: Es sollte nicht nur das Gebiet
in die (nationale) Unabhängigkeit geführt werden, was bei (1922)
11 % Juden und 89 % Palästinensern einen arabischen Staat bedeutet
hätte, sondern zugleich wurde der Text der sog. Balfour-Deklaration
in die Präambel des Mandats aufgenommen.
Zunehmende jüdisch-zionistische Immigration, nach 1933 auch die Aufnahme
oder Einreise von immer mehr jüdischen Flüchtlingen aus dem
faschistischen Europa, trafen auf immer stärkeren palästinensisch-nationalen
Widerstand, wesentlich getragen zu dieser Zeit von einer traditionell
feudalen Schicht arabisch-palästinensischer Notablen.
Im Laufe der 30 und 40er Jahre, besonders aber nach Ende des Weltkrieges
II verschärften sich die Auseinandersetzungen, so daß sich
Großbritannien veranlaßt sah, die Mandatsverpflichtung an
die neu entstandenen Vereinten Nationen (zurück) zu geben. Die Entscheidung
war sowohl aus der Erkenntnis geboren, daß die Mandatsverpflichtungen
in der gegeben Form nicht zu verwirklichen sein würden, aber auch
aus der Einsicht, daß die Großmachtrolle Englands sich ihrem Ende
zu neigte.
Die Völkergemeinschaft entschied am 29. November 1947, das historische
Mandatspalästina in zwei Staaten zu teilen und ein sog. „Corpus
seperatum Jerusalem” zu schaffen. Diese Entscheidung fiel gegen
den Widerstand der Staaten der Region und ohne eine Volksabstimmung. Sie
war ohne Zweifel wesentlich von der Erkenntnis geprägt, was dem jüdischen
Volk in deutschen Nahmen und mit deutscher Hand in Europa angetan worden
war, ohne jedoch ausreichend zu berücksichtigen, wer für die Entscheidung
vor Ort in Palästina mit seinen nationalen Rechten würde bezahlen
müssen.
Die nationale Geburt eines jüdischen Staates Israel in den Jahren
1947 bis 1949, erwies sich zugleich als die nationale Katastrophe (arab.
al-Naqba) des palästinensischen Volkes, das innerhalb von Monaten
von einer agrarisch-ländlichen und feudal organisierten Gesellschaft in eine
Flüchtlingsgesellschaft verwandelt wurde.
Etablierte sich im jüdischen Teil nach dem 14. Mai 1948 der Staat
Israel auf einem Gebiet, daß etwa 20% größer war, als
im Teilungsplan vorgesehen, gelang es der palästinensischen Seite
nicht, sich gegen die widerstreitenden Interessen der arabischen Anrainerstaaten
einen eigenen Staat zu verschaffen, die Ausrufung eines Gesamtpalästinensischen
Staates noch im gleichen Jahr in Gaza-Stadt blieb folgenlos. Der Gazastreifen
fiel unter ägyptische Herrschaft, die Westbank einschließlich
des östlichen Teils von Jerusalem an Jordanien. Nach Unterzeichnung
der Waffenstillstandsabkommen im Laufe des Jahres 1949 waren ca. 750.000
Palästinenser und Palästinenserinnen ohne Heimat.
Erst mit Gründung der PLO
(engl.: Palestinian Liberation Organisation (Palästinensische Befreiungsorganisation)
am 1. Juni 1964, zuerst noch auf Betreiben des ägyptischen Staatspräsidenten
Abdel Nasser, gelang es eine neue nationale Führung zu etablieren.
Im Februar 1969, wurde Yassir Arafat Vorsitzender des Exekutivkomitees
der PLO, im Oktober 1974 erkannte die Arabische Gipfelkonferenz von Rabat
den alleinigen und rechtmäßigen Vertretungsanspruch der PLO
für das palästinensische Volk an, am 13. November 1974 sprach
Arafat als ersten Führer einer Befreiungsbewegung aus der Zweidrittelwelt
vor der Vollversammlung der VN, die kurz darauf der PLO offiziell Beobachterstatus
einräumte.
Hatte sich nach 1967er Krieg, dem sog. Sechs-Tage-Krieg, in dem Israel u.a. die
Westbank und den Gazastreifen erobert hatte, der politische Schwerpunkt
der palästinensischen Nationalbewegung in die Diaspora verlagert, begann
mit der Intifada I (arab. „(Staub) abschütteln”) im Dezember 1987
eine neue Phase der palästinensischen Geschichte. In einem von weiten
Teilen der Bevölkerung getragenen Aufstand machten die Palästinenser
deutlich, daß sie die Fortsetzung der Besatzung und die andauernde
Verhinderung nationaler Selbstbestimmung nicht länger zu akzeptieren
gewillt waren. Israels Versuch, den Volksaufstand mit militärischen
Mitteln niederzuschlagen, scheiterte ebenso wie der palästinensische
Versuch, mit der Intifada I die Besatzung zu vertreiben.
Am 15. November 1988 beschloß der Palästinensische
Nationalrat (PNC) auf seiner Sitzung in Algier, die Gründung
eines Staates Palästina an der Seite Israels und akzeptierte damit
bereits implizit die Existenz Israels
(Unabhänigkeitserklärung).
Das Ende des Ost-West-Konfliktes durch den Untergang der Sowjetunion und
der Golfkrieg II veränderten die politischen Landkarte derart, daß
am 30. Oktober 1991 in Madrid eine internationale Friedenskonferenz zusammentrat,
die erstmals alle beteiligten Parteien an einem Tisch versammelte.
Wenngleich die Palästinenser nur in einer gemischten Delegation mit
Jordanien an der Konferenz beteiligt waren und offiziell die PLO nicht
in Erscheinung treten durften, war die Anwesentheiten der palästinensischen
Politikwer und Politikerinnen ausdrücklich durch die PLO und durch
Yasser Arafat legitimiert.
Mit der Madrider Konferenz war der erste entscheidende Schritt getan,
den Konflikt von einem Existenzialkonflikt in einen Territorialkonflikt
zu verwandeln: kein Staat bestritt mehr die Existenz der jeweils anderen
Seiten.
Als die Verhandlungen sich in der Folge von Madrid jedoch immer stärker
in die Länge zogen und keine Aussicht auf einen weiteren Durchbruch
bestand und nachdem sich die politischen Mehrheitsverhältnisse in
Israel nach den Parlamentswahlen vom Juni 1992 verändert hatten,
wurde durch norwegische Assistenz in Oslo ein geheimer Gesprächs-
und Verhandlungskanal geöffnet, der schließlich am 13. September
1993 zur Unterzeichnung einer sog. „Prinzipienerklärung”
führte, nachdem in den Tagen zuvor ein Briefwechsel zwischen Israel
und der PLO die gegenseitige, wenn auch nicht völlig gleichberechtigte
Anerkennung gebracht hatte.
Der daraufhin einsetzende sog. „Friedensprozeß” sollte am Anfang
erhebliche Zugeständnisse der palästinensischen Seite und in fortlaufendem Prozeß
israelische Zugeständnisse bringen und zu einer friedlichen Konfliktregulierung
auf der Basis „Land gegen Frieden” führen.
Im Mai 1994 kehrten die ersten palästinensischen Sicherheitskräfte
in ihre Heimat zurück, im Juli des gleichen Jahres kehrte nach Jahrzehnten
des Exils Yassir Arafat nach Gaza zurück. In der Folge entstand die „Palestinian
(National) Authority”, an deren Spitze Arafat im Januar 1996 gewählt
wurde, zum gleichen Zeitpunkt als auch der Palästiensische Legislativrat
(PLC) gewählt wurde.
Die von Anbeginn vorhanden eklatanten Machtungleichgewichte führten
sehr bald zu einer immer stärkeren Verzögerung des Prozesses.
Fortgesetzte israelische Siedlungstätigkeit trafen auf zunehmende
Frustration der palästinensischen Seite, deren ökonomische Situation
sich nicht verbesserte, sondern zunehmend verschlechterte, während
Israel wesentliche Fragen der eigenen Sicherheit an die neu entstandenen
palästinensischen Polizei- und Sicherheitskräfte abgeben konnte.
Zur Einschätzung der grundsätzlichen Situation hier ein Bericht
aus den VN als pdf-Dokument.
James D. Wolfensohn, ("The Quartet's special envoy for the disengagement", so sein offizieller Titel)
formulierte seine Einschätzung hier .
Eine lesenswerte Studie hat die RAND Corporation (Kalifornien)
im Sommer 2005 veröffentlicht: "Building a Successfull Palestinian State".
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Felsendom

Juni 2005 in Washington

Solidaritätsplakat
für Barghouti
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Seit 1993 (13. September: Unterzeichnung der sog. Declaration of Principles)
hat es in Israel sechs Ministerpräsidenten gegeben (Y. Rabin, ermordet
am 4. November 1995, S. Peres, B. Netanyahu, E. Barak, A. Sharon, E. OLmert, amtierend) sowie
zahlreiche neue Kabinette.
Am 28. Januar 2003 gab es in Israel vorgezogene Neuwahlen zur Knesset,
dem Parlament, aus der die Partei des amtierenden Ministerpräsidenten
Ariel Sharon erheblich gestärkt hervorging. Die Linke sowie die arabischen
Parteien und die der Friedensbewegung zuzurechnenden Parteien, waren insgesamt
stark geschwächt aus den Wahlen hervorgegangen und verfügten
nur noch über weniger als ein Drittel der Mandate. Bei den im März 2006 durchgeführten
Wahlen, ergab sich eine - zumindest rechnerische Mehrheit der Mitte-links Gruppierungen,
mit einem starken Gewicht auf der Mitte.
Während im Jahre 2004 vorrangig
zwischen dem sog. Nahost-Quartett (VN, USA, EU und Rußland) über
deren Friedensplan ("Road Map") beraten wurde, der nicht nur weitere
konstitutionelle Veränderungen in Palästina vorsieht, sondern
einen eigenen (souveränen) Staat Palästina bereits für das Jahr
2005 in Aussicht gestellt hatte, wird die aktuelle politische Debatte
seit der Widerwahl des US-amerikanischen Präsidenten Bush jr. und des
Einmarsches im Irak von anderen Prämissen bestimmt.
Seit dem Beginn der sog. Intifada II (oder Al-Aqsa-Intifada) im Oktober
2000, ausgelöst durch den demonstrativ provokativen Besuch des damaligen
Oppositionsführers und heutigen Premierministers Ariel
Sharon auf dem Haram as-Sharif/Tempelberg Ende September 2000, erlebte
die Region eine erneute Phase der Gewalt.
Nachdem vom 11.-24. Juli 2000 ein Versuch des amerikanischen Präsidenten
Clinton, Israelis und Palästinenser mit einer erneuten Gipfelklausur
in Camp David nicht zu einer Einigung geführt hatte, wurde der Besuch
Sharons, der mit Billigung des damaligen Ministerpräsidenten Barak
von der Labour-Party stattfand, und der zu einer massiven Präsenz
israelischer Sicherheitskräfte auf dem Plateau des Harams führte,
in der palästinensischen Öffentlichkeit als ein Angriff auf
diese heilige Stätte des Islams wahrgenommen. Als die Proteste gegen
den Besuch von israelischer Seite mit größter Härte und
zahlreichen Toten auf palästinensischer Seite niedergeschlagen wurde,
kam es in den palästinensischen Gebieten zu flächendeckenden
Prostesten und Aktionen, die seitdem andauern.
Trotz dieser Gewalt verhandelten die beiden Seiten noch bis zum Januar
2001 weiter und erreichten, angeregt durch die Vorschläge von William
Clinton vom 23. Dezember 2000, in Taba einen hohen
Grad an Annäherung der Positionen. Die Abwahl des israelischen Ministerpräsidenten
Ehud Barak im Februar 2001 führte zu keiner Neuaufnahme solcher Verhandlungen,
die aber bereits im Januar 2001 abgebrochen worden waren. Am 12. Mai 2002
beschloß Israels regierender Likud zudem, die Entstehung eines unabhängigen
Palästinenserstaats niemals zu zulassen.
Im Herbst 2005, wenige Monate nach dem Rückzug der israelischen Truppen aus dem
Gazastreifen und der Räumung von vier Siedlungen im Norden der Westbank,
zeitgleich mit dem massiv forcierten Ausbau der Mauer ("Sicherheitsbarriere") und einer
vorsichtigen Tendenz der US-Admistration, sich wieder stärker in Israel-Palästina
zu engagieren, gibt es zaghafte Zeichen von Optimismus, der allerdings auf sehr
zerbrechlichen Füßen ruht.
Auf der einen Seite war es Mahmoud Abbas gelungen, innerpalästinensisch eine Art
Stillhalteabkommen mit unterschiedlichen oppositionellen Gruppen zu erreichen;
dieser ist allerdings sehr gefährdet, seit in einem neuen zyklus von Gewalt auch die israelische
Politik gezielter Tötungen wieder aufgenommen wurde. Es erscheint zunehmend fraglicher, wie die PNA
und Abbas in Zeiten unilateraler israelischer Politik und unter extremen wirtschaftlichen
Bedingungen, den Menschen eine Perspektive geben will, die der Region eine Phase relativer Ruhe
und Stabilität bringen könnte.
Zugleich haben die Ergebnisse der palästinensischen Kommunalwahlen und nach der Wahlen
einer HAMAS geführten palästinensischen Regierung ist es auch innerpalästinensisch
schwer erkennbar, wie sich zukünftig die Gewichte verteilen werden. Das Erstarken
der islamischen HAMAS hat die bis dato uneingeschränkt herrschende säkuläre
Fath-Bewegung tief verunsichert. Die Debatte um eine mögliche Aufnahme der
HAMAS gar in PLO, die Frage einer möglichen Regierung der "Nationalen Einheit", die Spannungen zwischen
dem HAMAS dominierten Parlament und dem Fath-Präsidenten, die politische Zuspitzung, die durch die Entführungen
israelischer Soldaten (in den Gazastreifen und in den Libanon, im Gefolge dann der erneute israelisch-libanensische
Krieg vom Sommer 2006) - all die sind aktuelle Herausforderungen, bei denen die notwendigen Regelungsoptionen nur
schwer voraus zu sehen sind.
Die strategische und systematische Schwächung der palästinensischen Nationalbewegung hat inzwischen ein
besorgniserregendes Ausmaß angenommen, erste bürgerkriegsähnliche, bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen
unterschiedlichen palästinsischen Gruppen sind zu einem erheblichen Potential der weiteren Destabilisierung der
Region geworden.
In den zentralen Fragen des Nahostkonfliktes, in dessen Herz die Palästinafrage
steht, müssen weiter Regelungen gefunden werden: Grenzen, Jerusalem, einschließlich
des Status' der Heiligen Stätten, Siedlungen, Rückkehrrecht
der palästinensischen Flüchtlinge und der Verteilung
des Wassers.
Die sog. Genfer Initative hatte in der Vergangenheit - zum ersten mal seit langem - etwas
Bewegung in die erstarrten Fronten gebracht und zumindest deutlich gemacht,
daß es - allen propagandistischen Äußerungen zum Trotz,
auf der jeweils anderen Seite einen potentiellen Partner für Frieden gibt.
Die zunehmende ökonomische Katastrophe, die politische Perspektivlosgkeit, der
unverminderte Mauer der Mauer auf
Kosten der Palästinenser, zerrütten die palästinensische
politische Gesellschaft immer mehr.
Die schwierige politische Lage der eigenen (HAMAS) Regierung, der Finanzsysteme,
der Verwaltung und der Sicherheitsapperate, eine fortschreitende Entinstitutionalisierung
verbunden mit der Rückkehr tribaler Loyalitäten in einem für
Palästina seit langem nicht gekannten Ausmaß, lassen kaum erkennen, woher zum
gegenwärtigen Zeitpunkt genügend Kräfte kommen sollen,
die ein konstruktive Zukunftsbewältigung möglich erscheinen lassen.

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