alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches

RUANDA
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Makrosoziale Struktur

Ethnizität

Das Land wird von drei ethnischen Gruppen bewohnt. Den Bahutu, die Schätzungszahlen nach 80-90 % der Bevölkerung ausmachen, den Batutsi (ca. 10-20 %) und den Batwa mit circa 1%. Die Bezeichnung "Ethnie" ist für die Bezeichnung der ruandischen Bevölkerungsgruppen wissenschaftlich nicht korrekt. Bei "Hutu" oder "Tutsi" handelt es sich nicht um verschiedene Ethnien od. Stämme, wie es in zahlreicher Literatur zu lesen ist. Sie sprechen die gleiche Bantusprache, "Kinyarwanda", bilden eine gemeinsame Sozialstruktur, teilen religiöse Überzeugungen. Sie haben die gleiche Kultur und eine gemeinsame Geschichte. Ein bestimmtes Territorium wird auch keiner der drei Gruppen zugeordnet. Alle wohnen auf den Hügeln Grundstück an Grundstück, Tür an Tür, Eheschließungen zwischen Hutu- und Tutsifamilien sind auch keine Seltenheit. Tatsächlich ist jedoch im Laufe der Geschichte ein "ethnisches" Bewusstsein und eine Identifikation mit einer der Gruppen entstanden.

Muttersprache nahezu aller Ruander ist die Bantusprache Kinyarwanda. Ca. 90% Prozent der Einwohner beherrschen ausschließlich diese Sprache. Weitere offizielle Amtssprachen sind seit der belgischen Kolonialzeit Französisch und seit 1994 zunehmend Englisch. In den Handelszentren wird auch das ebenfalls zu den Bantusprachen gehörende regional verbreitete Kiswahili gesprochen.

Der Blick auf die ruandische Sprache der Gegenwart lehrt, dass zusätzlich zu Hutu und Tutsi heute mehr Begriffe die soziale Realität widerspiegeln. Die Leute benutzen ganz neue Begriffe wie "Abasopecya", benannt nach der letzten noch funktionierenden Tankstelle während des Genozids. Gemeint sind Teile der Bevölkerung, die schon vor dem Völkermord im Land lebten. Die nach 1994 aus dem Ausland zurückgekehrten ruandischen Tutsi, oft seit 1959 Vertriebene oder deren Nachkommen, gliedern sich in "Abadubai" (Rückkehrer aus dem Kongo) "Abagepe" (aus Burundi) und "Abasajya" (aus Uganda). Auch Hutus sind geteilt in solche, die Ruanda nie verließen und nie im Gefängnis saßen; Häftlinge; Flüchtlinge seit 1994 oder Rückkehrer aus Kongo seit 1996 (Abatingitingi). Jede dieser Lebenserfahrungen hat bei den betroffenen Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Spuren hinterlassen und die Gesellschaft neu gemischt.

Stadt-Land-Verhältnis

Die Bevölkerung lebt überwiegend, ungefähr 90%, in ländlichen Gebieten. Die städtischen Familien, deren Zahl infolge der Landflucht kontinuierlich zunimmt, leben in einer ungesicherten Existenz. Nur wenige Männer (noch seltener Frauen) haben eine festen Arbeitsplatz im Dienstleistungssektor (vor allem Behörden und Banken) oder in den Fabriken. Der Traum vom geregelten Einkommen und bequemen Wohnen endet für viele Familien in den Notunterkünften der städtischen Randzonen.

Zahlen zu Arbeitslosigkeit liegen nicht vor und hätten in einem nach wie vor großen nicht-monetären Produktionsbereich auch keine Aussagekraft.

Altersgruppen

Die in den Entwicklungsländern zu beobachtenden hohen Geburtenraten haben "eine junge Bevölkerung" zur Folge. In Bezug auf Ruanda sind 50% der Bevölkerung unter 15 Jahre alt. Nimmt man die bis zu 25-jährigen Personen hinzu, so entfällt auf die Altersgruppe von 0 bis 25 Jahre knapp 70% der Gesamtbevölkerung. Diese Altersstruktur verschärft das Problem der Bereitstellung ausreichender Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

Menschenmenge(40,9K)

Menschenmenge

Microsoziale Struktur

wassertragen (6,99 K)- eigenes Bildmaterial

Wassertransport

Familie / Frauen

Im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht immer noch die Großfamilie mit Solidarstrukturen, die für die ärmeren Bevölkerungsschichten einen Schutz vor Verelendung und Hunger bilden.

Eine ruandische kleine Familie hat im Durchschnitt sechs Kinder. Sie gelten als Segen und Glück und tragen zum Ansehen der Frau in der Gesellschaft bei. Kinder sind unerlässliche Arbeitshilfe im Haushalt und in der Landwirtschaft. Sie werden aber auch als Altersvorsorge verstanden.

Männer, Frauen und Kinder teilen sich die Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb. Der größte Anteil der Arbeit in Haus und Hof - entfällt auf die Frauen. Sie müssen Lebensmittel erwirtschaften und sind für die Kindererziehung zuständig.

Bis auf Ausnahmefälle ist die ruandische Frau ihrem Mann oder Vater unterstellt. Sie lebt zurück gezogen in der Familie, wo ihr Einflussbereich und ihre Macht liegen. Sie darf sich nicht in Anwesenheit von Männern zu Wort melden.

Frauen gehörten in der traditionellen Gesellschaft Ruandas nicht in die Öffentlichkeit. Ihre Stellung in der Familie und der Gesellschaft war und ist sehr stark von Traditionen geprägt.

Hausarbeit (25,0 KB)- eigenes Bildmaterial

Haushalt

Der Genozid 1994 hinterließ hunderttausende von Witwen und Waisenkindern. Das hat die Rolle der Frauen in der ruandischen Gesellschaft verändert. Die Frauen mussten, da ihre Männer und Väter getötet worden waren oder im Gefängnis saßen, plötzlich die Aufgaben des Familienoberhaupts übernehmen. Dies hat auch ihre rechtliche Situation verändert. Frauen konnten früher nicht erben oder Familienoberhaupt werden. Diese Regelung wurde mittlerweile durch die neue Gesetzgebung aufgehoben

Der ruandische Staat ist bemüht, den Frauen gleiche Rechte einzuräumen. Die neue Verfassung weist deutlich frauenfreundliche Züge auf. 30 Prozent aller Posten in Entscheidungsgremien müssen an Frauen vergeben werden. So beträgt heute der Frauenanteil im Parlament knapp 50 Prozent, womit Ruanda weltweit and der ersten Stelle steht und Schweden mit 45 Prozent auf den zweiten Rang verwiesen hat.

Bildungswesen

Seit Ende des letzten Jahrhunderts wurde unter dem Einfluss der überwiegend katholischen Missionare ein Schulsystem aufgebaut, das sich noch bis in die 70er Jahre am europäischen Schulwesen orientierte. Lernziele und Unterrichtsmethoden basierten auf dem belgischen Schulsystem. Mit der 1979 durchgeführten Schulreform hat der Staat die Schulhoheit übernommen und die allgemeine Schulpflicht für alle Kinder zwischen 7 und 15 Jahren eingeführt.

Das ruandische Bildungswesen gliedert sich in eine eher rudimentäre Vorschulerziehung, eine für alle Kinder verpflichtende Primarschulbildung auf der das Sekundarschulwesen und schließlich die Hochschulbildung aufbauen.

kist_bau(19,4K)- eigens Bildmaterial

Gebäude vom Kigali Institut of Science and Technology (KIST) im Bau in Kigali

Die "Université Nationale du Rwanda" in Huye (früher Butare) ist die einzige Hochschule mit einem breiteren Spektrum an Fachbereichen. Weitere staatliche Hochschulen sind; die technische Hochschule, Kigali Institut of Science and Technology (KIST) und die für das Lehramt zuständige Hochschule, Kigali Institut of Education (KIE). Einige private Hochschulen sind in den letzten Jahren mit minimalern Einrichtungen gegründet worden. Nahezu alle Studienberechtigen Ruander streben nach einem Hochschulabschluss. So bieten die ausgebuchten privaten Hochschulen Unterrichtsbetrieb in zwei Schichten, sodass zahlreiche Angestellte einem Studium während ihrer Freizeit nachgehen. Die Bildungsqualität leidet natürlich stark vor allem unter mangelndern qualifizierten Lehrkräften.

Die Einschulungsrate liegt inzwischen über 90%. Die Schulbaumaßnahmen laufen ständig hinter der Bevölkerungsentwicklung hinterher. Überfüllte Klassenräume sind eine Ursache für den doch geringen Erfolg und schwache Schulabschlüsse.

klassenraum(42,4 K)- eigenes Bildmaterial

überfüllter Klassenraum

Gesundheitswesen

Die Hauptprobleme des ruandischen Gesundheitswesens sind die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser, die Senkung der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie die durch Mangel- und Fehlernährung bedingten Krankheiten.

Infektions- und parasitäre Krankheiten treten in erheblichem Umfang auf; sie verursachen die meisten Sterbefälle. Malaria ist weit verbreitet, gefolgt von Grippe, Masern, Hautinfektionen sowie Magen- und Darmerkrankungen.

Die HIV-Prävalenz an der Gesamtbevölkerung wird mit 3% angegeben; sie ist in in den sexuell aktiven u. städtischen Bevölkerungsteilen jedoch sehr viel höher.

Zur Grundversorgung der Bevölkerung dienen 30 Krankenhäuser. Es gibt drei zentrale Krankenhäuser in Kigali, Butare und Ruhengeri.

Jeder Distrikt verfügt über ein regionales Krankenhaus, deren Einzugsbereich ca. 250.000 Einwohner umfasst. Heute bestehen in fast jedem Sektor ein bis zwei Gesundheitszentren, die ca. 20.000 Menschen versorgen müssen.

Kultur

Musik und Kunst

tanz (29,5 KB)

traditioneller Tanz, "Ballet national"

Foto:ORTPN

Musik, Tanz und Poesie in einheimischer Sprache sind wichtige Kunstformen in Ruanda. Der wohl bekannteste Schriftsteller Ruandas ist das 1981 verstorbenen Multitalent Alexis Kagame. Historiker, Ethnologe, Dichter und Philosoph, er hat in vieler Hinsicht den Ruandern eine lange Liste wertvoller Werke hinterlassen. Seine literarische Umsetzung der mündlichen Überlieferungen der Geschichte bleibt eine der wichtigsten Schriftwerke Ruandas. Auch seine wissenschaftliche Analyse in "La Philosophie Bantu rwandaise de l'être" über Religion, Kultur und Weltanschauung der alten Ruander ist von unschätzbarem Wert.

Traditionelle Tanzmusik wird heute bei Familienfeier und feierlichen offiziellen Anlässen von Tanzgruppen, begleitet vom Gesang, Klatschen, Trommeln und Schellen vorgeführt. Den Höhepunkt stellt oft der beeindruckende Tanz der Krieger "Intore" sowie die unverwechselbare Trommlergruppe dar. Die ruandische Popmusik verbindet gern traditionelle mit modernen Musikelementen. Einige ruandische Musiker, wie beispielsweise Cecile Kayirebwa, Jean Paul Samputu oder Ben Rutabana, schaffen den internationalen Durchbruch nur zum Teil. Außerhalb der eigenen Diaspora sind sie kaum bekannt.

Theater und bildende Künste sind traditionell weniger ausgeprägt. An Kunsthandwerk sind zum Teil sehr fein ausgearbeitete Flechtarbeiten typisch. Eine bedeutende Sammlung dazu bietet das Nationalmuseum in Butare unter anderem an. In jüngerer Zeit werden auch Werke von Malern verbreitet.

flechtkunst(17,5 K)-eigenes Bildmaterial

typische Flechtarbeiten

Religion

Kirche(4,08 KB)- eigenes Bildmaterial

Katholische Kirche in Butare

Schon seit der deutschen, vor allem aber seit der belgischen Kolonisation nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Land christlich missioniert, was zu einer Dominanz des in Belgien vorherrschenden Katholizismus führte, dem kurz vor dem Völkermord etwa zwei Drittel der Bevölkerung angehörten. Wegen ihrer umstrittenen Rolle im Volkermord wird die katholische Kirche bis heute oft kritisiert. Deren Anhänger werden gegenwärtig auf 55% geschätzt.

Protestanten, rund 38 %, sind durch verschiedene Kirchen vertreten (Anglikaner, Presbyterianer, Adventisten, Methodisten und Baptisten). Zum Islam bekennen sich rund 5 % der Ruander, hauptsächlich aus städtischer Bevölkerung. Aufgrund seines vorbildlichen solidarischen Verhaltens während des Genozids genießt der Islam mehr Ansehen in der Gesellschaft als vor 1994.

Freikirche(26,3 KB)- eigenes Bildmaterial

Gottesdienst in der Freikirche

Auch charismatische Gruppen und viele neue Kirchen (Wiedergeborene Christen und Erweckungskirchen) konnten sich seit dem Völkermord ausbreiten.

Ursprünglich herrscht der Ahnenkult. Es handelt sich dabei um eine monotheistische Religion mit einem Schöpfergott -Imana - und einer großen Persönlichkeit - Ryangombe-, der, ähnlich wie beim Christentum, ein Mittler und irdischer Repräsentant Gottes war. Wegen dieser Ähnlichkeit waren die Ruander leicht für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute tritt der traditionelle einheimische Ahnenkult öffentlich kaum mehr in Erscheinung.

pfeil-l    zurück zur vorherigen Seite    |   weiter zur nächsten Seite     pfeil-r
 

alle Länder Homepage
Landesüberblick Staat & Politik Wirtsch. & EZ Gesellsch. & Kultur Praktisches