Tansania und die 'Millennium Development Goals'
Exogene
Armutsursachen
Endogene Entwicklungshindernisse und was über MDG hinaus noch zählt
Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Abgesehen von den 'Terms of
Trade', dem Agrarprotektionismus und anderen Weltmarktbedingungen, die auf
Länder wie Tansania entwicklungshemmend wirken können, sind die 'seelischen' und kulturellen Außeneinflüsse
besonders gravierend: Die Bevölkerung ist arm auch an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Das bisschen Selbstvertrauen, das nach dem Sklavenhandel noch übrig war, wurde
in der Kolonialzeit wieder mit Füßen getreten: Die traditionellen Werte und
kulturellen Leistungen wurden verhöhnt und es wurden - z.B. in der Verwaltung -
Strukturen geschaffen, die damals schon nicht nachhaltig waren und nach der Unabhängigkeit
nicht als Vorbild taugten.
Auch nach der Kolonialzeit bleibt
Tansania eine Spielwiese für technokratische Ordnungsmodelle und
sozialwissenschaftliche Erklärungsversuche. Sowohl das völlige Ausblenden
endogener Entwicklungshindernisse durch die Dependenztheorien der 70er und 80er
Jahre, als auch die heute übliche schonungslose Anklage tansanischer Eliten
greifen die Selbstachtung der Tansanier an. Tansania ist 'weder arm noch
ohnmächtig' (Axelle Kabou), schon gar nicht unzurechnungsfähig, aber auch
nicht alleinverantwortlich für die Entwicklungsprobleme. Unser Nikolaussyndrom
(Helfersyndrom) ist auch Ausdruck der eigenen Überheblichkeit und hat in
Tansania, dem Musterbeispiel einer 'Donor Economy', ein Abhängigkeitssyndrom
erzeugt. In der 'Pajero-Kultur' bringt das Fahren eines Projektfahrzeugs mehr
gesellschaftliche Anerkennung, als beispielsweise die Gründung eines kleinen
Unternehmens auf eigenes finanzielles Risiko.
Endogene
Entwicklungshindernisse und was über MDG hinaus noch zählt
Ungeachtet der herausragenden
politischen Leistungen Julius Nyereres, war Tansania nach der Unabhängigkeit
eine Einparteiendiktatur, in der weder eine Zivilgesellschaft, noch
Pressefreiheit oder echte politische Mitbestimmung vorgesehen waren. Die Ära
der Fremdbestimmung endet hier nicht mit der Unabhängigkeit sondern (natürlich
indirekt) mit dem Fall der Berliner Mauer. Um bei dem Bild zu bleiben: Die
Entwicklungsprobleme jenseits der Mauer waren auch nicht kulturell oder mentalitätsbedingt,
sondern vor allem das Ergebnis von ein paar Jahrzehnten planwirtschaftlicher
Vollnarkose - Deutschland und Korea liefern hierfür fast schon
einfaktorielle Systemversuche. Verschärft werden die Probleme durch die heute
noch anhaltende Ineffizienz der staatlichen Verwaltung.
Kulturelle Faktoren treten als
Hindernisse für eine rasche Modernisierung hinzu:
Das Senioritätsprinzip
und der autoritäre Charakter der Gesellschaft (Gerontokratie)
vereiteln allzu oft, dass Kreativität und eine gute Qualifikation
entwicklungswirksam werden oder über die gesellschaftliche Stellung
bestimmen (Meritokratie).
Die Solidarität in der
Großfamilie (Economy of Affection) steht auf dem Prüfstand der
Modernisierung, weil sie Einkommensverteilung verlangt, was für die
'Leistungsträger' der Gesellschaft ein gravierendes Entwicklungshindernis
darstellt.
Die rastlose Unzufriedenheit,
die hierzulande dazu führt, das alles ständig optimiert und perfektioniert
wird, scheidet in weiten Teilen Tansanias ebenfalls als Entwicklungsmotor
aus.
Diese drei Phänomene erklären
vieles in Tansania. Sie sind - oder waren - aber auch in nicht-afrikanischen
Gesellschaften bekannt und
sind nicht ausschließlich negativ:
Was das Gegenteil des
Senioritätsprinzips bedeutet, erschließt sich z.B. dem Leser des
Bestsellers 'Das Methusalem-Komplott' – ein Horrorszenario für die
Industrieländer.
Mehr 'Economy of Affection'
und weniger 'Staat' wird auch in Deutschland gefordert, weil die
formellen Sozialversicherungssysteme unter Globalisierungsdruck geraten. Das
tun auch die informellen Systeme in Tansania, aber hier funktioniert die
Solidarität in der Großfamilie noch einigermaßen. Noch garantiert sie die
Kohäsion einer Gesellschaft, in der jedes zweite Mitglied mit etwa einem
halben EURO am Tag ums Überleben kämpft. Solidarität innerhalb der
Familie ist auch Ausdruck praktizierter Nächstenliebe: Sich in Solidaritätsgruppen
für Menschen auf der anderen Erdhalbkugel zu engagieren (Fernstenliebe) und
die eigenen Eltern im Pflegeheim versorgen zu lassen, ist in Tansania kaum
jemandem vermittelbar.
Die Tansanier wissen, dass Glücklichsein auch mit Genügsamkeit zusammenhängt.
Mit anderen Worten: Die
Industrieländer haben auf dem Weg zur goldenen Mitte des sozialen Fortschritts
noch eine ähnlich weite Strecke zurückzulegen wie die Menschen in Tansania.
Die Herausforderung für die Entwicklungspolitik (die tansanische und
internationale) besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer
sich die Gesellschaft schrittweise 'modernisieren' kann, ohne die vorbildhaften
Eigenschaften der tansanischen 'culture of peace' gänzlich zu opfern. Und vor
allem: Sie muss alles daransetzen, damit die Menschen Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten
zurückgewinnen. Dieser Prozess wird mit Sicherheit nicht bis 2015 abgeschlossen
sein. Dass Tansania heute zu den vielversprechendsten Ländern Afrikas gehört,
hat auch mit der nervenaufreibenden Langsamkeit zu tun, mit der sich die Dinge
bis heute 'ent-wickelt' haben. Es muss um ganzheitliche und nachhaltige
Entwicklung gehen und nicht um schnelle Erfolge innerhalb einer fiktiven Deadline – das lässt sich eben besonders gut an den endogenen
Entwicklungshindernissen zeigen.
Bilanz
der Situation und 'Perspektive 2015'
Eine Bilanz der
Entwicklungserfolge Tansanias kann sich nicht auf einen Zeitraum von 100 Jahren
beziehen, auch nicht auf 40 nach der Unabhängigkeit, sondern kann sinnvoll erst
Anfang der 90er Jahre ansetzen (s.o.). Mit anderen Worten: Es ist viel zu früh
dafür. Ein Land kann nicht in weniger als 25 Jahren (bis 2015) das erreichen,
was in Europa eine Ewigkeit gedauert hat. Tatsache ist, dass in Afrika im
allgemeinen - und in Tansania im besonderen - in den letzten 10 Jahren
vielleicht mehr erreicht worden ist, als in jedem anderen Kontinent der Welt.
Entwicklungserfolge sind mehr als die Summe von Teerstraßen (Afrika hat davon
wohl weniger als Polen), Telefonen (... weniger als Manhatten) und
Direktinvestitionen (... weniger als Singapur). Ein Fortschritt ist es auch,
wenn ein Minister zurücktritt, weil eine freie Presse über seine
Skandale berichtet. Das wäre in Tansania jahrzehntelang völlig undenkbar
gewesen. Die Zivilgesellschaft wächst täglich mit atemberaubender
Geschwindigkeit. Mit ihr die Zahl der Institutionen, die mit Gemeinnützigkeit
wenig im Sinn haben (ich nenne sie Business Oriented NGOs, kurz BONGO, was auf
Swahili so viel heißt wie 'Bauernschläue'). Aber ohne Zivilgesellschaft ist
eine wirklich nachhaltige Entwicklung undenkbar. Auch der wachsende Bewusstsein
für 'Bürgersinn', 'Eigenverantwortung', 'politische Beteiligung' etc. ist
schwer bilanzierbar, zumal in Tansania, aber das alles sind ganz reale
Entwicklungserfolge, die von den makroökonomischen Parametern zu leicht verdrängt
werden.
Tansania hat die Inflationsraten
nachhaltig auf unter 5 % (!) gedrückt und erzielt seit Jahren ein solides Wirtschaftswachstum
von 4 bis 6 %. Bei einem Bevölkerungswachstum von 2 bis 3 % müssen die
Anstrengungen weiter verstärkt werden, aber die Erfolge sind beachtlich. Die
Trends beim Human Development Index sind noch nicht eindeutig, aber
Tansania hat bei diesem holistischen Bewertungsschema eine weitaus bessere
Position, als bei den rein ökonometrischen Rankings.
Das Ziel, die extreme Armut
signifikant zu reduzieren, ist noch lange nicht erreicht, aber an den Grundlagen
hierfür wurde mit Erfolg gebaut. Damit haben sich auch die Rahmenbedingungen für
mehr Nachhaltigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) verbessert. Die Millenniumsziele bezüglich der
Grundbildung, der Geschlechtergleichstellung, Verringerung der
Kindersterblichkeit und Verbesserung der Gesundheit der Mütter können erreicht
werden. Was den Umweltschutz und die Bekämpfung von HIV und Malaria anbelangt,
sind die Herausforderungen überwältigend groß.
Von erheblicher Bedeutung für
die Entwicklung des Landes ist die regionale Kooperation (diese wird auch
durch deutsche EZ unterstützt), weniger innerhalb der SADC, als vielmehr als
Teil der East African Community. Die gerade in Kraft getretene (partielle)
Zollunion ist ein vorläufiger Höhepunkt dieser 'Regionalization'. Dabei darf
nicht vergessen werden, dass noch Ende der 1960er Jahre ca. 90 % der Bevölkerung
Tansanias weder in Dörfern noch in Städten lebte. Das von Nyerere erzwungene
Dorfentwicklungsprogramm 'Villagization' ist innerhalb eines Menschenlebens von
den Phänomenen 'Urbanization', 'Nationalization' und 'Regionalization'
eingeholt worden. Mit der 'Globalization' schließt sich der Kreis: Menschen rücken
näher zusammen, ob in einem 'local village' (wie vor knapp 40 Jahren) oder in
einem 'global village'. Nur die Globalisierung, wie auch die
Strukturanpassungsmaßnahmen, wirken noch nicht 'flächenhaft', sondern sind
eher ein Netz, dessen Knotenpunkte die städtischen Eliten in den großen Städten
weltweit verbindet. Die Maschenweite dieses Netzes ist in Tansania riesig groß:
Ein paar Kilometer außerhalb der Städte weiß man mit den Verlockungen und
Zumutungen von Handys, Laptops und Kreditkarten nichts anzufangen. Der Besucher
begibt sich auf eine Zeitreise in eine Epoche, die durch einen völlig anderen
Umgang miteinander, mit der Zeit und mit technischen Hilfsmitteln gekennzeichnet
ist.
Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Trotz aller Defizite können die
Reformbemühungen Tansanias anderen Staaten Afrikas als Vorbild gelten. Die
damit im Zusammenhang stehende Qualifikation für den Teilerlass der
Staatsschulden im Rahmen der HIPC-Initiative, aber auch deren Konditionierung,
hat Tansania Spielräume für Verbesserungen in Bereichen eröffnet, die in den
Programmen zur wirtschaftlichen und politischen Strukturreform (PRGF, PRS und
deren Vorgänger) vernachlässigt worden waren, va. im Bildungs- und
Gesundheitssektor.
Tansania gehört zu Recht zu den
Schwerpunktpartnerländern der EZ mit Deutschland und
ist eines der wichtigsten Empfängerländer deutscher Unterstützung in Afrika.
Hinzu kommt eine erhebliche Hilfe, die über die EU und andere multilaterale
Geber geleistet wird. Die bilaterale deutsche EZ konzentriert sich auf das
Gesundheitswesen, die Wasserversorgung, den Ressourcenschutz sowie den 'Kapazitätsaufbau'
in Regierung und Verwaltung. Diese Schwerpunktsetzung steht weitgehend im
Einklang mit den MDG und die Qualität der deutschen EZ wird in Tansania geschätzt.
Vielversprechend scheinen auch die Bemühungen der EZ zu sein, den Privatsektor
zu stärken (PPP, etc.) und die Regierung beispielsweise im Bereich des Rechts-
und Steuerwesens zu unterstützen.
© Dr. Thomas
Scheidtweiler
Referatsleiter Afrika, KAAD
10.03.2005