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Tadschikistan
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Hintergründe

Flagge

Gesellschaftlich betrachtet ist die Bevölkerung Tadschikistans ausgesprochen heterogen zusammengesetzt. Beim näheren Hinsehen - und das Bürgerkriegsgeschehen von 1992-1997 hat dies nur unterstrichen - sind eine ganze Reihe von mehr oder minder scharf ausgeprägten Bruchlinien entlang ethnischer, regionaler und lokaler Identitäten - aufsteigend patrilinearer Familienverbände (avlod), Clanwesen, Jahrgangsgruppen und Nachbarschaftsgemeinschaften zu erkennen. Diese Heterogenität ist nicht zuletzt historisch und topographisch begründet. Tadschikistan bildete durch seine Gebirgigkeit über Jahrtausende hinweg einen menschlichen Rückzugsraum. Großangelegte Umsiedlungsaktionen, Migrations- und Emigrationsprozesse trugen im 20. Jahrhundert noch ein Übriges zur Fragmentiertheit der Einwohnerschaft des Landes bei. Gegen diese Erscheinung vermochten Bemühungen um die Bildung einer einheitlichen Nation der Tadschiken, die rund 65 Jahre lang unter sowjetischer Herrschaft liefen und bis heute auf teilweise recht ähnliche Weise fortgesetzt werden, nur begrenzt etwas auszurichten.

Melonenverkäufer

1911 um 2000

(Quelle: Library of Congress)

(Quelle: Travel through Tajikistan, 2003)


Der Bürgerkrieg 1992-1997 fügte dem fragilen Sozialgefüge Tadschikistans in vielerlei Hinsicht schweren Schaden zu. Nicht nur, daß er die genannten gesellschaftlichen Bruchlinien aufriß sowie erhebliche Migrations- und Fluchtbewegungen auslöste, sondern er trug auch bedeutend dazu bei, daß nun weite Teile der Bevölkerung in grobe Armut gestürzt sind. Das einst, in sowjetischer Zeit gut ausgebaute Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen hat extreme Einbußen erlitten. Tadschikistan läuft Gefahr, seines "Humankapitals" verlustig zu gehen und eine verlorene Generation zu erzeugen.

Grunddaten
Der Bevölkerungswachstum wird derzeit auf knapp um die 2% pro Jahr geschätzt; 46% der Bevölkerung sind unter 16 Jahre alt; über 70% leben auf dem Lande; die Analphabetismusrate wird offiziell mit unter 1% angegeben, dürfte mittlerweile aber deutlich höher liegen (in einer Sommer 2006 erschienenen Studie zum Bildungswesen ist von 12% die Rede). Armut und Mängel im Gesundheitswesen schlagen sich in erhöhter Kindersterblichkeit (71 bis zum Alter von 5 Jahren auf 1000 Geburten) und verminderter Lebenserwartung (durchschnittlich 64 Jahre) nieder. – Einen breiten Überblick über die sozio-ökonomische Lage Tadschikistans bietet die Weltbank in Form eines 2005 fertiggestellten Atlas (PDF-Datei, 5,5 MB) an.

Bildungswesen:
Obwohl schon seit einigen Jahren der Bildungssektor zu einem prioritären Ziel entwicklungspolitischer Maßnahmen geworden ist, erscheint die Lage in diesem Bereich nach wie vor bedenklich:

  • die Teilnahme schulpflichtiger Kinder an der Grundbildung war bis zum Jahr 2000 auf unter 85% gesunken; der Mädchenanteil in der Sekundarstufe war von 49% in 1991 auf 38% in 2001 zurückgegangen; auf der anderen Seite betrug 2000 der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahre an der Gesamtbevölkerung bereits 50% (mit steigender Tendenz); von den über 1 Mio Kindern im Vorschulalter besuchen nur noch ca. 6% Vorschuleinrichtungen, deren Qualität wiederum seit Anfang der 1990er Jahre ständig nachgelassen hat;
  • die materielle und finanzielle Ausstattung der Schulen ist vielerorts erbärmlich zu nennen (fehlende oder veraltete Lernmaterialien; kaputtes Mobiliar, defekte Heizungs- und Sanitärsysteme, was u.a. zu den hohen Fehlzeiten unter Schülern beiträgt);
  • es herrscht Lehrermangel (offiziell fehlen rd. 6000), die Qualifikation des Personals ist deutlich gesunken; dies beides hängt nicht zuletzt mit den niedrigen Gehältern im Bildungsbereich zusammen (derzeit nach mehrfachen Erhöhungen um die 20 US$ im Monat, wobei allerdings 2007 die bislang geleisteten Zusatzvergütungen wie freier Gesundheitsfürsorge, Büchergeld u.a. weggefallen sind);
  • die Ansätze und Vorgehensweisen in der Bildungspolitik- und verwaltung gelten als veraltet, der Bildungsetat des Landes als erheblich zu niedrig.

Gemäß den Befunden eines August 2006 vorgelegten Strategiepapiers (PDF-Datei, 465 KB) des Bildungsministeriums (in Zusammenarbeit mit der Weltbank, ADB und UNICEF erstellt) hat sich in der Konsequenz u.a. ergeben, daß mittlerweile unter den 20-30jährigen ein wesentlich niedrigerer Bildungsgrad als unter den über 40-jährigen herrscht. Angesichts solcher Defizite scheint ein seit 2003 laufendes und mit 20 Mio US$ gefördertes Modernisierungsprojekt des Bildungswesens durch die Weltbank, das bislang insgesamt 454 Schulen (=12%) erfaßte, eher ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Schon länger im Bildungsbereich engagiert ist die Agha Khan Stiftung, die sich unter anderem auch durch die Gründung einer länderübergreifenden Zentralasiatischen Universität für die entlegenen Bergregionen hervorgetan hat.

Gesundheitswesen:
Ähnlich wie im Bildungsbereich haben niedrige Gehälter und ein geringer Haushaltsetat im staatlich geführten Gesundheitssektor zu einer erheblichen Erosion geführt (Mißmanagement, Personalmangel, sinkende Qualifikation, fehlende technische Ausstattung, Zerfall bestehender Einrichtungen und Korruption – nach Angaben im zweiten Armutsstrategiepapier (von 2007) sollen 70% der finanziellen Ausstattung des Gesundheitsbereichs aus "inoffiziellen Privatzahlungen" resultieren). Besonders stark vom Verfall betroffen ist die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum. Diese Umstände tragen zweifelsohne zu der erhöhten Kindersterblichkeit und gesunkenen Lebenserwartung bei, ebenso wie zur verstärkten Gefahr von Seuchen und Ausbreitung von Infektionskrankheiten (AIDS ist in Tadschikistan noch kein Faktor von gravierender Bedeutung).


Die Traditions- frage














Abb.
gewebter
Seidenstoff (Ikat),
Ende 19. Jh.

Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen äußeren Bedingungen, aber auch durch den Wegfall des sowjetischen Systemdrucks sind inner-gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Fragen der Weltanschauung in Tadschikistan verschiedentlich ins Rutschen geraten.

Zwischen Tradition und Moderne?

frommer Pilger, 1995 Parlamentsabgeordnete, um 2000

Photo: © R.Eisener

(Quelle: Madschlisi Oli)


Was westlichen Betrachtern an Tadschikistan als gewachsen orientalisch-islamisch mit irgendwie aufgesetzten Kennzeichen von Modernität erscheinen mag und sie demgemäß handeln läßt, ist dortiger Selbstwahrnehmung entsprechend - zumindest teilweise - eine Fehleinschätzung: "Der Westen soll uns [ehemalige zentralasiatische Sowjetrepubliken] als europäische Staaten anerkennen, aber mit muslimischen Kulturen" (Zitat eines Beraters des tadschikischen Präsidenten). Dies darf als ein Hinweis darauf verstanden werden, daß die Abfolge mehrerer, sowjetisch geprägter Generationen zu einer Herausbildung "neuer" Traditionen geführt hat, die nun gleichberechtigt neben "alten" bestehen.

Das "Alte" hat sich über die sowjetische Zeit im Gewand sogenannter nationaler Traditionen gehalten, jedoch auch starke Einbußen erlitten, z.B. durch einen Wechsel von der arabischen zur lateinischen (um 1930) und dann zur kyrillischen Schrift (um 1940) oder durch scharfe Verfolgungen religiöser Erscheinungen. Seit Ende der 1980er Jahre setzte ein rapides Wiederaufleben der Religion im öffentlichen Raum ein, das sich zunächst einmal hauptsächlich auf eine freie Glaubensausübung der Muslime konzentrierte, aber auch von einem steigenden Interesse am "politischen Islam" begleitet war (- generell zu Fragen des Islam und der islamischen Kultur hält die Universität Leipzig ein breites Informationsportal bereit; Einblick in die religiösen Lehren aus der Binnenperspektive bietet das saudi-arabische Ministerium für Islamische Angelegenheiten).

Für die meisten Tadschiken ist der Islam zumindest als eine Facette ihrer Kultur und im Bereich zentraler Ereignisse des Lebens (Geburt, Hochzeit, Tod) wichtig. Außerdem bilden mit dem Islam assoziierte Vorstellungen ein bedeutendes Fundament für zahlreiche Aspekte der gesellschaftlichen Moral und Normen. Dieser Bedeutung der Religion im Alltag hat etwa die Regierung, mit ihrem betont säkularen Anspruch, angesichts des allgemeinen Verfalls und schlechter Lebensbedingungen wenig entgegenzusetzen. Die seit den 1990er Jahren zu beobachtende Rückkehr von Frauen in althergebrachte Rollenmuster (PDF-Datei, 684 KB) ist u.a. gleichfalls unter diese Zusammenhänge einzuordnen.


Kunst und Kultur






Abb.

gewebtes Band
Mitte 20. Jh.

Abb.

Stickerei (Suzani)
um 1900

Wie in der Gesellschaft so ist auch bei den Künsten ein Nebeneinanderher, Verschmelzung und wechselseitige Beeinflußung von traditionellen und westlichen Techniken, Formen und Genres zu verzeichnen – eine Folge der rd. 70 Jahre Sowjetherrschaft und der unter ihr favorisierten streng akademischen (westlichen) künstlerischen Ausbildung. Trotz eines starken Wegzugs, insbesondere auch von talentierten Künstlern, die seit den 1990er Jahren vorzugsweise ihr Glück im Ausland und auf dem internationalen Markt suchen, hat Tadschikistan noch immer Beachtenswertes zu bieten. Ein Blick auf altes und neues Kunst- und Kulturschaffen läßt sich über Naison (= April; hier in der Bedeutung von "Frühling" verwendet) oder bei Tajik Artists erhaschen. Als Ausbildungsstätte bietet sich das Staatliche Institut für Kunst an. Mit der nötigen Geduld bzw. mit einer hinreichend schnellen Verbindung läßt sich z. B. auch diverse tadschikische Musik aus dem Internet herunterladen.


Moderne mit Tradition?

Ausstellungsplakat von
Künstlerinnen in Tadschikistan, 2003
Panneau
Zentraltadschikistan, Anfang 20. Jh.


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