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Tschad
Seite 2: Geschichte, Staat & Politik

Besonderheiten der Landesgeschichte

Der Tschad die Wiege der Menschheit? Seit man den Schädel von Toumai ("Hoffnung auf Leben, Lebensmut"), eines ca. 7 Mio. Jahre alten Humanoiden im Djourab gefunden hat, ist darüber eine hitzige Expertendiskussion entfacht worden. Vieles zur neolithischen Periode der heutigen Sahelzone und den spektakulären Felsenmalereien im Tibesti und Ennedi Gebirge im Norden des Tschad gibt es bei ennedi.free  zu entdecken. Von der frühen Besiedelung des heutigen Tschad zeugen ausserdem etliche Überreste von Tongefäßen und Steinwerkzeugen, die u.a. in der Gegend um den Tschadsee gefunden wurden. Besonders interessant gelten dabei die Funde vom legendären Volk der Sao, das als eine der ältesten, eisenführenden Kulturen Westafrikas in die Geschichte eingegangen ist und sowohl einzigartige Bestattungsgefäße herstellte, als auch im städtebaulichen und künstlerischen Bereich wegweisend war.


Die historischen Epochen

In vorkolonialer Zeit wurde das Gebiet um den Tschadsee zum Knotenpunkt  des Transsaharahandels (Haupthandelsgüter waren Salz, Gold, Elfenbein, Gewürze und Sklaven). Die bedeutendsten zentralistischen Reiche waren Kanem Bornou, das ab dem 8. Jahrhundert zur dominanten Macht  in der Tschadregion erstarkt war, und Baguirmi und Quaddai, die etwa ab dem 16. Jahrhundert Kanem die Vormachtstellung nahmen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versetzte der Sklavenhändler Rabah al-Zubair aus dem heutigen Sudan die Region in Angst und Schrecken und unterwarf weite Teile der Gebiete um den Tschadsee. Erst den Franzosen, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Süden in die heutigen Gebiete des Tschad eindrangen gelang es im Jahr 1900, in der entscheidenden Schlacht bei Kousseri, ihm Einhalt zu gebieten.
Die Kolonialmacht Frankreich konnte nur in einigen Teilen des südlichen und für sie nützlichen, weil fruchtbaren Tschad (Baumwollanbau) für 60 Jahre Fuss fassen, den nördlichen Teil verwalteten sie rein militärisch. Das Land hatte für die Franzosen überwiegend strategische Bedeutung, so dass auch die Infrastruktur in den Jahren der Kolonisierung nur rudimentär und jeweils nach den wirtschaftlichen und politischen Bedürfnissen ausgerichtet, aufgebaut wurde. Zu diesem Zwecke führten sie im Süden auch ein bescheidenes Bildungswesen ein.

1884  In Berlin (Kongokonferenz) wird Afrika auf dem Papier unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Die Gebiete des heutigen Tschad werden Frankreich zugesprochen, das Ende des Jahrhunderts damit beginnt vom Süden kommend die Gebiete zu besetzen.

1900  Die französich besetzten Gebiete werden zum Protektorat Frankreichs, drei Jahre später zur Kolonie der Franzosen erklärt.

1908  Die Kolonie Tschad wird Teil des Verwaltungsgebietes von Französisch-Äquatorialafrika.

1920  Das Gebiet wird zur eigenständigen Kolonie erklärt.

1934  Der Aouzou - Konflikt nimmt seinen Anfang, da die Grenzziehung nach Norden (italienische Kolonie Libyen) von Italien nicht ratifiziert wird.

1946  Der Tschad wird als Überseeterritorium Teil der Französischen Union (Communauté Francaise). Im Land werden die ersten Parteien gebildet und Gabriel Lisette gründet zusammen mit anderen, aus dem Süden stammenden Intellektuellen die Unabhängigkeitsbewegung 'Parti Progressiste Tchadien' (PPT).

1958  Mit Billigung der Territorialen Versammlung wird der Tschad zur autonomen Republik innerhalb der Französischen Gemeinschaft ernannt.

1960  Am 11. August wird die Republik Tschad in die Unabhängigkeit von Frankreich entlassen. Die neuere Geschichte wurde durch die Politik des ersten Präsidenten des Tschad Ngarta Tombalbaye und seine Nachfolger entscheidend geprägt.

Einen groben Überblick zu allgemeinen Eckdaten der Geschichte des Tschad von 1900 bis 2005 bietet das Kulturmagazin Areion. Die aktuellsten Ereignisse sind übersichtlich bei izf.net und IRIN-News zusammengefasst, eine Übersicht der lokalen Presse findet man bei CEFOD (revues de presse ).


Hoehlenzeichnung
Felsenzeichnung in einer Höhle im Ennedi


Entwicklung des heutigen Staates

Die postkoloniale Geschichte des Tschad war geprägt von Bürgerkriegen und einer repressiven Staatsmacht. Nach hoffnungstragenden Anfangsjahren kam es durch Zentralismus und Repression schon früh zu Rebellionen in verschiedenen Teilen des Landes. Die vielfach vom Präsidialregime gepredigte nationale Einheit wurde der kulturellen und ethnischen Vielfalt des Landes keineswegs gerecht. Der Tschad blieb nach seiner Entlassung in die Unabhängigkeit ein zerrissenes Land, in dem Menschenrechtsverletzungen und Flüchtlingsbewegungen an der Tagesordnung waren.
Idriss Déby, der heutige Präsident, erschien in den ersten Jahren nach seiner Machtübernahme 1990 als Hoffnungsträger und Erneuerer auf der politischen Bühne. Er versprach dem tschadischen Volk freie Wahlen, eine neue Verfassung und die Einberufung einer souveränen Nationalkonferenz. Durch diese sollten die Aufarbeitung der Konflikte der letzten Jahrzehnte und der Aussöhnungsprozess in Gang gebracht werden. Aber trotz der anfänglich positiven Entwicklungen sollte es erst 1996 zu den ersten freien Wahlen kommen, wobei deren Ergebnisse umstritten blieben. Der fragile Staatsapparat wird auch unter Déby weiterhin durch Rebellionen vor allem im Norden und Osten des Landes destabilisiert. Inwieweit die politischen Transformationen eine Chance für den Demokratisierungsprozess bieten können, wird im Bericht der Bertelsmann-Stiftung näher beleuchtet. Der Politologe Volker Gerdesmeier untersucht in einer Konfliktanalyse vom Dezember 2007 die Ursachen und Akteure der 'Gewaltsame(n) Konflikte im Tschad'.


Staatsform

Nach der Verfassung vom 14. April 1996 und in Anlehnung an das französche Modell ist der Tschad eine präsidiale Republik mit einem Mehrparteiensystem, aber mit stark autokratischen Zügen.


Verfassung und Gewaltenteilung

Per Referendum wurde die Verfassung mit 61,5% der Stimmen am 31. März 1996 vom Volk angenommen. Erarbeitet wurde sie von der Souveränen Nationalkonferenz während einer dreijährigen Übergangsphase. Ihre Aufgabe wurde jedoch dadurch erschwert, dass sie zunächst die vorangegangen jahrzehntelangen gewalttätigen Konflikte aufarbeiten musste.
Jedoch wurde von der Regierungspartei MPS seit 2000 eine Verfassungsänderung angestrebt, die die Beschränkung der Präsidentschaft auf zwei Legislaturperioden aufhebt. In einer gemeinsamen Deklaration haben sich fast alle Oppositionsparteien scharf gegen den Versuch Débys ausgesprochen, sich auf diese Weise weitere Wiederwahlen zu ermöglichen. Die Verfassungsänderung wurde dennoch im Mai 2004 durch das Parlament angenommen und vom Volk am 6. Juni 2005 durch ein Referendum bestätigt. Voran gegangen waren schwere Vorwürfe der Opposition über Wahlmanipulationen, die auch nach der Wahl aufrecht erhalten wurden.


Formaler Staatsaufbau

In der Verfassung sind die rechtlichen Grundlagen für Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem, Grundrechte und Dezentralisierung festgeschrieben, wobei z.B. für letzteres die Bedingungen noch nicht alle erfüllt sind. Zwar wurden im September 1999 28 Départements und 108 (städtische) Gemeinden als neue Verwaltungseinheiten gebildet, diese sind jedoch noch nicht alle funktionstüchtig. So wurde die 2. Parlamentskammer, d.h. der Senat als gesetzgebende Gewalt und Repräsentant der Gebietskörperschaften, bis jetzt nicht geschaffen.
Die Nationalversammlung (Assemblée Générale) als 1. Parlamentskammer hat 155 Abgeordnete , die vom Volk für vier Jahre gewählt werden. Allerdings haben die Abgeordneten ihr Mandat schon mehrmals eigenmächtig verlängert. Finanzielle Schwierigkeiten wurden für die Verschiebung der Parlamentswahlen 2001 und auch für die aktuelle Mandatsverlängerung angeführt.


Der oberste Repräsentant des Staates

Déby
Staatspräsident Idriss Déby Itno (Biographie) .


Biographische Daten:
Geboren 1952 in Berdoba/ Ennedi (Sous-Préfecture Fada); Muslim und Angehöriger der Ethnie der Zaghawa; besuchte u.a. die Offiziersschule in N´Djaména und absolvierte bis 1976 eine Pilotenausbildung in Frankreich; nach der Machtübernahme durch Hissène Habré 1982 Armeeoberbefehlshaber; 1985, nach dem Besuch der französischen École de Guerre, Berater Habrés für "Innere Sicherheit und Verteidigung"; nach dem 1. Putschversuch im April 1989 Flucht in den Sudan, von dort aus im Dezember 1990 als Anführer der Rebellenbewegung Mouvement Patriotique du Salut (MPS) Eroberung der Macht in N´Djaména; seit 4. Dezember 1990 Präsident, am 4. März 1991 offiziell vereidigt; umstrittener Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 2. Juni/  3. Juli 1996, am 20. Mai 2001 und 3. Mai 2006. Die offizielle Webseite des Präsidenten ist seit kurzem wieder online, ebenso informiert die Primature .


Recht, Ordnung und staatliche Sicherheit

Der Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Chef des Ministerrats (Regierungskabinett) und ernennt als solcher den Premierminister, der seinerseits die Regierung bildet. Der vorletzte Premierminister, Mussa Faki , wurde nach lang anhaltenden Streiks im öffentlichen Sektor und Meinungsverschiedenheiten mit dem Präsidenten entlassen (Hintergrundbericht) und am 4. Februar 2005 von Pascal Yoadimnadji aus dem Süden ersetzt, der jedoch überraschend am 23. Februar 2007 in Paris verstorben ist. Er wurde durch Delwa Kassire Coumakoye ersetzt. Bei der Regierungsumbildung Anfang März 2007 wurde ein wichtiger Rebellenführer Mahamat Nour Abdelkerim kurzfristig als Verteidungsminister in die Regierung integriert, bevor er sich wieder mit Déby überwarf und in der libyschen Botschaft Zuflucht fand. Inzwischen führt er wieder eine der wichtigsten Rebellengruppierungen die FUC (Front Uni pour le Changement) an.
Eine chronologische Liste aller Präsidenten und Premierminister sowie der französischen Gouverneure finden Sie hier.
Der Präsident wird für fünf Jahre in Direktwahl nach Mehrheitswahlrecht gewählt, wobei es ggf. zur Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten kommen kann. Die durch das Parlament und per Referendum vom Volk angenommene Verfassungsänderung erlaubt dem Präsidenten seit 2005 die Ausübung mehrerer Mandate.

Die Justiz ist formell unabhängig, steht jedoch unter dem Druck der Exekutive und ist auch durch Korruption bedroht. Das höchste Gericht, der Cour Suprême und die Révue Juridique geben Einblicke in einige Rechtsfälle.


Begrüßung des neuen







        Präfekten in Massaguet
Die Begrüßungszeremonie aus Anlass der Einführung des neuen Präfekten des Département Hadjer Lamis


Machthaber und Machtgruppen

Mit der Einführung des Mehrparteiensystems haben sich dutzende Parteien gebildet. Ihre Wählerbasis beruht zumeist auf ethnischer Zugehörigkeit, die sich über die regionale Herkunft des jeweiligen Kandidaten definiert. Die wichtigste und beherrschende politische Kraft ist die vom Staatspräsidenten geführte Mouvement Patriotique du Salut (MPS), die derzeit mit 110 von 155 Abgeordnete im Parlament vertreten ist.

Die wichtigsten legalen Oppositionsparteien wie z.B. die UNDR von Kebzabo oder die FAR von Yorongar, die mit weiteren vier Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl 2001 gegen Déby angetreten waren, beklagten sich - wie bereits bei den vorherigen Wahlen 1996 - über massive Wahlbehinderungen und Unregelmäßigkeiten und fochten die offiziellen Wahlergebnisse an. Bei den Parlamentswahlen 2002 kam es zum Wahlboykott einiger Oppositionsparteien. International wurden die Wahlen aber als "einigermaßen fair" angesehen, was in einem ausführlichen Dossier aus tschadischer Perspektive kritischer bewertet wird. Weitere Oppositionsgruppierungen wie FNTR, PLT und FUDP haben in dem Portal Al-Wihda und UDT ein Forum gefunden.


Politische Auseinandersetzung und Machtkämpfe


















Jüngste Krisen und Konflikte



Seit 2005 sieht sich die Regierung Déby einer immer stärker werdenden Oppositon auch aus den inneren Reihen der Macht ausgesetzt. Öffentliche Streiks wegen lang ausbleibender Lohn- und Rentenzahlungen, desertierende Militärs sowie Vorwürfe wegen Zwangsrekrutierungen sind im Kontext des Konflikts mit dem Sudan, der  Flüchtlingskrise im Darfur und Osttschad sowie dem Konflikt mit der Weltbank zu sehen. Die Regierung des Tschad hat den Vertrag über die Finanzierung eines Zukunftsfonds aus den Einnahmen der Ölförderung aufgekündigt, um die Mittel zur Bewältigung der gegenwärtigen Krisenherde einzusetzen, weswegen die Weltbank die Gelder auf einem Treuhandkonto in London eingefroren hatte.

Die außerparlamentarische und bewaffnete Opposition (runterscrollen; les politico-militaires) mit ihren wechselnden Allianzen sorgt, wie in den letzten Jahren die MDJT unter Youssouf Tougouimi, durch militärische Herausforderung der Zentralregierung immer wieder für politische Unruhen. Eine weitere Oppositionspartei ist u.a. die MDD. (Bemerkung: Einige der tschadischen Webseiten sind manchmal nicht erreichbar!)

Die sich verstärkt aus dem Clan der Zaghawar formierende Opposition aus fahnenflüchtigen Militärs und Rebellengruppen im Osten des Tschad haben bereits 2006 zu einer ersten übergreifenden Allianz, der "Socle pour le changement, unité nationale et démocratie" (SCUD), geführt, die Spekulationen über ein Ende der Ära Déby? Nahrung gab.
2007 und 2008 haben sich die Auseinandersetzungen weiter verschärft und eskalierten in der jüngsten Rebellenoffensive am 2. und 3. Februar, in der die Hauptstadt N'Djaména kurzzeitig eingenommen wurde. Durch die Unterstützung französischer Truppen konnte sich das Regime Déby einmal mehr an der Macht halten. Die chaotische Situation während und nach den Kämpfen
nutzte das Regime für sich, um willkürliche Verhaftungen von Oppositionspolitikern und Menschenrechtsaktivisten vorzunehmen. Zehntausende flüchteten nach den Kämpfen in N'Djaména in das nahegelegene Kousseri nach Kamerun, wo sie behelfsmäßig in Notunterkünften untergebracht wurden. Die Instabilität des Landes nimmt zu, trotz eines erneuten Friedensabkommen zwischen Déby und Bashir - das letzte am 13. März auf dem Gipfel der AU geschlossen und zwei Wochen später schon wieder gebrochen. Ende März 2008 haben sich die wichtigsten Rebellengruppen (UFDD, RaFD und FUC), die bei dem Sturm auf N'Djaména beteiligt waren, zu einer neuen Allianz zusammengeschlossen.


Dezentralisierung
Der ehemalige Bürgermeister Djabou bei der Aufführung eines Theaterstücks zur "Sensibilisierung" der Bevölkerung


Wahlen

Präsidentschaftswahl 2006: Schon im Vorfeld der Wahlen, im April des Jahres, brachte eine Rebellenoffensive das Land an den Rand eines Bürgerkriegs. Die FUCD unter Mahamat Nour Abdelkerim maschierte am 13. April 2006 in N`Djaména ein, um das Regime Déby zu stürzen und konnte nur mit Hilfe französischer Unterstützung abgewehrt werden. Trotz heftiger Proteste und dem Boykott der Opposition wurden wie geplant am 3. Mai 2006 die Präsidentschaftswahlen friedlich aber mit einer sehr geringer Wahlbeteiligung  abgehalten. Déby konnte diese mangels nennenswerter Gegenkandidaten mit 64,67% der Stimmen für sich entscheiden. Das Netzwerk von Vereinigungen der tschadischen Zivilgesellschaft CSARP stellte massive Wahlmanipulationen fest und fordert ein Nationales Forum für Frieden und Versöhnung. Von der Internationalen Gemeinschaft wurden die Wahlen akzeptiert, um eine weitere Destabilisierung zu vermeiden. (Hintergrundbericht der International Crisis Group). Die Kommunalwahlen werden seit Jahren immer wieder angesetzt und dann verschoben, da sowohl die Mittel als auch die notwendigen kommunalen Strukturen für die Wahlen fehlen.


Aussenpolitische Themen

Konfliktherd Darfur: Der Konflikt in der Grenzregion zum Sudan hat sich in den letzten Jahren zunehmend unter Beteiligung von Janjawid verschärft. Dabei hat er sich über die Grenze in den Tschad ausgeweitet und mittlerweile auch die Zentralafrikanische Republik ergriffen. Aufgrund des grenzüberschreitenden Konflikts und der daraus resultierenden Flüchtlingskrise haben sich im Tschad auch interkommunale Auseinandersetzungen zwischen Viehhaltern und Ackerbauern um die überstrapazierten Resourcen entwickelt. Aufgrund der schwierigen Sicherheitslage haben die Hilfsorganisationen ihr Personal stark reduziert oder sich ganz zurückgezogen.


Das Land im regionalen und internationalen Kontext

Flüchtlingskrise: Der seit dem Jahr 2003 andauernde Konflikt in Darfur hat ca. 235.000 Menschen aus dem Westen des Sudan auf der Suche nach Sicherheit über die Grenze in den Tschad fliehen lassen. Trotz diplomatischer Bemühungen und politischem Druck seitens der UN und AU sowie einzelner Regierungen hat sich die Sicherheitslage in Darfur bisher nicht wesentlich verbessert. Die Entsendung von internationalen Friedenstruppen und der 2008 eingesetzten Eufor-Friedenstruppe gestaltet sich sehr schwierig. Die Versorgung der über eine Million Binnenvertriebenen (IDPs) im Sudan durch UN- und Hilfsorganisationen wird immer stärker beeinträchtigt.
In der Region Ouaddai/ Biltine (Osttschad) wurde im Mai 2005 das 12. Flüchtlingscamp eröffnet. Die meisten der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Die Lage hat sich für sie bezüglich der Grundversorgung einigermaßen stabilisiert. Dennoch besteht gerade in den sensiblen Bereichen der Ressourcennutzung von Wasser, Holz, Acker- und Weideland noch weiterer Handlungsbedarf, um Konflikte zwischen lokaler Bevölkerung und Flüchtlingen zu vermindern.

Beim UNHCR finden Sie Statistiken und Übersichtskarten sowie die neueste "Real-time evaluation of UNHCR's IDP operation in Eastern Chad" und bei IRIN-News aktuelle Berichte zur Situation in der Region .

Mit der Dafur-Krise im Zusammenhang steht auch ein fehlgeschlagener Putschversuch gegen Déby im Mai 2004, der aus dem engeren Kreis seiner eigenen Ethnie heraus, den Zaghawer, durchgeführt wurde. Interne Konflikte um die Verfassungsänderung und damit auch um die Nachfolgeregelung des Präsidenten haben dabei ebenso eine Rolle gespielt. Déby wollte trotz verstärkten Widerstands aus den eigenen Reihen seinen Sohn als Nachfolger aufbauen, der jedoch aus nicht geklärten Gründen im Juli 2007 in Paris ums Leben kam. Im April 2006 kam es zum Angriff einer Rebellengruppe auf N'Djaména, der aber von der Regierung und angeblich unter Mithilfe der Französischen Armee zurückgeschlagen werden konnte. All diese Faktoren zusammengenommen haben zu einer Schwächung der Position Débys geführt, die sich durch den erneuten Rebellenangriff im Februar 2008 weiter fortsetzt.

Seit Juni 2005 finden auch im Süden des Tschad wieder größere Flüchtlingsbewegungen aufgrund der unsicheren Lage im Norden der Zentralafrikanischen Republik statt. Bei dieser Krise im Schatten der Darfur-Krise sind bisher mehr als 60.000 Menschen über die Grenze geflüchtet.


Camp Touloum
Das Camp Touloum bei Iriba


Medien

Radio: Das am weitesten verbreitete Medium als Informationsquelle und Nachrichtenübermittlung ist immer noch das Radio. Der staatliche Hörfunk RNT sendet v.a. in den Sprachen Französisch, Arabisch und Sara, aber auch in anderen Landessprachen. Auf diese Weise werden alle gesellschaftlichen Ereignisse wie z.B. Todesanzeigen, Schulabschlüsse, berufliche Beförderungen, festliche Ereignisse etc. bekannt gegeben. Auf Dorf- und Stadtebene wird diese Aufgabe nach wie vor auch von Crieurs Publiques ("öffentliche Ausrufer", runterscrollen) erfüllt.
Neben den internationalen Stationen wie RFI, Africa No.1 gibt es andere unabhängige Sender wie z.B. Radio FM Liberté, das von mehreren tschadischen Menschenrechtsgruppen gegründet wurde und, wie auch Radio Brakoss, wiederholt staatlichen Übergriffen und Schließungen ausgesetzt ist.

Presse: Neben der staatlichen Nachrichtenagentur ATP und der regierungsnahen Tageszeitung Le Progrès gibt es noch einige unabhängige bzw. oppositionelle Zeitungen, die meist wöchentlich in einer Auflage von ca. 3.000 Stück erscheinen. Zu den wichtigsten zählt N´Djaména Bi-Hebdo, die von dem Oppositionspolitiker Saleh Kebzaboh gegründet wurde. Weitere Zeitungen sind Le Temps und L´Oservateur sowie das monatlich erscheinende Politik- und Kulturmagazin Tchad et Culture (über www.cefod.org zu erreichen). Insgesamt gibt es ca. 30 Printmedien, darunter einige zielgruppenspezifische wie z.B. La voix du paysan.
Die Verhaftung von Jounalisten der Zeitungen Le Temps und L´Oservateur im Juni 2005 haben internationale Proteste hervorgerufen. Mit der Verschärfung des Konflikts haben auch die Presse und Medien mit stärkeren Einschränkungen zu kämpfen. Kritische Journalisten müssen daher mit Repressalien und Verfolgung rechnen.

Fernsehen: Es existiert nur ein staatliches Programm von Télé-Tchad, das ab nachmittags in Französisch und Arabisch sendet. Die mangelnde Infrastruktur und geringe Kaufkraft stehen einer größeren Verbreitung entgegen.




Menschenrechte

Menschenrechte spielen in der kritischen einheimischen Berichterstattung eine wichtige Rolle. Es haben sich bereits mehrere couragierte einheimische Menschenrechtsorganisationen gebildet, darunter die ATPDH (Association tchadienne pour la promotion et la défense des droits de l'Homme) der Aktivistin Jaqueline Moudaina (Preisverleihung). Amnesty International dokumentiert in ihrem Jahresbericht 2007 u.a. verschiedene Menschenrechtsverletzungen wie willkürliche Verhaftungen, Misshandlungen, Zwangsrekrutierungen sowie die Einschränkung der Presse- und Meinungsfreihei. Nach 12 Jahren wurden 2003 wieder Hinrichtungen durchgeführt. Auch in 2004 wurden Todesurteile verhängt, aber nicht vollstreckt. Einen Überblick für 2006 findet man bei Human Rights Watch.
Ein zentrales Problem besteht darin, dass die Straftäter häufig nicht gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden (impunité).

Besonderer Form von Gewalt sind vor allem Frauen in den Flüchtlingsgebieten ausgesetzt, da sexuelle Gewalt als Kriegsstrategie eingesetzt wird.

Die Untersuchungen zu den Menscherechtsverletzungen unter der Herrschaft von Ex-Präsident Hissène Habré ("Le jugement de Hissène Habré") werden in Belgien und im Tschad weiter fortgeführt (siehe auch Chronologie).
Auf Bitten der AU soll Senegal - wo sich Habré die letzten Jahrzehnte im Exil befand - die Durchführung des Gerichtsverfahren gegen Habré übernehmen und wird dabei von der EU unterstützt.

Nach der jüngsten Rebellenoffensive Anfang Februar 2008 kam es zu willkürlichen Verhaftungen und Bedrohungen von Oppositionellen, Regimekritikern und Menschenrechtsaktivisten durch die Regierung.


Minen
Minenfeld im Ennedi

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