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Tschad
Seite 4: Gesellschaft, Kultur & Religion

Makrosoziale Struktur

Flagge Niger

Die Kulturgeschichte des Tschad lässt sich zurückverfolgen bis in das Neolithikum. Noch aus dem 6. Jahrtausend vor Christi sind Felszeichnungen, die Hirtennomaden als Zeugnisse einer noch fruchtbaren Sahara im Tibesti und Ennedi-Gebirge hinterlassen haben, zu sehen. Von der frühen Besiedlung der Region rund um den Tschadsee zwischen dem 4. und 12. Jahrhundert zeugen Überlieferungen und Keramikfunde. Diese werden der legendären Kultur der Sao zugeschrieben, die sesshafte Landwirtschaft betrieben, befestigte Siedlungen erbauten und sich auf das Keramik- und Bronzehandwerk verstanden. Besser dokumentiert ist die weitere tschadische Geschichte durch arabische Reisende und Geographen sowie die Berichte europäischer Entdecker und Ethnographen, wie Heinrich Barth, Gustav Nachtigall und Gerhard Rohlfs.
Schon seit jeher waren der südliche und der nördliche Teil des heutigen Tschad sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und kulturellen Prägungen ausgesetzt.
Der großen zentralistisch geprägten Reiche des Nordens lassen sich seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. nachweisen und spielten auch später eine zentrale Rolle im Transsaharahandel. Der Islam verbreitete sich schon sehr früh, seit dem 11. Jahrhundert, in der Region des Tschadbeckens und einflussreiche Sultanate, wie das von Kanem-Bornou und Ouaddai und Barguirmi kontrollierten in den folgenden Jahrhunderten den Handel mit wertvollen Gütern wie Gold, Gewürzen, Edelsteinen und Salz. Das Haupthandelsgut bestand jedoch aus Sklaven (vereinzelt noch bis in die 1930er Jahre). Sie stammten meist aus dem südlichen und östlichen Teil des heutigen Tschad. Die Ethnien, die sich aus dieser Region angesiedelt hatten, waren zumeist in losen Dorfgemeinschaften organisiert und zeichneten sich durch eine weniger zentralistisch geprägte Gesellschaftsstruktur aus. Sie waren nicht so hierarchisch aufgebaut, zersplittert, und somit den Beutezügen der Sklavenjäger aus dem Norden relativ schutzlos ausgeliefert.


Hoehlenzeichnung
Felsenzeichnung in einer Höhle im Ennedi


Ethnizität

Heute gliedert sich das Land in mehr als 200 ethnische Gruppierungen, die sowohl sprachlich als auch kulturell sehr heterogen sind. Die geographischen Gegebenheiten der Sahara-, Sahel- und Sudanzone haben zu unterschiedlichen Wirtschaftsformen geführt, die sich in nomadischer, halbnomadischer oder sesshafter Lebensweise ausdrücken. Die sozio-ökonomische Gesellschaftsstruktur der verschiedenen Ethnien differiert daher stark. Vertreter der verschiedenen Wirtschaftsformen sind beispielsweise die Tubu-Nomaden der Sahara, die oftmals halbnomadisch lebenden arabischen Ethnien der Sahelgebiete und die sesshaften Sara der Sudanzone.


Hirseernte
Nachbarschaftliche Hilfe bei der Hirseernte


Stadt-Land- Verhältnis

Zwischen Stadt- und Land herrscht wie in vielen Ländern der Sahel-Zone auch im Tschad eine nicht zu übersehende Kluft. Der Urbanisierungsgrad liegt bei 24%. Die größte Stadt des Landes ist die Hauptstadt N'Djaména mit knapp einer Mio. Einwohner. Die Analphabetenquote wird bei den Männern auf etwa 59%, bei den Frauen auf etwa 87% geschätzt. Die Bevölkerung Tschads ist sehr jung. Die Altersstruktur liegt bei unter 15jährigen bei 47% und bei den über 65jährigen bei 2,9%. Das Durchschnittsalter beträgt 16,3 Jahren.


Geschlechter-  verhältnisse



Gesellschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen und Einflüsse prägen ganz entscheidend die Situation der Frauen im Tschad. Allerdings finden sich auch gemeinsame Komponenten. Als während des Bürgerkriegs viele Männer emigrierten oder keine Arbeit fanden, waren die Frauen gezwungen, neue Strategien zu entwickeln, um das Überleben der Familie zu sichern. Eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse war die Folge. Da die Möglichkeiten einkommenschaffender Aktivitäten sehr begrenzt war, konzentrierten sie sich auf die Herstellung von Nahrungsmitteln, bildeten Handelnetzwerke und nahmen dabei weite Wege auf sich. Der Konflikt ermöglichte Frauen in öffentliche, ehemals nur den Männern vorbehaltene Domänen vorzudringen und ihren Platz dort im Kleinhandel auch zu verteidigen. Allerdings darf dieser Umstand nicht vergessen lassen, dass Frauen nach wie vor nur geringe Handlungsspielräume und begrenzte Verfügungsgewalt über Ressourcen, ihren Körper, und ihr Handeln besitzen, auch wenn diese Tatsache natürlich von Ethnie zu Ethnie  variiert.
Einige aktuelle Artikel zu Frauenthemen und Diskussionen im Tschad bietet ein Dossier der monatlich erscheinenden Zeitschrift Tchad & Culture (alle Artikel können am Ende des Textes über "suivante" ancheinander abgerufen werden). Ausschnitte aus Lebensabschnitten von Frauen sowie Bräuche bei Hochzeiten und Geburten vermitteln einen kleinen Einblick in das Alltagsleben.

Beschneidung:
Die weibliche Beschneidung wird in weiten Teilen des Tschad, v.a. in den östlichen und südlichen Gebieten praktiziert. Dabei handelt es sich um die verschiedensten Formen und Ausprägungen von der sogenannten "kleinen Beschneidung" bis zur "Infibulation". Insgesamt sind davon ca. 60 % der Frauen im Tschad betroffen, wobei sowohl christlich und animistisch geprägte Ethnien als auch muslimische Ethnien diesen Eingriff durchführen. Im Kampf gegen die weibliche Beschneidung im Tschad wurde 1994 von der tschadischen Journalistin Zara Jacoub ein Aufsehen erregender Film gedreht. In "Dilemme au Feminin" wurden Ausschnitte einer reelen Beschneidung gezeigt und 1995 im tschadischen Fernsehen ausgestrahlt. Daraufhin erhielt Javoub mehrere Morddrohungen und es kam zur Verhängung einer Fatwa gegenüber der Journalistin. Über den Fall und die Wogen, die er nach sich zog, berichtet Amnesty International 1996.


Frauen
Frauen bei der Festmahlszubereitung


Bildung

Neben Koranschulen im Norden, deren Schüler "mouhadjirine" genannt werden, gab es vorwiegend im Süden die Institution der Initiationsriten, die der traditionellen Wissensvermittlung dienten. In den 1920er Jahren wurde von den Franzosen und den ersten christlichen Missionaren ein rudimentäres formales Bildungswesen westlichen Typs eingeführt. Generell lehnt sich das Schulsystem des Tschad bis heute an das Frankreichs an. Seit einigen Jahren kann jedoch sowohl Französisch als auch Arabisch als Unterrichtssprache gewählt werden.
Da der Staat jedoch nur zum Teil die Bereitstellung von Lehrmaterialien, Lehrerausbildung und -bezahlung wahrnimmt, sind die vielfach auf dem Land gegründeten Associations des Parents d'Élèves gezwungen, auf eigene Initiative und Kosten Lehrkräfte für ihre Kinder zu organisieren.


Gesundheit und Sozialwesen

Das Bildungs- wie das Gesundheitswesen englisch hat sich im Tschad aufgrund der instabilen politischen Lage der letzten Jahrzehnte nur rudimentär ausbilden können. Zwar hat sich die Situation durch die Unterstützung des Europäischen Entwicklungsfonds in den letzten Jahren verbessert, aber nach wie vor sind vor allem die ländlichen Gebiete sehr schlecht versorgt. Vor allem die Mütter- und Kindersterblichkeit ist im afrikanischen Vergleich sehr hoch. Die jeweiligen Präfekturen sind in Préfectures Socio-Sanitaires eingeteilt und verfügen über Krankenhäuser und Krankenstationen, die jedoch oft nur mit dem nötigsten ausgestattet sind und gravierende hygienische Mängel aufweisen. Lediglich 30% der Bevölkerung hat Zugang zu den primären Gesundheitseinrichtungen.
Von vielen Tschadern werden nach wie vor sowohl aus Kostengründen als auch aus Überzeugung traditionelle Heilmethoden bevorzugt.

HIV/Aids
Noch zählt der Tschad zwar nicht zu den Hochprävalenzländern, aber das Virus verbreitet sich besonders im Süden (Erdölregion) sehr schnell. Die Infektionsrate ist somit konstant steigend und aktuelle Statistiken sprechen von etwa 5% der Bevölkerung, die betroffen sein soll. Kulturelle und religiöse Tabus sowie eine große Unwissenheit bezüglich Übertragungsmöglichkeiten und Verwendung von Kondomen, führen zu großen Schwierigkeiten bei der Implementierung von Aufklärungskampagnen und Programmen.

Bei der WHO
englisch können Sie weitere statistische Informationen zum Gesundheitswesen abrufen.


Kunst/ Film/ Musik

In N'Djaména kann in der Bibliothek des CEFOD (Centre d' Étude et de Formation pour le Développement) nach Literatur zu den einzelnen Ethnien und anderen sozialwissenschaftlichen Fragen geforscht werden. Außerdem publiziert das Institut kleine Reihen zu politischen, juristischen und gesellschaftlichen Fragen, es gibt Bände zu tschadischen Sprichworten und Kurzgeschichten, Frauenfragen und oraler Literatur.
Das Centre Culturel Francais bietet Kulturveranstaltungen von Film über traditionelle und moderne Musik bis Tanz und aktuelle Informationen im Kulturbereich.
Die Universität von N' Djaména steht in Kooperation u.a. mit der Universität Hildesheim, hat aber leider keine eigene Webseite. Die Universität Bayreuth veröffentlicht wissenschaftliche Reihen zum Tschadbecken. Das Netzwerk Mega-Tschad betreibt interdisziplinäre Forschung zum Tschad-Becken; des weiteren werden viele wissenschaftliche Studien zur Tschadregion im französischen Verlag L' Harmattan aufgelegt.

Rafigui, das 'Journal des Jeunes Francophones au Tchad' berichtet auf seiner website unregelmäßig über soziokulturelle,  gegenwartsbezogene Themen und Neuigkeiten aus der Musik-, Film- und Kunstszene, die besonders städtische Jugendliche ansprechen soll.

Musik: 2007 hat die tschadische Sängerin Mounira Mitchala den großen Nachwuchspreis 'Prix Découvertes RFI' von Radio France International in Conakry erhalten. Sie gilt als hoffnungsvolles Talent mit der Fähigkeit in ihrer Musik traditionelle und moderne Elemente zu verbinden. Weitere Stars aus der tschadischen Musikszene finden Sie bei ialtchad.com.
 
Traditionelle Musikbeispiele werden bei tchadien.com vorgestellt.

Film:
Neben seinen bekannten Filmen "Bye Bye Africa" und "Abouna" (Unser Vater) hinterfragt der in Paris studierte tschadische Filmemacher Mahamat Saleh Haroun in seinem neuen Film "Daratt" (Trockenzeit) die Problematik von Amnestie und Toleranz in seinem Heimatland.

Kulinarisches:



Religion

Die Religion bestimmt und charakterisiert das soziale Leben der Menschen. Dies gilt sowohl für den Islam als auch das katholische und protestantische Christentum und die traditionellen afrikanischen Religonen (Animismus). Dabei werden die beiden monothestischen Religionen nicht als monolithische Blöcke wahrgenommen, sondern weisen auch synkretistische Elemente auf.
Die Muslime im Tschad folgen mehrheitlich der sunnitischen Rechtschule des Islam. In der früheren Geschichte haben mystische Bruderschaften insbesondere im Osten und Norden des Landes eine große Rolle gespielt. Gegenwärtig werden zunehmend Einflüsse des Islam, u.a. durch die Unterstützung Saudi-Arabiens, Libyens und des Sudan, im christlich geprägten Süden des Landes sichtbar. Arabisch als Verkehrssprache gewinnt immer mehr an Bedeutung.


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