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NZZ |
ZEITFRAGEN |
26. Oktober 2002 Nr. 249 87 |
Deutsche kamen aus allen Berufssparten, als Gelehrte, Kaufleute, Techniker, nach Mittelasien. Sie waren willkommen, zumal sich damals, wie 1910 der bekannte Afrikareisende und Schriftsteller H.-H. Graf von Schweinitz schrieb, Russen für die schwere Kolonisationsarbeit in Turkestan kaum fanden. Zahlreiche Deutsche wurden auch in die russische Kolonialverwaltung aufgenommen. Einigen von ihnen wie auch Reisenden aus Deutschland verdankt der deutsche Leser lebhafte und in mancher Hinsicht noch heute wertvolle Berichte über Mittelasien, seine Völker und Kulturen. Einen besonderen Platz nehmen die Beobachtungen über die einheimischen oder bucharischen Juden ein. Deutsche «entdeckten» oft mit Verwunderung, dass die bucharischen Juden ein «anderes», ihnen als Europäern bisher unbekanntes Judentum repräsentierten.
Die Andersartigkeit der bucharischen Juden fand ihren Ausdruck nicht so sehr im Äusseren, denn «der Typus der hiesigen Juden», wie Wilhelm Radloff, deutsch-russischer Orientalist, in seinem 1884 in Leipzig herausgegebenen Tagebuch «Aus Sibirien» bemerkte, «hat sich vollständig rein erhalten; das bezeugen die langen, gekrümmten Nasen, die schmalen, bleichen Gesichter mit hervorstehenden Lippen, vielfach von edlem, feinem Schnitte». Vielmehr bestand diese Andersartigkeit, so deutsche Beobachter dieser Zeit einstimmig, darin, dass die Juden von Buchara eine andere wirtschaftliche Rolle in den mittelasiatischen Gesellschaften spielten als die Juden in Europa. Die bucharischen Juden seien keine «Wucherer» und «Ausbeuter» gewesen, da diese «typisch jüdische» Funktion in Turkestan überwiegend von einer anderen Minderheit, und zwar den Indern, ausgeübt worden war.
Franz von Schwarz, ein Bayer aus München, der auf die Einladung des ersten russischen Generalgouverneurs von Kaufmann 15 Jahre lang die Stelle des Astronomen der damals neu gegründeten Taschkenter Sternwarte bekleidete, schrieb in seinem Nachschlagewerk «Turkestan» (1900) mit einem leicht verächtlichen Ton: «Da in Turkestan die Wuchergeschäfte fast ausschliesslich in den Händen der Inder liegen, die in dieser Beziehung den Juden weit überlegen sind, so verlegen sich die bucharischen Juden auf den Handel und auf den Betrieb von solchen Handwerken, welche mit keiner grossen körperlichen Anstrengung verbunden sind. Fast alle Färber, besonders Seidenfärber, sind Juden, ebenso wie die meisten einheimischen Apotheker und Ärzte.» Man könne den Juden «ihren Beruf schon an den beständig blauen Händen absehen» (vom ständigen Färben der Seide mit Indigo.)
Nach der russischen Eroberung und Kolonisation Mittelasiens wanderten nach Turkestan auch viele Juden aus dem europäischen Teil Russlands ein. In Turkestan entstanden parallele Welten des orientalischen und des europäischen Judentums. Parallel, weil sie verschiedene wirtschaftliche Nischen ausfüllten. Wenn die Juden von Buchara die oben erwähnten Berufe ausübten, waren die europäischen («polnischen») Juden eher den damaligen «jüdischen» Erwerbsquellen zugetan: «Die polnischen, russisch sprechenden Juden sind in allen Städten des russischen Turkestan verbreitet, wo sie die Rolle von Wucherern, Kupplern, Schnaps- und Bierbudenhaltern und Handwerkern, vornehmlich Schneidern und Schustern, spielen», schrieb Franz von Schwarz.
Diese Unterschiede in der wirtschaftlichen Tätigkeit der beiden jüdischen Gruppen war für deutsche Autoren oft ein Anlass, von den gewohnten Denkschablonen Gebrauch zu machen, wie dies F. von Schwarz tat: «Von der Arroganz, Unverschämtheit, Verschmitztheit und Zudringlichkeit und dem fabelhaften Schmutze der polnischen Juden ist bei den bucharischen Juden keine Spur zu finden. Sie sind ebenso reinlich wie die Sarten, dabei ausnehmend bescheiden und höflich und machen im Ganzen einen sympathischeren Eindruck als die Sarten und Usbeken.»
Diese ambivalente Einstellung der Deutschen zu den Juden in Mittelasien ist nicht nur Produkt der aus Europa althergebrachten Klischees und Projektionen. Vielmehr waren die «turkestanischen» Deutschen und Besucher aus Deutschland beeinflusst von der Sichtweise der russischen Regierung. In ihrer Politik den Juden gegenüber war diese im «heiligen» Russland antisemitisch und in Mittelasien - judenfreundlich. Jacques Jaeger, ein Reiseschriftsteller aus Österreich, bemerkte dazu in seinen «Wanderungen in Russland» (1900): «Den jüdischen eingeborenen Untertanen hat die Regierung gegenüber den eingewanderten Glaubensbrüdern gewisse Vorrechte zugestanden. Die letzteren müssen im Falle dauernder Niederlassung in Turkestan die Ausübung irgendeines Handwerkes nachweisen.»
Die russische Regierung und auch die Industrie betrachteten die einheimischen Juden wegen ihrer «Insiderkenntnisse» in Turkestan als nützliche Vermittler bei der Verbreitung von russischen Waren und Erzeugnissen auf den Märkten Mittelasiens und der Anrainerstaaten. Die Sympathie war auf beiden Seiten zu spüren, denn die Russen traten als hochwillkommene Befreier von der Unterdrückung auf, der die bucharischen Juden in den mittelasiatischen Chanaten ausgesetzt waren.
«Welche wunderbare Schickung!», ruft W. Radloff aus, als er nach der Einnahme von Samarkand durch die russischen Truppen im Jahre 1868 das Judenviertel der Stadt besucht. «Der Jude, welcher in Europa seit Jahrhunderten in Feindschaft mit dem Christen lebt, er begrüsst hier denselben Christen mit leuchtenden Blicken, drängt sich freudig an ihn heran und ist hocherfreut, ihm einen Gruss zuwinken zu können. Stolz betrachtet er den Christen als seinen Freund, seinen Beschützer, in seiner Nähe sieht er verachtungsvoll auf den Mohammedaner herab.» Es war auch nicht selten, dass diese Ambivalenz in eine kaum verhohlene Verachtung umschlug.
Dass bei wenig eigener Erfahrung die Vorurteile in den Vordergrund treten und der Unvoreingenommenheit wenig Platz übrig bleibt, war auch hier der Fall. Ein ehemaliger Wortführer der Zeitschrift «Das Ausland», Friedrich von Hellwald, gab in seinem Buch «Centralasien» (1880) über die bucharischen Juden in Turkestan folgende Auskunft: «Die sehr zahlreichen und sich wie überall kaninchenhaft vermehrenden Juden bewohnen ein eigenes Stadtviertel.»
Manche Autoren waren in ihrem Antisemitismus viel feiner. Man beschimpfte stellvertretend für die Juden ein anderes Volk, um dann mit einem nächsten Satz all die aufgezählten negativen Eigenschaften auf die Juden von Buchara zu übertragen. So verfuhr zum Beispiel Dr. W. Sievers, der nie in Mittelasien war, in «Asien» (1892), einem seiner grossen geographischen Werke, kurz als «Sievers' Länderkunde» bekannt: «Weiter treffen wir in Buchara Araber von völlig reinem Typus, besonders in der Hauptstadt, ferner Indier, die jedoch in der Regel nicht dauernd ansässig bleiben, sondern als Wechsler, Wucherer und Pfandleiher unter dem übrigen Volke leben, um, ähnlich wie die Italiener in Südamerika, das Land nach einer Reihe von Jahren als wohlhabende Leute zu verlassen. So bringen sie dem Chanat nicht den geringsten Vorteil, sondern saugen ihn geradezu aus. Einen ähnlichen Typus der Bevölkerung bilden die Juden, die auch hier ihren Handelsgeist im weitesten Masse betätigen, es teilweise zu grösseren Reichtümern gebracht haben, aber wie überall in der Welt, so auch in Buchara eine gesonderte Stellung einnehmen und sich in Kleidung, Tracht und Lebensgewohnheiten gewissen, von der Regierung auferlegten Beschränkungen unterwerfen müssen.»
Sogar über den angeblichen «Judengeruch» war zu lesen. Mit diesem versuchte man auch die von den mittelasiatischen Muslimen «gegen die Juden ergriffenen Oppressivmassregeln» zu erklären. F. von Schwarz sagte, er habe sich oft die Frage vorgelegt, was wohl die zentralasiatischen Herrscher zu allen Zeiten zu einem derartig strengen Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung veranlasst haben mag. Er findet keine «rein religiösen Gründe» und keine «staatsökonomischen Rücksichten», weil «sich die bucharischen Juden weder durch ihr aufdringliches Wesen noch durch Ausbeutung des Volkes bemerklich machen». Er sei deshalb geneigt, «die Abneigung, welche alle Völker Turkestans, mögen diese nun mongolischer oder arischer Abstammung sein, gegen die Juden bekunden, zum guten Teile dem Umstande zuzuschreiben, dass die Juden einen eigentümlichen, für alle Nichtjuden höchst unangenehmen spezifischen Geruch haben».
Die Geruchsempfindung deutscher Mittelasien-Reisender scheint überhaupt sehr sensibel gewesen zu sein. «Die Nase zu! heisst die instinktiv befolgte Parole», schrieb Dr. Richard Karutz, ein deutscher Ethnograph aus Lübeck, der 1904 Turkestan besuchte, über seine Eindrücke in dieser Region. Diese Empfehlung resultierte aus einer zufälligen Begegnung mit einer bucharisch-jüdischen Familie im Zug auf dem Wege von Samarkand nach Aschchabad. Die Familie, so Karutz, vertrieb sich die Zeit mit unaufhörlichem, eintönig plärrendem Gesang, an dem sich Mann und Frau beteiligten. «Wen sie (die Familie) damit noch nicht verjagt hatte, den verscheuchte sie durch einen widerlichen Geruch nach scharfen Gewürzen, der wie eine Wolke um sie herum lag.»
Wer heutzutage die entsprechenden Passagen über die Juden von Buchara aus den deutschen Reiseberichten liest, kann sich des Eindrucks schwer erwehren, er sehe darin die ersten Anzeichen des Unheils, das einige Jahrzehnte später die deutsch-jüdischen Beziehungen in Europa bestimmen sollte.
Literatur:
Hellwald, Friedrich von: Centralasien. Landschaften und Völker in Kaschgar, Turkestan, Kaschmir und Tibet unter Berücksichtigung der jüngsten Ereignisse in Afghanistan und von Russlands Bestrebungen und Kulturberuf. Leipzig 1880.
Jaeger, Jacques: Wanderungen in Russland. Zeitbilder aus den Balkanländern, Central-Russland, der Krim, dem Kaukasus und Central-Asien. Wien 1910.
Karutz, Dr. Richard: Von Lübeck nach Kokand. Ein Reisebericht von Dr. Karutz. Lübeck 1904.
Radloff, Dr. Wilhelm: Aus Sibirien. Lose Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Linguisten. Bd. 1-2. Leipzig 1884.
Schwarz, Franz von: Turkestan, die Wiege der indogermanischen Völker. Freiburg im Breisgau 1900.
Schweinitz, Hans-Hermann, Graf von: Orientalische Wanderungen in Turkestan und im nordöstlichen Persien. Berlin 1910.
Sievers, Dr. Wilhelm: Asien. Eine allgemeine Landeskunde. Leipzig und Wien 1892.